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40 Jahre „Titanic“ : Vom Buntstiftlecker bis zur Zonen-Gaby

„Titanic“ zur Wiedervereinigung: Zonen-Gaby und ihre erste Banane Bild: Caricatura Museum

Vor 40 Jahren erblickte das Frankfurter Satiremagazin „Titanic“ das Licht der Welt. Mit den Waffen des Wortwitzes kommentierte das Blatt so manches ernste Weltereignis.

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          „Die taucht was“, titelte die „Titanic“ in ihrer ersten Ausgabe im Gründungsjahr 1979 und nahm damit wie selbstverständlich ein Lob vorweg, dass auch 40 Jahre später noch Gültigkeit hat: Das endgültige Satiremagazin taucht, Pardon, taugt etwas, hantiert es doch wie eh und je bravourös mit den Waffen der Satire, die ja nur in Floskelhausen der Holzhammer und die spitze Feder sind, das heiße Eisen, das angepackt, oder der Finger, der in Wunden gelegt wird. In Frankfurt hingegen, wo Robert Gernhardt, F. K. Waechter, Peter Knorr, Chlodwig Poth und Hans Traxler das Magazin erstmals im November 1979 auf den Markt brachten und wo seit jeher der Sitz der Redaktion ist, bedient man sich weitaus kunstvoller der Satire, der Komik und des Humors, um konsequent „ja zum Nein“ zu sagen.

          Christian Riethmüller

          Redakteur in der Rhein-Main-Zeitung.

          Damit ist das Periodikum, das an der Sophienstraße in Bockenheim entsteht und seit ewigen Zeiten eine Druckauflage von knapp unter 100.000 Exemplaren angibt, sehr bekannt geworden. Jenseits der treuen Leserschaft hat die „Titanic“ mit aberwitzigen Aktionen wie Bernd Fritz’ Auftritt im Jahr 1988 als Buntstiftlecker bei „Wetten, dass...?“, Martin Sonneborns Bestechungsversuch rund um die WM-Vergabe an Deutschland 2006 und gefakten Spendenübergaben an Politiker die Massen erheitert oder empört, mit ikonisch gewordenen Titelbildern sowieso.

          Große Auswahl an Titelbildern

          Eine große Auswahl dieser Titelbilder, rund 220 an der Zahl, ist nun von morgen an bis zum 2. Februar im Caricatura Museum für Komische Kunst in Frankfurt zu sehen. In den Ausstellungsräumen begegnen einem Altkanzler Helmut Kohl, der seinen Spitznamen „Birne“ selbstverständlich der „Titanic“ zu verdanken hatte, der frühere Außenminister Hans-Dietrich Genscher in seiner unfreiwilligen Rolle als „Genschman“ und Angela Merkel in den tollsten Varianten. Weil Hitler und die NS-Zeit viele Jahre lang die Titelblätter des „Spiegels“ dominierten, dürfen die satirischen Versionen der „Titanic“ natürlich nicht fehlen, ebenso wenig wie die Auseinandersetzung mit Ostdeutschland, wo das Satiremagazin aus Frankfurt nie so recht landen konnte, was möglicherweise an Chlodwig Poths Impressumsmotto „Die endgültige Teilung Deutschlands – das ist unser Auftrag“ liegen, vielleicht aber auch mit der wohl berühmtesten Figur zu tun haben könnte, die die „Titanic“ in den vergangenen 40 Jahren geschaffen hat: Zonen-Gaby, glücklich ihre erste Banane präsentierend.

          „Titanic taucht was“: Die erste Ausgabe des Satiremagazins aus dem Jahre 1979 Bilderstrecke

          Da der Mauerfall 1989 ebenfalls mit einem Jubiläum verbunden ist, hat die von Tim Wolff und Mark-Stefan Tietze kuratierte Ausstellung in der Caricatura einen Schwerpunkt auf die Wiedervereinigung und deren Folgen gelegt, zeigt also etwa auch Zonen-Gaby in späteren Versionen, ist insgesamt aber ein amüsanter Rückblick auf 40 Jahre Zeitgeschichte anhand zum Brüllen komischer oder auch schonungsloser Frontseiten, die von Künstlern wie Gernhardt, Traxler, Ernst Kahl, Michael Sowa, Rudi Hurzlmeier, Hilke Raddatz und vielen mehr gestaltet wurden, nicht immer aber begeisterte Zustimmung fanden. Von solchen empörten Reaktionen ist in der Schau ebenfalls einiges zu erfahren, ist die „Titanic“ doch eine immer wieder verklagte Zeitschrift. 55 Gerichtsverfahren, 38 verbotene Ausgaben, einstweilige Verfügungen und Unterlassungserklärungen sonder Zahl hat die Redaktion mittlerweile gesammelt, darunter auch eine einstweilige Verfügung von Papst Benedikt persönlich, die wie eine Trophäe präsentiert wird.

          Dabei folgt das Magazin gar nicht dem Motto „Viel Feind, viel Ehr“, weil das angesichts horrender Prozesskosten ohnehin nicht zu bezahlen wäre. Auf den Titelseiten prangt viel häufiger herrlicher Quatsch. Das amüsiert auch die Redaktion dieser Zeitung, die in diesem Jahr nicht 40, sondern schon 70 Jahre alt wird und mithin wohlwollend auf die jüngeren Kollegen blickt. Bei der F.A.Z. weiß man schon lange „Die Titanic taucht was“ und bedient sich gern ihrer Autoren und Zeichner.

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