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Priester verlässt Kirche : Aus Zweifel am Zölibat

Getrennte Wege: Pfarrer Jung (links) und Bischof Bätzing Bild: Victor Hedwig

Gläubige im Schockzustand: Im hessischen Flörsheim verlässt ein katholischer Priester seine Gemeinde, weil er mit dem Leben im Zölibat hadert. Steht er für einen wunden Punkt der katholischen Kirche?

          Die Festnetznummer ist schon abgemeldet, ein Link zur katholischen Kirche in Flörsheim auf der Internetseite des Bistums Limburg führt ins Nichts. „Es tut uns leid... Leider gibt es diese Seite nicht“, ist da zu lesen. Als wäre Sascha Jung schon eine Ewigkeit fort. Dabei hat der katholische Priester bis eben noch die Verantwortung für die beiden Pfarreien Flörsheim und Hochheim im Main-Taunus-Kreis getragen.

          Tobias Rösmann

          Redakteur in der Rhein-Main-Zeitung.

          Es geschieht im Anschluss an die 10.30-Uhr-Messe. In der Flörsheimer Galluskirche, einem von vier Kirchorten der Großpfarrei St.Gallus, gibt Jung eine zweiseitige, persönliche Erklärung unter dem Titel „Wort des Pfarrers“ ab. Darin teilt der 43 Jahre alte Theologe den überraschten Gottesdienstbesuchern mit, er könne nicht länger ihr Hirte sein. „Ich habe Bischof Georg Bätzing in einem persönlichen Gespräch um Beurlaubung vom priesterlichen Dienst gebeten, um für mich der Frage der Lebensform des Zölibats nachzugehen“, sagt er. Die Beurlaubung beginne sofort. Dies sei deshalb nun auch der letzte gemeinsame Gottesdienst gewesen. „Ich werde noch ein paar Tage da sein und dann aus Flörsheim wegziehen.“

          Am Tag danach ist Jung nicht abgetaucht. Am Handy berichtet er, direkt nach der Messe seien die Gläubigen in die Sakristei gekommen. Viele hätten Tränen in den Augen gehabt. Seine Mailbox sei voller Nachrichten. „Ich versuche, die Leute aufzufangen und zu trösten“, sagt der Geistliche. Trotz aller Traurigkeit sei er „sehr froh, dass es jetzt raus ist“. Er fühle sich in seiner Entscheidung bestärkt, indem viele Katholiken seine Zweifel am Sinn eines zölibatären Lebens teilten. Gerüchten, er habe bereits eine Beziehung und werde sogar Vater, widerspricht Jung. Allerdings sei sein Grübeln „nicht nur theoretisch. Jede Trauung, jede Taufe hat in mir immer die Sehnsucht nach dem anderen hervorgerufen.“ Bis zum Sommer wolle er im Recollectio-Haus, einer Benediktiner-Abtei im fränkischen Münsterschwarzach, unter qualifizierter Begleitung herausfinden, wie es für ihn weitergehen solle.

          Gemeinde im Schockzustand

          Jung hat seine Entscheidung lange vorbereitet. Auch die Verwaltung der Pfarrei in Hochheim, die er vor nicht allzu langer Zeit übernommen hatte, gibt der Mann auf. Die dortige Pfarrstelle und die in Hochheim sollen neu ausgeschrieben werden. Bis zur Wiederbesetzung, die sich wegen des Priestermangels im Bistum hinziehen kann, wird Franz Lomberg, ein Pfarrer im Ruhestand, die Verwaltung übernehmen. Er wisse, was er den Gemeindemitgliedern zumute, beteuert Jung, der 2008 zum Priester geweiht und im Herbst 2013 nach Flörsheim versetzt worden war.

          Tatsächlich hinterlässt er eine Gemeinde im Schockzustand. Zwar waren nicht alle in Flörsheim begeistert von dem selbstbewussten, medienaffinen Geistlichen. Zuweilen wurde dem schmalen Mann mit der dunklen Brille ein Hang zu „Egotrips“ vorgehalten. Für viele andere hingegen war der Dreiundvierzigjährige mit seiner Art, dem Leben der Gläubigen zugewandt zu sein, ein Beispiel für eine moderne katholische Kirche ohne Berührungsangst.

          Regelmäßig trat Jung in der Fastnacht auf, mit roter Nase und im Clownsfrack. Auf der Bühne spielte er dann Klavier, erzählte Zoten und spendete die Honorare für gute Zwecke. Als er vor zwei Jahren Handwerker zitierte, die bei Renovierungsarbeiten die „Jungfrau Maria hinterm Altar flachgelegt haben, um ihre Ritze zu kitten“ oder „dem Flörsheimer Stadtheiligen Nepomuk den Ständer poliert haben“, empörten sich manche Kirchenmitglieder. Nachdem sie auch Bischof Bätzing teils harsch und unflätig beschimpft hatten, weil der dem Spaßvogel aus den eigenen Reihen nicht Einhalt gebiete, verzichtete Jung auf die letzten Auftritte der Session.

          Wunder Punkt der katholischen Kirche?

          Teil seines Programms war immer auch der Zölibat. Jung verspottete diese Lebensform, allerdings nicht als Priester, sondern als Clown. Nun begründet er den Wunsch nach Beurlaubung ausgerechnet mit seinen Zweifeln an der frei gewählten Ehelosigkeit, die er „im Gebet auch vor Gott gebracht“ habe, wie er in seiner Abschiedsrede sagt. Damit berührt Jung in der katholischen Kirche einen wunden Punkt. Denn die Abschaffung des Zölibats steht spätestens seit der Veröffentlichung der Missbrauchsstudie im Herbst 2018 im Fokus vieler, die sich eine tiefgreifende Reform in der Kirche wünschen.

          Sascha Jung spricht in seinem Abschiedswort von seiner „eigenen Baustelle“, wegen der er nicht mehr die Kraft habe, um „die Gemeindewerdung hier am Main“ weiter zu begleiten und zu fördern. Er müsse seinem Leben „einen neuen Anfang ermöglichen“. Deshalb werde er diesen Schritt gehen – „und eine Zeit des Nachdenkens dafür nutzen, die mir der Bischof jetzt gibt“.

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