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Bauarbeiten in Frankfurt : Aufbauen, abreißen, aufbauen

Das neue Ordnungsamt an der Kleyerstraße, entworfen vom Architekturbüro Meixner Schlüter Wendt, aufgenommen 2010. Bild: Ursula Edelmann

Seit fast siebzig Jahren begleitet die Fotografin Ursula Edelmann die Bauarbeiten in Frankfurt und schuf so mit ihren Bildern eine Chronik der Stadt. Jetzt bündelt das Museum Bensheim einen Querschnitt ihres Werks zu einer Zeitreise.

          Wenn man mit Ursula Edelmann vor ihrem Grafikschrank steht und ihr dabei zuschaut, wie sie Schublade für Schublade aufzieht und Stapel für Stapel ihre Fotografien durchblättert, dann ist es ein wenig so, als beobachte man eine Archäologin, die sich durch die Schichten der Geschichte Frankfurts gräbt. Mit jedem Bild geht es tiefer hinab, bis man in den frühesten Tagen der jungen Bundesrepublik landet, in jener Zeit, als Frankfurt guten Grund hatte zu glauben, demnächst die Hauptstadt des Landes zu werden.

          Freddy Langer

          Redakteur im Feuilleton, zuständig für das „Reiseblatt“.

          Aufnahmen von Ruinen wie dem Säuleneingang der ehemaligen Stadtbibliothek an der Schönen Aussicht, den zerborstenen Mauern des Dominikanerklosters oder den Trümmern von Saalhof und Rententurm bleiben die Ausnahme. Ursula Edelmann hat den Aufbau dokumentiert, das Entstehen einer modernen Stadt. Hier Banken, dort Schulen, da der Bundesrechnungshof mitsamt dem monumentalen Adler des Frankfurter Bildhauers Hans Oskar Wissel. Dann Wohnblocks in Reihe, aber auch der funktionalistisch streng in den Himmel schießende Firmensitz eines Versicherungskonzerns.

          Saalhof und Rententurm am Fahrtor, 1956

          Ein Haus folgt dem anderen, darunter zahlreiche Gebäude, die zu Stellvertretern der Wiederaufbaumoderne wurden, damals jedoch nicht selten in der Bevölkerung für Aufschrei und Proteste sorgten. Es ist, als sehe man Frankfurt beim Wachsen zu. Ganz allmählich fügen sich die Bilder zu einer Chronik des Werdens. Dann aber geschieht etwas Seltsames.

          „Schauen Sie doch bloß“, sagt Ursula Edelmann, als sei sie selbst überrascht, auf das Bild gestoßen zu sein, und zieht einen großen Schwarzweißabzug mit einer Esso-Tankstelle hervor, die sich samt Parkplatz auf dreieckigem Grund ausbreitet und vor deren Zapfsäulen artig aufgereiht allerlei Personenwagen parken, allesamt mit buckliger Karosserie. „Da steht jetzt das Museum für Moderne Kunst.“ Dann zeigt sie auf die Aufnahme von Sep Rufs kompaktem Kubus der Berliner Handelsgesellschaft in der Taunusanlage. „Gerade erst abgerissen.“

          Olivetti-Hochhaus von Egon Eiermann in der Bürostadt Niederrad, 2013

          Sie schüttelt den Kopf. „Und die gibt es ebenfalls nicht mehr“, kommentiert sie gleich darauf ihr Bild der Coca-Cola-Niederlassung am westlichen Ende der Stadt. „Theodor Heuss Allee 100“ ist mit Bleistift auf die Rückseite geschrieben. „Das war hinten beim Opel-Rondell“, sagt Ursula Edelmann. Dass sich nur die älteren Frankfurter ans Opel-Rondell erinnern, scheint ihr nicht in den Sinn zu kommen. Noch so ein Gebäude, das der Abrissbirne zum Opfer gefallen ist. Das war Ende der achtziger Jahre. Und plötzlich addieren sich ihre Aufnahmen zum Gedächtnis der Stadt.

          Erst aus dem Wechsel scheint die Stadt ihre Identität zu beziehen

          Ursula Edelmann war dreiundzwanzig, als sie 1949 von Potsdam nach Frankfurt kam. Drei Jahre lang hatte sie dort bei dem Fotografen Max Baur gelernt, dann stieß sie eher zufällig auf das Stellenangebot eines Frankfurter Ateliers, zog kurzentschlossen um, machte sich aber nur ein Jahr später in der Stadt selbständig, indem sie Unternehmen und Architekten anbot, deren Häuser zu fotografieren. Nüchtern, präzise, dem Stil der Neuen Sachlichkeit ungleich näher als der romantischen Sichtweise ihres Lehrers. „Und niemals mit stürzenden Linien“, erklärt sie mit mahnendem Impetus, „das gehört sich nicht bei Architektur.“ Dann kramt sie ihre alte Linhoff Technika hervor, deren Objektiv sich in alle nur denkbaren Positionen schwenken lässt. „Damit war ich damals unterwegs.“ Erst mit dem Fahrrad, später in ihrem NSU Prinz. Einen ganzen Tag lang beobachtete sie die Wirkung des Sonnenlichts, bevor sie sich für einen bestimmten Moment entschied, dann aber konnte es passieren, dass ihr tags darauf Wolken in die Quere kamen. Menschen scheuchte sie fort oder wartete geduldig ab, bis sie von selbst aus dem Bild gingen. Als das Baudezernat der Stadt auf ihre Arbeiten aufmerksam wurde, erhielt sie den Auftrag, fortan jeden städtischen Neubau aufzunehmen, selbst Turnhallen. Eine Auswahl der Motive hängt bis heute in den sechs Etagen der Bauaufsicht der Stadt.

          Ehemalige Stadtbibliothek, 1956

          Es ist eine dienende Art von Dokumentarfotografie, der Ursula Edelmann zeitlebens treu geblieben ist. Ohne Kinkerlitzchen, gewissermaßen auch ohne Position zu beziehen. Sie übt keine Kritik, und kaum je spürt man einen Anflug von Sentimentalität. Freilich hatte wohl auch kaum jemand geahnt, dass die Halbwertszeit der Nachkriegsmoderne bei gerade einmal dreißig, vierzig Jahren liegen werde, als Oberbürgermeister Werner Bockelmann seine Vision ausrief: „Der Hochhausstil soll künftig das baubestimmende Element in der Neugestaltung der Mainstadt werden.“ Denn kaum gebaut, so kommt es manchen Frankfurtern vor, müssen die Häuser schon wieder größeren Gebäuden weichen. Erst aus dem ständigen Wechsel scheint die Stadt überhaupt ihre Identität zu beziehen. Kein Jahr ohne Großbaustelle. Keine Panoramaaufnahme, auf der nicht mindestens ein Dutzend Kräne in den Himmel ragen.

          Und doch schimmert über Ursula Edelmanns frühen Fotografien ein Glanz, von dem man nicht glauben mag, dass er allein dem Fotopapier jener Tage geschuldet ist, sondern sich einbildet, er habe auch etwas mit der Zuversicht von damals zu tun – während die Doppeltürme der Deutschen Bank trotz all des vielen Glases wie Barrieren wirken, gigantische Grenzpfosten, mitten in die Stadt gerammt. Doch dazu mag sich Ursula Edelmann nicht äußern. Nur zur Abrisswut in Frankfurt bringt sie ihre Meinung auf den Punkt: „Das ist die Pest.“

          Berliner Handelsgesellschaft von Sep Ruf und Friedel Steinmeyer an der Taunusanlage, 1954

          „Ursula Edelmann – Frankfurt Fotografien“

          Museum Bensheim; Eröffnung am Freitag, 17. August um 19 Uhr; bis 21. Oktober. Geöffnet Donnerstag und Freitag von 15 bis 18 Uhr, Samstag und Sonntag von 12 bis 18 Uhr.

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