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Frankfurt und seine Stadtteile : Das Private hinter der Hochhausfassade

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Für manchen haben die Häuser „eine eigene Seele“: Häuser im Staddteil Nieder-Eschbach. Er grenzt an den Stadtteil Bonames. Bild: Lisowski, Philip

Die Künstlerin Anna Pekala porträtiert Bewohner des Ben-Gurion-Rings. Das Ergebnis wird zurzeit in den Räumen der „Jobscouts am Bügel“ ausgestellt.

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          Robert Claus und seine Tochter Sandra wohnen im Erdgeschoss eines der Häuser am Ben-Gurion-Ring. Ihr Gesicht kennt mittlerweile fast jeder, der in der Hochhaussiedlung an der Grenze zwischen den Stadtteilen Bonames und Nieder-Eschbach wohnt - und ihr Wohnzimmer auch. Denn das Plakat, das ihr Foto zeigt und auf die Ausstellung „Ben-Gurion-Ring“ hinweist, hängt dort in jedem Hauseingang. „Es ist überraschend, dass sie bisher niemand abgerissen hat. Vielleicht liegt das daran, dass mich hier ohnehin fast alle kennen“, sagt Claus.

          Er hatte früher ein Rikscha-Unternehmen mit drei Angestellten. Seit er am „Ring“ wohnt - wie die Bewohner ihre Siedlung nennen - fährt er immer mal wieder die Nachbarskinder mit dem Fahrradtaxi zur Schule, veranstaltet Grillabende und engagiert sich in Vereinen. Vor zehn Jahren ist er, damals noch mit seinen beiden Söhnen, an den Ring gezogen. Dort schätzt der Fünfzigjährige vor allem das kinderfreundliche Umfeld. Seine Tochter sei mit einigen Nachbarskindern befreundet und spiele außerdem auf dem Spielplatz direkt vor seiner Terrasse.

          Jede Wohnung habe als individueller Lebensraum eine „eigene Seele“ 

          Am Ring wohnen mehr als 3000 Menschen. Einige davon hat die junge Fotografin Anna Pekala abgelichtet. Das Ergebnis wird zurzeit in den Räumen der „Jobscouts am Bügel“ ausgestellt. Pekala fand 20 Familien, die sich von ihr fotografieren ließen. „Man muss erst 50 Bilder verschießen, damit sich jeder löst, damit Konzentration und gegenseitiges Verständnis entstehen“, sagt die Fotografin. Es gehe ihr darum, die Vielfalt der privaten Lebensräume hinter der Fassade der Hochhäuser und des schlechten Rufs des Rings zu entdecken. Viele Wohnungen haben den gleichen Grundriss. Die gleichförmigen Häuser, die um den Spielplatz und den Rasen am Teich herum stehen, wirken monoton. Die Fassaden sind grau, die Balkone blassorange, alle Eingänge sehen gleich aus, bis hin zum Klingelschild. Gerade deshalb sei es interessant zu sehen, wie jede Wohnung als individueller Lebensraum eine „eigene Seele“ habe, findet Pekala.

          Ihre Fotos sind schlicht. Sie zeigen Menschen in ihrer privaten Umgebung. Die meisten sitzen in ihrem Wohnzimmer, allein oder mit Verwandten. Viele tragen traditionelle Kleidung aus den Kulturen, aus denen ihre Familien stammen. Einige halten stolz ihre Kinder auf dem Arm. Hinter ihnen hängen Bilder an der Wand, neben ihnen stehen Topfpflanzen. Pekala war es wichtig, dass die Porträtierten mitbestimmen, wo in der Wohnung die Fotos geschossen werden und was außer ihnen zu sehen ist. Pekala nennt das „inszeniert, aber nicht künstlich“. Sie versteht das Projekt als Zusammenarbeit. Auf diese Weise sind Aufnahmen entstanden, die viel von der Persönlichkeit der Menschen zeigen.

          Die Bilder sollen Vorurteile abbauen

          Auch das Bild von Claus und seiner Tochter zeigt persönliche Dinge. An der Wand hängt seine Tauchurkunde und ein dreieckiges Bild, das er gemalt hat. Auf dem Boden steht der Picknickkorb der beiden und Sandras Kindergarten-Rucksack. Claus hofft, dass die Ausstellung den Ruf des Viertels verbessert. Die Gegend sei nicht so schlecht, wie viele glaubten. Früher habe es Jugendliche gegeben, die immer wieder Ärger gemacht hätten. Aber das sei inzwischen anders. In den vergangenen Jahren habe er nichts mehr von Einbrüchen oder Überfällen gehört. Auch Fotografin Pekala sagt, die Bilder sollten Vorurteile abbauen, die das negative Bild des Viertels prägten.

          Die Fotos hängen in den Räumen eines kleinen, neu eingerichteten Forums am Ring. Gegenüber stehen die Häuser des Sozialrathauses und des „Gebets- und Kulturvereins türkischer Arbeitnehmer“. Im Stockwerk unter der Ausstellung ist eine Kita untergebracht. Hin und wieder hören die Besucher die Rufe spielender Kinder.

          Öffnungszeiten der Ausstellung

          Die Ausstellung „Ben-Gurion-Ring“ ist noch bis Ende Oktober in den Räumen der „Jobscouts am Bügel“, Ben-Gurion-Ring 110a, ausgestellt.

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