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Lage in Venedig : „Es fühlt sich nicht wie eine Katastrophe an“

  • -Aktualisiert am

Hier gibt’s vorerst keinen Spritz mehr: Der Stadtteil San Marco ist überschwemmt. Bild: Frederik Heinz

Venedig steht seit einer Woche immer wieder unter Wasser. Die meisten Touristen lassen sich davon nicht abhalten. Während in den Cafés die Wasserpumpen laufen, genießen sie ihren Spritz.

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          Langsam kriecht die Lagune in das San-Polo-Viertel. Das Wasser spült den Geruch des Meeres in die Gassen, aus den Abflüssen im Boden sprudelt das Wasser auf die Straßen. Zigarettenstummel und Blätter treiben über die Gehwege. „Das hier wird in wenigen Stunden vollgelaufen sein“, sagt der Besitzer eines Ladens mit allerlei Venedig-Nippes in den Regalen und deutet auf den weiß gefliesten Ladenboden. Geöffnet hat er trotzdem. „Für die Touristen“, wie er sagt, mit denen er heute trotz des Hochwassers Geschäfte machen will. Auf der kniehohen Metallschranke, die als Schutz gegen das Wasser im Eingang zu seinem Geschäft angebracht ist, steht „MOSE“. Eine Anspielung auf das Milliarden-Projekt, das die Stadt längst mit ausfahrbaren Fluttoren hätte schützen sollen, sich aber durch Korruptionsskandale und Planungsfehler immer weiter verzögerte.

          Am frühen Sonntagmorgen verkündete die Sirene in schrillen Tönen überall in der Altstadt das Kommen des dritten Hochwassers mit der höchsten Warnstufe innerhalb weniger Tage. Die „acqua alta“ soll an diesem Tag abermals bis auf 160 Zentimeter über dem normalen Meeresspiegel ansteigen – eine Höhe, bei der große Teile Venedigs überflutet sind und der Notstand gilt. Die Venezianer sind vorbereitet. Mit Holzbrettern und Bauschaum sind die Eingänge verbarrikadiert, ihre Beine stecken bis zu den Hüften in Hochwasser-Gummistiefeln. Dagegen tragen die Touristen zumeist Plastik-Stulpen, einfache Überzieher, die wie Luftmatratzen in der prallen Sonne riechen und sich innerhalb von Sekunden über die normalen Schuhe ziehen lassen. In jedem zweiten Laden liegen sie in der Auslage, mal für acht Euro, mal für zehn, mal teurer.

          Ein Venezianer in den typischen Hochwasser-Gummistiefeln

          Einige Menschen laufen auch barfuß, andere in Sneakern durch das inzwischen an vielen Stellen knietiefe Wasser. Die höher gelegenen Orte der Stadt, wie etwa die Rialto-Brücke, füllen sich allmählich mit Menschen, die vom Hochwasser zum Warten gezwungen werden und nun dabei zusehen, wie die Wasserstraßen immer weiter über die Ufer kriechen und die Gehwege allmählich verschlucken. Viele machen Selfies, es herrscht ein geschäftiges Treiben auf Venedigs bekanntester Brücke. Menschen tragen Rollkoffer auf den Schultern, es wird Spritz getrunken und ausgelassen in verschiedensten Sprachen geplaudert.

          „Es ist eigentlich ganz lustig“

          „Die Medien wollen doch nur Angst schüren, hier herrscht keine Katastrophe“, sagt ein Mann aus Deutschland, der mit einer Begleitung auf einem der letzten Vaporetti steht, die vor dem Höhepunkt der Springflut noch fahren. „Das beeinflusst die Weise, wie wir Urlaub machen nicht“, er deutet auf seine wadenhohen Gummistiefel, „bis auf die hier“. Seine Frau erzählt, man solle sich die Venezianer doch nur einmal ansehen, „wie souverän die damit umgehen“. Als sie die Bilder im Fernsehen gesehen habe, hätte sie etwas anderes erwartet. Aber hier wirke alles relativ normal, die Stadt sei trotzdem wunderschön, außerdem fühle sie sich trotz des Wassers sehr sicher.

          Das Wasser steht mittlerweile bei 135 Zentimetern. Noch zwei Stunden soll es weiter ansteigen. Die Passerelle, die rutschfesten Fußwege auf erhöhten Metallgestellen, werden von Helfern in gelben Westen gehalten, weil das Wasser sie sonst anheben und davontragen könnte. Im Schneckentempo drängen sich die Passanten darauf entlang.

          Die Wassertaxen stellen am frühen Mittag vorübergehend ihren Betrieb ein, während in den überfluteten Straßen nach wie vor viele Leute anzutreffen sind. Auch in den Cafés und Restaurants sitzen noch Menschen, deren Knöchel von Wasser umspült sind. Auch sie trinken Spritz, während die Ladenbesitzer ihre Geschäfte leer pumpen. So auch ein junges Paar aus Frankreich. Ihre Füße sind in Plastik verpackt. „Es ist eigentlich ganz lustig“, meint Alice, die junge Frau, „natürlich nicht für die Anwohner“, fügt ihr Freund Thomas hinzu. Sie machen ein Foto vor der Bar. Wenn das Wasser noch höher steigt, wollen sie für eine Weile zurück in ihr Hotel gehen. Auch sie sind der Meinung, dass die Berichterstattung viel dramatischer gewirkt hätte. Wenn man erst mal dort sei, „fühlt es sich nicht wie eine Katastrophe an“.

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