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Stierkampf in Spanien : Carmens verunglückte Premiere

  • -Aktualisiert am

Der Stierkämpfer Francisco Rivera mit seinem Baby Carmen. Das Bild hat für Empörung gesorgt und abermals gezeigt, dass die Zustimmung zum Stierkampf in der spanischen Bevölkerung sinkt. Bild: Instagram/ @frpaquirri

Ein Torero geht mit Baby in die Arena – und erntet heftige Kritik. Kein Wunder, verliert doch der spanische Stierkampf schon seit einer Weile an Zuspruch. Unter den jungen Menschen lehnen ihn heute schon mehr als 70 Prozent ab.

          Francisco Rivera betrat die Arena und ging seinem Geschäft nach. In Andalusien schien die Frühlingssonne, und der berühmte Torero, Sohn und Enkel noch berühmterer Matadore, erwartete bei einer Trockenübung auf dem Lande eine anstürmende Jungkuh. In der rechten Hand hielt er das rote Tuch, mit dem er sie elegant ins Leere laufen ließ, und auf dem rechten Arm seine fünf Monate alte Tochter. Danach stellte er selbst die Aufnahme ins Netz und schrieb dazu „Carmens Debüt“.

          Wie sich bald herausstellen sollte, war es jedoch eine nicht ganz glückliche Premiere. Außer erbosten Tierfreunden empörten sich zu Tausenden auch Kinderfreunde. Es hagelte Kritik von allen Seiten bis hin zu Morddrohungen. „Unverantwortlich“ und „schändlich“ rügte die Tierschutzpartei Pacma den „Vater des Jahres“. Sein Verhalten wurde unvorteilhaft mit der denkwürdigen Szene verglichen, als Michael Jackson einmal im Hotel Adlon in Berlin seine kleine Tochter über das Balkongeländer hielt.

          Der Skandal kochte so richtig auf, als die Zeitung „El País“, der öden Politikerkonterfeis im gegenwärtig unregierbaren Spanien überdrüssig, die Aufnahme auf die erste Seite stellte. Inzwischen überlegt sich der für den Jugendschutz zuständige Beamte in Sevilla, ob er noch nachträglich einschreiten sollte. Die Staatsanwaltschaft stellte am Donnerstag nach Ermittlungen das Verfahren ein, bat den Torero aber, es nicht wieder zu tun.

          „Stolz des Blutes“

          Dabei hörte Francisco Rivera – sein Bruder Caetano ist auch Torero und im Nebenberuf noch Armani-Model – nur den Ruf der Dynastie, als er zu dem frühen Sozialisationsversuch ansetzte. Obwohl es sich hier um ein Mädchen handelte, hätte wohl weder Großvater Antonio Ordóñez noch Großonkel Luis Miguel Dominguín, alles einst gute Freunde von Ernest Hemingway, Ava Gardner und Orson Welles, etwas einzuwenden gehabt. Vielleicht nicht einmal sein Vater Francisco Rivera, genannt „Paquirri“, der in der Arena sein Leben ließ.

          Auf sie alle berief sich „Fran“, wie er genannt wird, als er schrieb: „Mein Großvater war so in der Arena mit meinen Vater. Mein Vater mit mir. Und ich habe er nun mit Carmen gemacht.“ Es sei der „Stolz des Blutes“ fügte er noch hinzu. Außer ein paar Fan-„Olés“ erntete er jedoch wenig Beifall. Nur einige seiner Torero-Kollegen sprangen ihm via Twitter bei. So veröffentlichte auch Manuel Díaz, „El Cordobés“ Junior, ein Arena-Bild von sich und seiner Tochter und notierte: „Wo ist das Problem, wenn wir unseren Kindern den Beruf zeigen, den wir lieben?“

          Die Schelte überwog jedoch, eine Mutter schrieb etwa: „Wäre ich deine Frau, ich würde dich umbringen.“ Das führte den Gescholtenen in einem Nachtrag zu dem Seufzer: „Wie weit ist es bloß mit Spanien gekommen.“ Darauf folgte die Versicherung: „Meine Tochter war niemals sicherer, als auf meinem Arm. Ich bin Torero von Gottes Gnaden, und nicht eine Sekunde war sie in Gefahr. Respektiert bitte unsere Traditionen.“

          Fast 60 Prozent der Spanier gegen Stierkampf

          Doch das ist inzwischen auch in Spanien ein frommer Wunsch. Die Freunde der Tauromachie werden weniger. Das liegt nicht nur an den oft politisch-opportunistisch und regionalnationalistisch motivierten ersten Stierkampfverboten, wie in Katalonien. Vielmehr haben die Anti-Stierkampf-Aktionen verschiedener in- und ausländischer Tierschutzorganisationen von der Fiesta in Pamplona bis zu dem berüchtigten „Toro de la Vega“ im kastilischen Tordesillas ihre Wirkung.

          Die jüngste Erhebung des nicht ganz unparteiischen, weil stierkampfkritischen britischen Instituts Ipsos Mori kam zu dem Ergebnis, dass in Spanien inzwischen 58 Prozent das Spektakel ablehnten und nur noch 19 Prozent dafür seien. Noch vor drei Jahren habe die Quote der Befürworter bei 30 Prozent gelegen. In der Generation zwischen 16 und 34 liege die Ablehnung sogar schon bei 71 Prozent.

          Die Statistik des spanischen Kulturministeriums – die konservative Regierung unter Ministerpräsident Mariano Rajoy hat die Corrida im Parlament noch zum „nationalen Kulturgut“ erklären lassen – scheint den Niedergang zu bestätigen. Die Zuschauerzahl fiel danach von noch knapp einer Million im Jahr 2007 um 60 Prozent auf noch 400.000 im Jahr 2014.

          Zugleich hat die Tierschutzpartei Pacma bei den letzten Parlamentswahlen im Dezember in Spanien ihren bislang größten Erfolg erzielt. Mit 220.000 Stimmen, doppelt so vielen wie vier Jahre davor, war sie von allen Parteien, die noch nicht mit Abgeordneten ins Parlament einziehen konnten, die stärkste, vor radikalen Basken, gemäßigten Katalanen und Nationalliberalen.

          Stierkampffreunde können in andere Länder ausweichen

          Für die nächste Abstimmung ist ihre Präsidentin Silvia Barquero zuversichtlich, auch die letzte Hürde zu nehmen. Denn, so sagt sie: „Wir können nicht weiter ein Land der Fiesta und Siesta sein, in dem man sich die Feste nicht ohne Tierquälerei vorstellen kann.“

          Zum Glück für die Stierkampffreunde gibt es als Ausweichmöglichkeiten noch Frankreich und Lateinamerika. Im Süden des Nachbarlandes, wird für die Corrida eine „kulturelle Ausnahme“ gemacht. Und in der Neuen Welt ist sie vielfach noch die Regel. Jedenfalls freuen sich die „Aficionados“ in Mexiko auf den nächsten Sonntag, wenn auf der Plaza Monumental der Hauptstadt José Tomás seine Kunst demonstrieren wird.

          Der je nach Perspektive furchtloseste oder tollkühnste aller spanischen Toreros wird diese Arena nicht nur bis zum letzten Platz füllen. Im Wiederverkauf werden für eine Eintrittskarte umgerechnet bis zu 8000 Euro bezahlt.

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