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Europawahl in Frankfurt : Alte Männer wählen AfD

Die Europawahlen in Frankfurt seit 1979 Bild: F.A.Z.

Am Ende sind alle Frankfurter Verlierer der Europawahl, denn die Mainmetropole stellt keinen Abgeordneten mehr. Es gibt aber auch ein paar kleine und große Sieger.

          Die Frankfurter haben gewählt - und der Stadt eine Überraschung bereitet. Stärkste Partei bei der Wahl zum Europaparlament am Sonntag wurde nicht, wie von fast allen erwartet, die CDU, sondern die SPD. Dabei konnte die CDU fast genauso viele Stimmberechtigte wie bei der Wahl vor fünf Jahren für sich gewinnen, nämlich 47.245 gegenüber 47.813, wie die Statistiker der Stadt gestern in ihrer Wahlanalyse darlegten.

          Hans Riebsamen

          Redakteur in der Rhein-Main-Zeitung.

          In einem Punkt haben indes alle Frankfurter verloren. Die Mainmetropole stellt im neuen Europaparlament keinen einzige Abgeordneten mehr. Wolf Klinz, der auf Platz 5 der FDP-Bundesliste stand, büßte ob des katastrophalen Partei-Ergebnisses sein Mandat in Brüssel ein. Der Frankfurter Daniel Cohn-Bendit, der bisher die Fraktion der Grünen im EU-Parlament mit anführte, aber zuletzt von den französischen Grünen nach Brüssel entsandt worden war, hatte auf eine weitere Kandidatur verzichtet. Die Anliegen der Mainmetropole vertreten müssen jetzt der in Schwalbach lebende CDU-Abgeordnete Thomas Mann und sein aus Gießen stammender SPD-Kollege Udo Bullmann.

          Verluste trotz gleicher Stimmenzahl

          Woher rühren die Verluste der Konservativen von 5,3 Prozent, obwohl sie nur etwas mehr als 500 Wähler verloren haben? Waltraut Schröpfer, die Leiterin des Bürgeramtes, Statistik und Wahl, die mit ihren Mitarbeitern die Nacht von Sonntag auf Montag durchgearbeitet hat, konnte am Tag nach dem Urnengang eine Analyse vorlegen, die diese und weitere Fragen klärt. Die CDU ging trotz etwa gleichbleibender Stimmenzahl mit relativen Verlusten aus der Abstimmung, weil in der Stadt die Wahlbeteiligung um 5,6 Prozentpunkte auf 44,5 Prozent zugenommen hat. Knapp 30 000 Wähler mehr als 2009 haben ein Wahllokal aufgesucht oder per Brief abgestimmt.

          Aus dem EP geflogen: Wolf Klinz (FDP)

          Warum die Frankfurter und überhaupt die Deutschen sich wieder reger an der Europawahl beteiligt haben, können die Statistiker nur vermuten. Es könnte mit der Angst vieler Wähler vor einem politischen Rechtsruck hin zu den europakritischen Parteien zu tun haben, mit der Ukraine-Krise oder dem geplanten Freihandelsabkommen mit den Vereinigten Staaten, glauben sie. Oder haben vielleicht die um das Amt des Kommissionspräsidenten ringenden Spitzenkandidaten, der Sozialdemokrat Martin Schulz und der Christdemokrat Jean-Claude Juncker, die stärkere Wahlbeteiligung bewirkt?

          Die nackten Frankfurter Zahlen, welche die Statistiker gestern präsentiert haben, erlauben darauf keine Antwort. Auch nicht auf die Frage, warum die Frankfurter SPD ein überdurchschnittliches Plus von 8,4 Prozentpunkten gegenüber dem Bundesdurchschnitt verzeichnet und auch gegenüber anderen Großstädten überdurchschnittlich zugelegt hat. Ein Grund mag sein, dass die Sozialdemokraten mit Peter Feldmann einen durchaus populären Oberbürgermeister stellen, ein anderer, dass die regierende Koalition von CDU und Grünen in den vergangenen Monaten nicht immer trittsicher war. Das alles bleibt jedoch Vermutung und entzieht sich dem Wissen der Statistiker. Die Sozialdemokraten konnten jedenfalls die Zahl ihrer Wähler um fast 20 000 auf rund 49 000 deutlich ausbauen, was ihr Plus von 7,8 Prozentpunkten erklärt.

          Einen Wermutstropfen im Becher der Freude stellt für die hiesigen Sozialdemokraten der Umstand dar, dass sie mit 26,5 Prozent nicht ganz das Ergebnis der Bundes-SPD (27,3 Prozent) und der Landespartei (30,3 Prozent) erreichten. Die südhessischen Jusos stellten denn auch klar, dass die „Jubel-Inszenierung“ der SPD-Spitze völlig überzogen sei. Zum vierten Mal in Folge habe die Partei die 30-Prozent-Marke bei einer deutschlandweiten Wahl deutlich verfehlt: „Vom Anspruch als Volkspartei ist sie meilenweit entfernt.“

          AfD punktet in Hochburgen der CDU

          Neben der SPD ist die AfD auch in Frankfurt die große Siegerin dieser Wahl. Auf Anhieb erzielten die Eurokritiker acht Prozent der Stimmen. Besonders gut schnitten sie in CDU-Hochburgen (10,4 Prozent) ab. Das deutet darauf hin, dass zwischen dem Verlust der CDU und dem Erfolg der AfD ein enger Zusammenhang besteht, will heißen: dass die CDU Wähler an die neue Partei verloren hat. Vor allem ältere Männer wählten die Partei der Euroskeptiker: Fast 19 Prozent der männlichen Wähler zwischen 60 und 69 Jahren machten ihr Kreuzchen bei der AfD. In dieser Altersgruppe, die traditionell die Domäne der CDU ist, mussten die Christdemokraten Verluste von 12,4 Prozentpunkten hinnehmen. Sie verlor in allen Stadtteilen außer Westend-Süd Stimmanteile.

          Die FDP, die wohl größte Verliererin der Europawahl, schnitt in Frankfurt mit 5,6 Prozent noch vergleichsweise gut ab. Allerdings halbierte sich die Zahl ihrer Wähler auf 10.300. Dagegen hat die Linke mehr als 6000 Wähler gewonnen und ihren Anteil um 2,3 Prozentpunkte auf 8,4 Prozent verbessert, womit sie sich besser schlug als ihre Bundes- und Landespartei.

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