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Erster Holocaust-Lehrstuhl : Kein Vergessen im Land der Täter

  • -Aktualisiert am

Wo der Holocaust erforscht werden wird: Die Goethe-Universität Frankfurt, dessen Hauptgebäude Sitz des IG-Farben-Konzerns war. Bild: Philip Lisowski

Im Ausland längst Normalität, hierzulande ein Novum: Die Frankfurter Goethe-Universität richtet Deutschlands ersten Holocaust-Lehrstuhl ein. Das Land sorgt für die Finanzen.

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          Es hat erst der Leiter des Fritz-Bauer-Instituts gehen müssen, bevor die Frankfurter Goethe-Universität einen Lehrstuhl zur Erforschung des Holocaust einrichtet. Raphael Gross ist zwar Professor gewesen, doch nur Honorarprofessor und nicht ordentlicher Professor. Als er ein Angebot der Universität Leipzig annahm, das nicht nur einen Lehrstuhl, sondern auch die Leitung des Simon-Dubnow-Instituts für jüdische Geschichte und Kultur umfasste, sah man in Frankfurt und Hessen viele lange Gesichter.

          Den Weggang von Gross haben Wissenschaftsminister Boris Rhein (CDU) und die frühere Frankfurter Bürgermeisterin Jutta Ebeling (Die Grünen), die derzeit Vorsitzende des Stiftungsrats des Fritz-Bauer-Instituts ist, zum Anlass genommen, auf einen ordentlichen Holocaust-Lehrstuhl, wie es ihn sogar mehrfach in den Vereinigten Staaten, in England und anderen Ländern, nicht aber in Deutschland gibt, zu dringen.

          Land gibt 150.000 Euro jährlich

          Sie haben damit Erfolg gehabt, in dieser Woche unterzeichneten Rhein, Ebeling und Manfred Schubert-Zsilavecz, Vizepräsident der Goethe-Universität, im Wissenschaftsministerium in Wiesbaden einen entsprechenden Vertrag. Das Land verpflichtet sich darin, jährlich 150.000 Euro für besagten Lehrstuhl bereitzustellen. Die Professur wird international ausgeschrieben, mit einer Besetzung ist in zwölf bis 18 Monaten zu rechnen. Angesiedelt werden soll sie bei den Geschichtswissenschaften.

          Dass diese Professur, über die schon seit längerer Zeit diskutiert worden ist, jetzt eingerichtet wird, hängt gewiss auch mit der neuen Universitätspräsidentin Birgitta Wolff zusammen, die das Vorhaben klar unterstützte. Freilich hing auch in diesem Falle alles am Golde, sprich: am Geld. Es bedurfte der Zusage des Ministers, dass das Land zusätzliche Mittel für diesen Lehrstuhl zur Verfügung stelle, um das Vorhaben spruchreif zu machen.

          Rhein las im Studium Nürnberger Prozessakten

          Warum Rhein sich so sehr für die Holocaust-Professur starkgemacht hat, ist am Montag ein wenig deutlich geworden. Der Minister erzählte von seinem Jura-Studium, in dem er sich auch mit dem Nürnberger Kriegsverbrecher-Prozess beschäftigt habe. Ein Dokument, das dort von der französischen Anklagebehörde unter der Nummer F 321 vorgelegt wurde, hat Rhein eigenen Angaben zufolge nachhaltig beeindruckt. Es enthielt Berichte, wie SS-Männer im KZ Babys auf die grausamsten Weisen töteten. F 321 sei für ihn der Auslöser gewesen, Verantwortung zu übernehmen, sagte Rhein. Sein Ministeramt habe ihm nun die Chance eröffnet, aktiv etwas zu tun.

          Für Rhein kann es keinen Schlussstrich unter den Holocaust geben: „Im Land der Täter darf es kein Vergessen geben.“ Deshalb sei die Einrichtung der Professur ein überfälliger Schritt. Die deutsche Forschung müsse sich bei der Erforschung des Holocaust an die Spitze setzen, das Mittel dafür ist für Rhein die neue Professur und das Fritz-Bauer-Institut, welche das Land institutionell mit 350.000 Euro im Jahr unterstützt.

          Thema des neuen Lehrstuhls soll nicht nur die Vergangenheit sein, sondern dezidiert auch die Auswirkungen des Völkermordes an den Juden auf die Gegenwart. Der künftige Holocaust-Professor und Fritz-Bauer-Chef soll auch nicht nur in der Universität lehren und forschen, sondern auch in die Stadt Frankfurt und das Land Hessen hineinwirken. Vizepräsident Schubert-Zsilavecz etwa kann sich durchaus vorstellen, dass der Neue sich in seiner Eröffnungsvorlesung über den Hochschulrahmen hinaus an die breite Öffentlichkeit wendet.

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