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Missbrauchsfälle in Kirche : Täter und Opfer bleiben vorerst anonym

Aufarbeitung: 270 Personen haben die drei Bistümer bereits benannt. (Symbolbild) Bild: dpa

Hessens Strafverfolger wollen die Missbrauchsfälle in der katholischen Kirche aufarbeiten. Doch immer wieder stoßen sie auf ein bestimmtes Problem.

          Man wolle eng mit der Staatsanwaltschaft kooperieren und alle nötigen Informationen für die Verfolgung der Täter zur Verfügung stellen: Sehr ähnlich klangen die Erklärungen aus den Bistümern, nachdem sich Hessens Generalstaatsanwalt Helmut Fünfsinn in den vergangenen Wochen mit den Bischöfen in Limburg, Mainz und Fulda getroffen hatte. Als ersten Schritt der Zusammenarbeit mit dem Ziel, den sexuellen Missbrauch von Kindern und Jugendlichen durch Priester und andere Mitarbeiter der katholischen Kirche aufzuklären, haben die drei Bistümer inzwischen gut 270 (noch nicht identifizierbare) „Personen“ benannt, denen die Kirche Sexualdelikte anlastet.

          Helmut Schwan

          Redakteur in der Rhein-Main-Zeitung.

          Limburg meldete 35, Fulda 32 mutmaßliche Täter – jeweils in den Kirchenakten seit dem Jahr 1962 mitsamt der Tatumstände dokumentiert. Die Liste des Bistums Mainz, zuständig für Gemeinden in Süd- und Mittelhessen, ist wesentlich länger. Sie umfasst 199 Personen, deren Daten ebenfalls geschwärzt wurden; allerdings geht diese Liste bis ins Jahr 1944 zurück.

          Ermittler kämpfen gegen die Zeit

          Grundlage ist die im September veröffentlichte Studie der Deutschen Bischofskonferenz. Für die 27 Diözesen in Deutschland kamen die Wissenschaftler zu dem Ergebnis, seit 1946 hätten sich 1670 Priester oder andere Mitarbeiter der katholischen Kirche in fast 3700 Fällen solcher Vergehen und Verbrechen an Kindern und Jugendlichen schuldig gemacht.

          Wie der Sprecher der Generalstaatsanwaltschaft in Frankfurt sagt, werden Strafverfolger nun prüfen, zu welchen Vorfällen Ermittlungsverfahren eingeleitet werden müssen und überhaupt noch eingeleitet werden können. Zwar wurden in Folge der Missbrauchsskandale vor rund zehn Jahren die Bestimmungen im Sinne der Opfer verändert. Das Strafmaß für solche Delikte wurde sukzessive erhöht. Hinzu kam die Erkenntnis, dass viele der in ihrer Jugend Missbrauchten erst als Erwachsene die Kraft finden, Scham und Schuldgefühle zu überwinden und über die Traumata zu reden, die Täter zu benennen und sie schließlich sogar anzuzeigen.

          Das größte Hindernis für die Strafverfolger ist die Verjährung. In den meisten Fällen dürfte sie schon nach fünf Jahren eintreten; nur bei besonders schweren Fällen des Missbrauchs oder der Vergewaltigung beträgt die Frist zehn und sogar 20 Jahre. Um diesen Missstand zu mildern und die Chancen für die Opfer zu erhöhen, Gehör zu finden und zumindest etwas Wiedergutmachung zu erfahren, ist seit 2015 gesetzlich geregelt, dass die Verjährung solcher Taten erst zu laufen beginnt, wenn das Opfer 30 Jahre alt ist. Zuvor war das schon im Alter von 21 und bis 2013 schon von der Volljährigkeit des Opfers an der Fall.

          Unterschiedliche Verjährungsfristen

          Was das bedeutet, zeigt ein Beispiel. Wurde 1975 ein damals Zehnjähriger missbraucht, drohten dem Täter, wenn die Umstände nicht besonders verwerflich und die Folgen erheblich waren, allenfalls drei Jahre Freiheitsstrafe. Verjährt war die Tat dann fünf Jahre, nachdem das Opfer volljährig wurde – das heißt, in dem skizzierten Fall kann und darf seit 1988 nicht mehr ermittelt werden. Nach neuerem Recht wäre das erst zwölf Jahre später der Fall gewesen. Die neue Regelung über das „Ruhen“ der Verjährung gilt wegen des Rückwirkungsverbots im Strafrecht allerdings nicht für frühere Fälle.

          Nach einer ersten Einschätzung geht die Generalstaatsanwaltschaft davon aus, dass aufgrund dieser alten gesetzlichen Bestimmungen, die weiter zu Gunsten der Beschuldigten anzuwenden sind, Missbrauchsfälle vor 1980 nicht mehr verfolgt werden können. Die hessischen Strafverfolger werden daher in den nächsten Wochen diese, aber auch jene Fälle aussortieren, für die sie örtlich nicht zuständig sind oder denen lediglich Verstöße gegen die kirchliche Sexualmoral wie Homosexualität unter Erwachsenen der Anlass war, eine Akte anzulegen.

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          Die Bistümer haben in den der Generalstaatsanwaltschaft vorgelegten Listen Täter und Opfer anonymisiert. Nur wenn die Strafverfolger einen sogenannten Anfangsverdacht bejahen, das heißt, eine spätere Verurteilung aufgrund der Beweise wahrscheinlich erscheint, soll laut der Vereinbarung die Kirche die Namen von Tätern und Opfern (als Zeugen) nennen. Diese Regelung diene vor allem dazu, die Persönlichkeitsrechte der Betroffenen zu schützen, erläutert der Sprecher der Generalstaatsanwaltschaft.

          Im Zweifel müssen auch Archive durchsucht werden

          Wie viele Ermittlungsverfahren am Ende eingeleitet werden, lasse sich derzeit nicht absehen. Komme es zu einem Verfahren, dann müsse der Fall aufgeklärt werden, auch wenn die Betroffenen das nicht wollten. Forderungen des Opferverbands „Eckiger Tisch“, die Staatsanwaltschaften müssten den Wunsch der Geschädigten entsprechen, die keine Ermittlungen und vor allem keinen öffentlichen Prozess wollten, stünden nicht im Einklang mit dem Legalitätsprinzip, sagt der Sprecher der Generalstaatsanwaltschaft. Danach müssten diese Verfahren und die Prozesse geführt werden, um solche Taten aufzuklären.

          Eine Gruppe von Strafrechtsprofessoren, die nach Bekanntwerden der Studie der Bischofskonferenz Strafanzeige „gegen Verantwortliche“ erstattete, fordert unter anderem auch, im Zweifel müssten die Archive der Kirche durchsucht und unter Umständen Unterlagen beschlagnahmt werden. Für solche spektakulären Schritte besteht nach Ansicht der hessischen Justiz derzeit kein Grund. Man vertraue darauf, dass die Bistümer ihre Zusagen einhalten und die gewünschten Unterlagen zur Verfügung stellen werden, heißt es. Nur falls sich abzeichne, dass wichtige Beweismittel zurückgehalten würden, müsste man zu solchen prozessualen Maßnahmen greifen. Derzeit stufe man die Bereitschaft der Bistümer zu kooperieren als sehr hoch ein.

          Noch stehen Hessens Strafverfolger am Anfang. Dass es auch zu Ermittlungen wegen Strafvereitelung oder ähnlicher Vorwürfe gegen Verantwortliche in den Bistümern kommen werde, will daher derzeit niemand ausschließen.

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