https://www.faz.net/-gzg-9itji

Krise bei der Deutschen Bahn : Vorerst kaum Besserung in Sicht

Reformbedarf: Die miserable Bilanz der Deutsche Bahn schlägt sich auch auf die S-Bahnen nieder. (Symbolbild) Bild: Ly, Martin

Nach der missglückten Privatisierung der Bahn wurde jahrelang zu wenig in das Netz investiert. Doch nun ist es wie im Märchen vom Hasen und Igel: Die Störungen kommen schneller als die Modernisierungsvorhaben. Ein Kommentar.

          Ein Viertel aller Fernzüge ist unpünktlich. Die miserable Bilanz der Bahn schlägt sich auch bei der S-Bahn und den Regionalzügen im Rhein-Main-Gebiet nieder. Unvermeidlicherweise, denn diese Züge teilen sich häufig die Gleise mit den Fernzügen, die dazu noch immer Vorrang haben. Insofern ist eine Pünktlichkeitsquote der S-Bahn von 92 Prozent vielleicht nicht erträglich, aber erklärbar. Wobei diese Quote nur bei 82 Prozent liegt, wenn man die vertragliche Vereinbarung des RMV mit der Bahn zugrundelegt, dass ein Zug als verspätet gilt, wenn er mehr als drei Minuten zu spät einfährt.

          Wenn Bundesverkehrsminister Scheuer jetzt auf die Bahnführung eindrischt, übergeht er, dass die Politik die Bahn über viele Jahre am ausgestreckten Arm hat verhungern lassen. Die Ursünde war die missglückte Privatisierung unter Hartmut Mehdorn, die dazu führte, dass jahrelang viel zu wenig in das Netz investiert wurde. Die Folge ist ein Sanierungsstau, der sich zum Beispiel im September auf den S-Bahn-Verkehr folgendermaßen ausgewirkt hat: Ausfall der Tunnelbeleuchtung in Frankfurt, Schienenbruch, Stellwerksausfälle und Baumaßnahmen.

          Märchen vom Hasen und Igel

          Die Bahn und der RMV lassen keineswegs alles laufen, sondern versuchen mit verschiedenen Maßnahmen, die Pünktlichkeit zu verbessern: Stellwerke werden modernisiert, Einstiegslotsen auf den wichtigen Frankfurter Bahnsteigen eingesetzt, Reservezüge fahren los, bevor der verspätete Zug eingetroffen ist.

          Doch es ist wie im Märchen vom Hasen und Igel: Die Störungen an der Infrastruktur sind immer schneller und machen die Beschleunigungsmaßnahmen zunichte. Das wird auch noch lange so weiter gehen. Denn der Modernisierungsstau, der sich in vielen Jahren aufgebaut hat, kann nicht von heute auf morgen beseitigt werden. Zudem behindern die vielen Baustellen, die wegen der Modernisierung notwendig sind, den Verkehr noch zusätzlich.

          Helfen würden mehr Personal und mehr Fahrzeuge. Das kostet viel Geld, abgesehen davon, dass zur Zeit neue Mitarbeiter äußerst schwer zu gewinnen sind, weshalb sich Verkehrsunternehmen zur Zeit Mitarbeiter mit recht hohen Prämien gegenseitig abwerben. Doch die Investitionen sind unverzichtbar.

          Allein mit vielen Millionen Euro ist die Lage aber nicht in den Griff zu bekommen. Die Bahn muss sich auch intern so reformieren, dass endlich wieder die rechte Hand weiß, was die linke tut. Im Konzern hat das Eisenbahnergefühl gelitten, die Mitarbeiter identifizieren sich vielerorts nicht mehr in dem Maße mit dem Unternehmen, wie dies früher der Fall war und für das Gedeihen der Bahn notwendig ist.

          Hans Riebsamen

          Redakteur in der Rhein-Main-Zeitung.

          Folgen:

          Weitere Themen

          Abwarten, Experimentieren, Raushängen

          FAZ.NET-Hauptwache : Abwarten, Experimentieren, Raushängen

          Diesel-Fahrverbote und Wohnungsnot bestimmen das Stadtgemurmel in Frankfurt, und große Unternehmen schwenken die Regenbogenfahne beim Christopher Street Day. Was sonst noch wichtig ist in Rhein-Main, lesen Sie in der FAZ.NET-Hauptwache.

          Topmeldungen

          Wollen beide die Nachfolge von Theresa May als britischer Premierminister antreten: der amtierende Außenminister Jeremy Hunt (rechts) und sein Vorgänger Boris Johnson

          Warnung an Trump : Johnson würde Krieg gegen Iran nicht unterstützen

          Militärische Aktionen gegen Teheran seien keine „sinnvolle Option”, sagt der Favorit auf die Nachfolge von Theresa May. Obwohl er damit Trumps Politik untergräbt, glaubt Boris Johnson an einen schnellen Handelsdeal mit Amerika nach dem Brexit.

          Geplante Digitalwährung : Wie Facebook für Libra werben will

          Facebook plant mit Libra eine Digitalwährung, die das Bezahlen revolutionieren soll. Die Kritik daran ist groß – besonders in Washington. Nun will der Konzern seinen Skeptikern entgegenkommen. Und zugleich eine Warnung aussprechen.
          Unser Sprinter-Autor: Felix Hooß

          F.A.Z.-Sprinter : Showdown um Europa

          In Straßburg geht Ursula von der Leyen heute aufs Ganze. In der Türkei wird derweil der Prozess gegen Deniz Yücel fortgesetzt. Und der Mond hat am Abend auch noch einen speziellen Auftritt. Was sonst noch wichtig ist, steht im F.A.Z.-Sprinter.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.