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Antico Caffè San Marco : Kaffeehaus in Seenot

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Seit jeher ein Ort der Literatur: Ein Tisch im Antico Caffè San Marco ist immer für Claudio Magris reserviert. Bild: Susanne Schaber

Viel mehr als nur Espresso und Cappuccino: Das Antico Caffè San Marco ist eine Institution in Triest. Denn hier wohnt seit hundert Jahren die Seele der Stadt.

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          Das Antico Caffè San Marco ge­schlossen? Das kann nicht sein. Die Gäste wollen es nicht glauben, als sie am 24. Dezember 2012 ihr Stammcafé an der Triestiner Via Cesare Battisti ansteuern und die Türen verriegelt vorfinden. Franco Filippi führt das Lokal seit gefühlten Ewigkeiten. Sehr untypisch für ihn, ohne Vorankündigung das „Chiuso“-Schild auszuhängen. Was könnte da passiert sein? Man diskutiert die Möglichkeiten, bis einer der Nachbarn von einem Krankenwagen berichtet, der am Vortag vorgefahren ist und den Cafetier ins Hospital gebracht hat. Dort ist Franco überraschend gestorben. Die Nachricht macht die Runde. Man betrauert den Toten und sorgt sich gleichzeitig um sich selbst: Wie würde es nun weitergehen? Das Kaffeehaus ist im Be­sitz der Assicurazioni Generali, der größten Versicherungsgesellschaft Italiens, 1831 in Triest gegründet. Das Los des San Marco liegt also in den Händen von Managern und Bürokraten. Würden die Damen und Herren hinter ihren Schreibtischen begreifen, was ein bald hundertjähriges Lokal wie dieses für die Stadt bedeutet? Und, noch wichtiger: Wie viel von seiner Seele zwischen den Spiegeln, Fresken und Paneelen steckt?

          Triest hadert mit seinem Schicksal, seine Identität ist brüchig. Man sitzt in der östlichsten Ecke Italiens fest, so die schmerz­liche Empfindung der Menschen, der Ei­serne Vorhang hat sie jahrzehntelang vom Hinterland und ihren Wurzeln abgeschnitten. Das ist eine Erfahrung, die als Schatten über der Stadt liegt. Viele flüchten sich zurück in vermeintlich lichtere Zeiten und beschwören jene glanzvolle Vergangenheit, da die Habsburger über die obere Adriaküste regierten und der Hafen ein mächtiges Tor zur Welt bildete. Triest galt damals als kosmopolitische Metropole, mit Zuzüglern aus dem Norden und Osten Eu­ropas. Dadurch hat sich, allen Konflikten zum Trotz, ein unglaublicher kultureller Reichtum offenbart, mit Oper und Theatern, Lesekabinetten und Musikzirkeln, Bi­bliotheken und Verlagen. Vor 1914 gab es mehr als fünfhundert Zeitungen und Ma­gazine, und in den Kaffeehäusern, in de­nen gelesen, diskutiert und philosophiert wurde, war die große, weite Welt zu Hause. Daran hält man bis heute fest.

          Triest hängt am Koffein

          Der Caffè zum Frühstück, gefolgt von einem Cappuccino und dem Espresso nach dem Mittag- oder Abendessen, und eine Goccia, ein Kaffee mit einem Tropfen heißer Milch, zwischendurch: Triest hängt am Koffein. Immer noch schleppt man Jahr für Jahr eine Million Säcke à sechzig Kilogramm von den Schiffen in die Lager. Ein Teil wird an Röstereien in Italien und im Ausland geliefert, ein an­derer bleibt zur Verarbeitung an Ort und Stelle. Entsprechend ansehnlich ist die Zahl der Cafés, in denen sich die Kaffeekultur Triests erleben lässt: im La Tries­tina, Antico Caffè Torinese und Caffè Tommaseo oder, ganz trendig, in den Kaffeebars von Illy, die ganz in Glas und Chrom gehalten sind, in Triest ähnlich wie in London oder Frankfurt. Ungleich beeindruckender ist das Antico Caffè San Marco, ein „locale storico“, unverwechselbar. Begründet wurde es vom Weinhändler Marco Lovrinovich, dem es ge­gen den Widerstand der Triestiner Kaffeehausbesitzer gelang, die Konzession für eine Gaststätte an der Via Cesare Battisti 18 zu erhalten, keine noble Adresse, zuvor war dort eine Molkerei mit ihren Kühen untergebracht. Daran erinnerte nichts, als Lovrinovich am 3. Januar 1914 sein elegantes Etablissement eröffnete: Marmortischchen und Stühle von Thonet, blitzende Messinglampen und prächtige Lüster, florale Stuckarbeiten und kunstvolle Vignetten, Fresken und Malereien, in denen der geflügelte Löwe gleich mehrfach auftaucht – eine Hommage an das von ihm verehrte Venedig und dessen Stadtpatron, den Evangelisten Markus, wie Marco Lovrinovich behauptete. Und natürlich huldige er da­mit auch seinem eigenen Vornamen.

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