https://www.faz.net/-gzg-9fr8o

Berühmte Kostümbildnerin : Der Stoff, aus dem die Filme sind

Silbrig wie eine Göttin: Hanna Schygulla 198ß als Lili Marleen im gleichnahmigen Film von Rainer Werner Fassbinder. Bild: Deutsches Filminstitut

Barbara Baum ist eine der berühmtesten Kostümbildnerinnen des internationalen Films. In einer großartigen Ausstellung lässt das Deutsche Filmmuseum jetzt ihr Lebenswerk sehen und erfühlen.

          3 Min.

          Bei ihr ist der Begriff „Filmstoff“ ganz wörtlich zu nehmen: Seit 50 Jahren entwirft und schneidert Barbara Baum das, was internationale Größen wie Sam Shepard, Meryl Streep, Jeanne Moreau und Hanna Schygulla auf der Leinwand trugen. Gute 70 Film- und Fernsehproduktionen hat Baum nach ihren Entwürfen eingekleidet und für sie viel Lob und viele Preise bekommen.

          Eva-Maria Magel

          Kulturredakteurin in der Rhein-Main-Zeitung.

          Sie sei „truly spectacular“, sagte Catherine Zeta-Jones über Baum, die sie als „Katharina die Große“ 1995 für das Fernsehen ausgestattet hatte. Mit „Hautnah – Die Filmkostüme von Barbara Baum“ widmet das Deutsche Filmmuseum Frankfurt dem Lebenswerk der Berlinerin nun eine großangelegte Sonderausstellung. 52 Kostüme, dazu Hunderte von Set- und Anprobefotos, die meisten angefertigt von Baum selbst, Skizzen, Drehbücher und Arbeitsunterlagen sind erstmals zu sehen. Begonnen hat die Bearbeitung ihres Archivs durch das Frankfurter Institut schon vor drei Jahren, als Kostüme und Unterlagen anlässlich der Ausstellung „Fassbinder jetzt“ an das Museum wechselten.

          Kernstück der Ausstellung

          Ein Kernstück der Ausstellung, mit insgesamt 19 Kostümen, ist daher auch Baums Zusammenarbeit mit Rainer Werner Fassbinder gewidmet, die 1972 mit „Fontane Effi Briest“ begann und bis zu seinem Tod fortgeführt wurde. Über Hanna Schygulla hatte Baum Fassbinder kennengelernt, die Arbeit an seinen großen Filmen wiederum hat sie international bekanntgemacht – sie empfahl sich durch ihre Leistung. „Die anderen haben immer gesagt, dass ich gut bin“, sagte sie gestern anlässlich der Ausstellungseröffnung bescheiden. Bille August („Das Geisterhaus“, 1993) und Volker Schlöndorff („Homo faber“, 1991) haben mit ihr gearbeitet, Stanley Kubrick wollte mit ihr den nie realisierten Film „Aryan Papers“ drehen. Für Heinrich Breloers „Die Manns“ und „Buddenbrooks“ hat sie die Epochenwenden der beiden Großfamilien in wechselnden Kostümmoden gestaltet, gerade die „Buddenbrooks“, mit einem halben Dutzend Kostümen in der Schau vertreten, zeigen, wie das Kostümbild als „dritter Regisseur“ Orte, Epochen und Charaktere eines Films bildet.

          Akribische Vorarbeit: Zeichnung zum Kleid aus „Lili Marleen“. Das Kleid hat Barbara Baum für einen Stoff aus Silberlamé entworfen, den sie einst aus alten Ufa -Beständen erworben hatte. Bilderstrecke

          Nachgebildet ist in der Ausstellung die Arbeitsweise in Baums Berliner Atelier, ein großer Arbeitstisch wie in ihrer Wohnung zeigt Dokumente und Stoffproben. Zu erfahren ist viel über den Beruf des Kostümbildners, von der Idee bis zur Kalkulation. Auch, dass viele Kostüme von großen Verleihern wie „Theaterkunst“ in Berlin stammen, die in einem Verfahren des Gebens und Nehmens Kostüme herstellen, verleihen und wieder umarbeiten, wird anhand vieler Leihgaben deutlich.

          Den Stoff mit interaktivem Konzept erfassen

          An Hörstationen können die Besucher Interviews und Erinnerungen Baums auswählen. Überhaupt haben die Kuratoren Isabelle Bastian und Hans-Peter Reichmann angesichts des Sujets darauf gesetzt, die Wirkung der Film-Stoffe auch für die Besucher der Ausstellung erfahrbar zu machen. Erstmals ist ein neues interaktives Konzept verwirklicht worden, das auch blinden und sehbehinderten Besuchern das buchstäbliche Erfassen ermöglicht – für sehende Besucher ist damit ein zusätzliches Angebot entstanden. Mit einer Audio-App, Fühlstationen vor den Exponaten und zahlreichen Stoffproben ist der Parcours bereichert worden. Hinter den Schneiderpuppen, auf denen die Kostüme ohne gläserne Vitrinen ganz genau betrachtet werden können, sind abwechselnd Filmstills und Szenen zu sehen, in denen die jeweiligen Kleider ihren Auftritt haben.

          Dass viele akribisch gearbeitete Details von der Kamera gar nicht beachtet werden, wurmt auch Baum bisweilen, wie in einem Interview zu erfahren ist. Wie stark aber auch dieses Unsichtbare Schauspielern und Atmosphäre zur Authentizität verhilft, ist in der Ausstellung ausgezeichnet nachzuvollziehen. Baums Hartnäckigkeit und untrügliches Gespür haben sie zu einer Legende gemacht – auch wenn „die Produktionen immer fast in Ohnmacht gefallen sind“, wie sie gestern mit trockenem Humor erklärte. Denn wenn sie einen bestimmten Stoff braucht und einen bestimmten Look erzeugen will, hat sie keine Kompromisse gemacht – das hatte seinen Preis. „Ich denke in Stoffen“, lautet ein vieldeutiges Zitat Baums, das die Leidenschaft für Stoffe und Filme zusammenbringt. Denn was mit einer detaillierten Lektüre des Drehbuchs, vielfarbigen Anstreichungen und einer ersten Diskussion mit der Regie beginnt, führt unweigerlich dazu, dass Baum Stoffe herbeischafft. Und zwar in einer Qualität, die nicht immer üblich ist. Dass sie dabei auch aus ihrem eigenen Stoffarchiv schöpft, lässt sich wunderbar an einem in Braun- und Blautönen bedruckten Stoff mit Goldtupfern nachvollziehen. Als Rolle aus Baums Bestand liegt er in einer Vitrine. Gekauft hat sie den mehr als 80 Jahre alten Stoff einst mit geliehenem Geld, als der Stoffbestand der Ufa aufgelöst wurde. Wie das berühmte Silberlamee-Kleid stammt auch die Bluse von Fassbinders „Lili Marleen“ aus derselben Epoche wie der Filmstoff. Und er hat Baum so gut gefallen, dass sie ihn auch in „Väter und Söhne“ (1986) für ein Teekleid verwendet hat.

          Ausstellung zu Barbara Baum

          Die Ausstellung ist bis 10. März im Deutschen Filmmuseum Frankfurt zu sehen.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Abkommen steht : Unerwarteter Durchbruch beim Brexit

          Die Unterhändler der EU und Großbritannien haben sich auf einen Brexit-Vertrag geeignet. Das bestätigten Jean-Claude Juncker und Boris Johnson auf Twitter. Ein Scheitern des Abkommens ist jedoch dennoch möglich.

          Bernd Lucke : Nazischweine und Gesinnungsterror

          Vom AStA kann man nicht viel erwarten. Aber die Hamburger Regierung und die Universität leisten sich in Sachen Bernd Lucke eine peinliche Vorstellung.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.