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Priester, Diakone, Ordensleute : Bistum Limburg lässt alle Missbrauchsfälle prüfen

Polizisten vor dem Limburger Dom: Das Bistum plant eine umfangreiche Aufklärung der Missbrauchsfälle (Archivbild). Bild: dpa

Im Angesicht zahlreicher Missbrauchsfälle hat der Limburger Bischof Bätzing nun eine externe Aufarbeitung angekündigt. Das aufwendige Projekt soll auch präventiv wirken.

          Das Bistum Limburg will bis Sommer nächsten Jahres in einem aufwendigen Projekt den Missbrauchsskandal in den eigenen Reihen aufarbeiten und dadurch Taten in Zukunft verhindern.

          Tobias Rösmann

          Redakteur in der Rhein-Main-Zeitung.

          Wie Bischof Georg Bätzing in Limburg erläuterte, werden bis Juni 2020 acht Teilprojekte einzelne Aspekte aus der Missbrauchsstudie der Deutschen Bischofskonferenz (MHG-Studie) vertiefen. Das Projekt konzentriert sich auf Priester, Diakone und Ordensleute. Die acht Teilprojekte umfassen die Untersuchung der Missbrauchsfälle, eine andere Aus- und Weiterbildung für Priester, neue Konzepte zur Personalführung, die Kommunikation, Klerikalismus und Machtmissbrauch, die Rolle der Frauen, den Umgang mit katholischer Sexualmoral und Homosexualität sowie die Gewaltenteilung.

          Von einer Mitarbeit ausgeschlossen sind laut Projektskizze alle, „die Personal- und Leitungsverantwortung auf Bistumsebene haben oder hatten“. Bischof Bätzing sagte: „Wir wollen mit dem Projekt einen Beitrag dazu leisten, dass Kinder und Jugendliche im Bistum Limburg mit all seinen Einrichtungen sicher leben können.“ Bis Juni 2019 solle feststehen, welche Personen mitwirkten und wer die Teilprojekte leite. Er erwarte „klare Ergebnisse“.

          Kann sich die Kirche positiv entwickeln?

          Auftraggeber für das Projekt, an dem sich dem Bistum zufolge Laien, Kleriker und kirchliche Mitarbeiter möglichst breit beteiligen sollen, sind der Bischof und die Präsidentin der Diözesanversammlung Ingeborg Schillai. Sie sagte, es müsse vor allem um die Perspektive der Opfer gehen–„und wirklich nicht um die Perspektive der Kirche“. Ob sich die Kirche positiv entwickeln könne, hänge „entscheidend davon ab, wie der Missbrauch aufgearbeitet wird“, äußerte Schillai. Sie wünsche sich eine breite und ergebnisoffene Diskussion, die der Bischof auch zugesichert habe. Den Weg könne „das Volk Gottes“ nur gemeinsam gehen. „Wir brauchen konkrete Schritte, schnelle Entscheidungen und Lernprozesse in der Kirche.“

          Das wichtigste Teilprojekt wird von zwei externen Fachleuten übernommen, „von denen wenigstens eine Person die Befähigung zum staatlichen oder kirchlichen Richteramt besitzt“. Die beiden Personen, möglichst eine Frau und ein Mann, sollen alle Fälle von Missbrauch an Minderjährigen und Schutzbefohlenen im Bistum aufarbeiten. In der MHG-Studie waren für Limburg nur die Personalakten von Klerikern und männlichen Ordensangehörigen untersucht worden, die in den Jahren 2000 bis 2015 aktiv oder im Ruhestand waren. Daraus ergaben sich nach Bätzings Worten 57Beschuldigte, von denen 20 die Taten gestanden. Die anderen hätten den Missbrauch entweder geleugnet oder seien verstorben. Gegen vier Personen, unter ihnen ein Diakon, ein Priester im Ruhestand und ein pastoraler Mitarbeiter, laufen derzeit kirchenrechtliche Verfahren, wie Bätzing erläuterte. Erweise sich deren Schuld, reiche das Strafmaß je nach Schwere des Vergehens von einem zeitweiligen Berufsverbot bis hin zu einer Entlassung aus dem Klerikerstand. Seit 2010 würden alle Fälle, in denen ein begründeter Verdacht bestehe, an die Staatsanwaltschaft übergeben.

          „Wir brauchen diese unabhängige, externe Untersuchung“

          Die Prüfer werden sich nach Bätzings Worten auch sämtliche von der MHG-Studie nicht erfassten Akten der Jahre 1946 bis 1999 vornehmen. „Wir brauchen diese unabhängige, externe Untersuchung aller Missbrauchsfälle, um zu wissen, was da geschehen ist“, sagte der Bischof. Der Auftrag dazu sei schon erteilt worden. Zu klären sei auch, wie die Verantwortlichen des Bistums mit den Missbrauchsvorwürfen umgegangen und wie sie im Fall von Vertuschung zur Verantwortung zu ziehen seien. Das Ergebnis des Teilprojekts werde öffentlich vorgestellt und „mit Namensnennung der Verantwortlichen der Staatsanwaltschaft übergeben“.

          In der Auswahl der Priesterkandidaten könnten „psychologische Gutachten mit einer Art Ampelsystem“ eingeführt werden, äußerte Bätzing. Personaldokumente müssten sorgfältiger angelegt werden. Die Aktenführung sei „ein eigenes Problem“. Sie entspreche nicht überall den Standards. Weil Täter im Schnitt nach 14Berufsjahren ihre erste Tat begingen, müssten Hauptamtliche kontinuierlich begleitet werden. In den Teilprojekten fünf bis acht würden die systemischen Faktoren des Missbrauchs thematisiert. Sie seien ebenfalls wichtig, aber nicht auf Diözesanebene allein zu klären. Das Bistum könne mit Reformvorschlägen etwa zur Rolle der Frauen und zur Sexualmoral aber Signale an die Bischofskonferenz senden.

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