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Ausstellung in Frankfurt : Aus dem Hauptbuch des Lebens

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Der Ausweis des Auswanderns: Passfotos aus dem Jahre 1940. Aus dem Autor Stefan Zweig war nach Ausbruch des Zweiten Weltkrieges ein „feindlicher Ausländer“ geworden. Bild: © Stefan Zweig Centre Salzburg

Was Syrer und Iraker derzeit trifft, ist kein neues Los. Auch viele Deutsche erlitten während des Nationalsozialismus dieses Schicksal. Dem Exil des Schriftstellers Stefan Zweig ist in Frankfurt eine Ausstellung gewidmet.

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          Der Mann war tatsächlich Österreicher. Doch nachdem Nazi-Deutschland im März 1938 sein Nachbarland faktisch annektiert hatte, war für die Engländer aus dem Österreicher Stefan Zweig ein Deutscher geworden. Zumindest fürchtete das Zweig, der schon Anfang 1934 nach einer Durchsuchung seines Hauses in Salzburg im Zusammenhang mit dem Februar-Aufstand der Sozialdemokraten gegen den austrofaschistischen Ständestaat nach England emigriert war. Weil die Gefahr bestand, dass er nun als „feindlicher Ausländer“ eingestuft würde, bestieg der Schriftsteller am 25. Juni 1940 zusammen mit seiner aus Frankfurt stammenden zweiten Ehefrau Charlotte Altmann das Schiff „Scythia“ und reiste nach New York.

          Das Foto dieses Passagierdampfers bedeckt in der Ausstellung „,Wir brauchen einen ganz anderen Mut!‘ Stefan Zweig - Abschied von Europa“ in der Deutschen Nationalbibliothek Frankfurt eine ganze Wand. Es erinnert an Zweigs Überfahrt, aber auch an die „Schachnovelle“, sein letztes Werk, dessen Rahmenhandlung auf einem solchen Dampfer, der gen Amerika fährt, spielt. Um Zweigs „Schachnovelle“ kreist denn auch die Ausstellung des Deutschen Exilarchivs, die von Klemens Renoldner, dem Direktor des Stefan Zweig Centre in Salzburg, exzellent konzipiert und von seinem Kollegen Peter Karlhuber phantasievoll gestaltet wurde.

          Stefan Zweig legte Wert auf eine gute Buchführung

          Vor Zweigs Exil standen Jahre und Jahrzehnte des rauschenden Erfolgs. Daran erinnert ein eigens für die Ausstellung gewebter prächtiger Hotelteppich, der den Boden des ersten Ausstellungsraumes bedeckt und an Zweigs Leben als gefeierter Großschriftsteller erinnert. Schon als junger Mann schwamm er in Reichtum, entstammte er doch einer wohlhabenden Unternehmerfamilie und hatte Anteile an der vom Vater vererbten gutgehenden Textilfabrik, die sein Bruder betrieb. Als Schriftsteller konnte Zweig einen großbürgerlichen Lebensstil pflegen, wovon in der Schau zum Beispiel Dokumente seiner Reisen in nahe und ferne Länder zeugen.

          Als Sohn eines Industriellen hat Zweig mitbekommen, dass Voraussetzung für geschäftlichen Erfolg immer auch eine gute Buchhaltung ist. Diese hat er für seine schriftstellerische Arbeit übernommen. In seinem „Hauptbuch“, das er wie ein Kassenbuch führte, sind alle seine Veröffentlichungen nebst Übersetzungen und Bucheinkünften detailliert eingetragen. „Der Amokläufer“ etwa, 1922 bei Insel erschienen, wurde laut Hauptbuch in zwei Dutzend Sprachen übersetzt, natürlich ins Englische oder Französische, aber auch ins Jiddische und Katalanische. Weil in Frankfurt eine Reproduktion des im Literaturarchiv in Salzburg liegenden originalen Hauptbuches verwendet wird, kann der Besucher in aller Ruhe darin blättern.

          Im zentralen Raum wurde der Teppich nicht weiter ausgerollt, hier ist der Fußboden nackt, der Luxus zu Ende - so wie mit dem Exil auch für Zweig der Überfluss zu Ende war. In der Mitte der Schau steht das Modell eines prächtig mit korinthischen Säulen, Karyatide und Atlanten geschmückten Gebäudes - des Wiener Grandhotels Metropol. Es wurde einst als „jüdisches Sacher“ bezeichnet, weil es dem berühmten Sacher in Luxus nicht nachstand und seine zwei Eigentümerfamilien jüdischen Glaubens waren.

          Die Isolation machte ihn depressiv

          Dieses Hotel haben nach dem Anschluss Österreichs die neuen Nazi-Herren an sich gerissen und dort die Gestapoleitstelle für Wien eingerichtet. In einem seiner Zimmer verbringt jener Dr. B. aus der „Schachnovelle“, der in der Rahmenhandlung auf dem Ozeandampfer in einer Schachpartie gegen den tumben Weltmeister Mirko Czentovic gewinnt, Monate in völliger Isolation in Einzelhaft, wo er als Überlebensstrategie Schachpartien im Kopf repetiert, bis er zuletzt imaginär gegen sich selbst Schachkämpfe ausführt.

          Gleich nach dem Krieg haben die Behörden in Wien schon einmal ein Modell des Metropol anfertigen lassen, das nicht mehr auffindbar ist. Sie stellten es damals öffentlich aus und hängten dazu Fotografien von Gestapo-Mitarbeitern. Die Opfer sollten rekonstruieren, wer sie in welchem Hotelzimmer einst eingesperrt und gefoltert hatte. Das neue Modell des Grandhotels steht für die Verfolgung des Schriftstellers und Juden Zweig durch die Nationalsozialisten, aber auch für sein Exil in England, in den Vereinigten Staaten und in Brasilien. Dort, in Petrópolis bei Rio de Janeiro, hat der Schriftsteller am 23. Februar 1942 zusammen mit seiner Frau Selbstmord begangen. Was genau die beiden zu dem Suizid veranlasste, weiß man nicht.

          Gewiss litt Zweig unter Depressionen, die wohl ausgelöst gewesen sein dürften durch seine Isolation in einem Land, dessen Sprache er nicht verstand, aber vermutlich auch durch die scheinbar hoffnungslose politische Situation mit einem nationalsozialistischen Deutschland, das sich damals offenbar unaufhaltsam auf der Siegesstraße befand. Einen Tag vor seinem Selbstmord hat Zweig noch die Seiten seiner „Schachnovelle“ mit Korrekturen an verschiedene Verlage verschickt, in der Ausstellung ist eine solche Seite zu sehen.

          Im dritten Raum der Schau, oben auf der Empore, wird das großbürgerliche Leben des Schriftstellers Stefan Zweig in Kisten symbolisch verpackt. Hier steht seine reiche Sammlung von Autographen - von Mozart bis Goethe, von Kafka bis Hofmannsthal - im Mittelpunkt. Einen Teil von ihr musste der in England weilende Zweig an den österreichischen Fiskus zur Begleichung der Steuerschuld seiner ersten Frau verkaufen, er befindet sich heute im Besitz der Nationalbibliothek in Wien. Ein Blatt aus Kafkas „Amerika“, das ihm Max Brod geschenkt hatte, brachte Zweig damals gerade einmal 100 Schilling ein. Nun ist es und sind andere Autographen meist in Kopien in den als Vitrinen fungierenden Kisten ausgestellt. Zum Glück haben diese Texte von Dichters Hand Flucht und Vertreibung überdauert.

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