https://www.faz.net/-gum-9cior

„Das ging nicht anders“ : Wie Helfer die Flüchtlingskrise wahrgenommen haben

Freiwillige Helfer geben am 12.09.2015 in einer Schlange am Hauptbahnhof in München (Bayern) Hilfsgüter für Flüchtlinge weiter. Bild: dpa

Helfen ist immer gut. Ein Helfer hat das Herz auf dem rechten Fleck. Und wenn eine Woge der Hilfsbereitschaft ein ganzes Land erfasst, kann das so verkehrt nicht sein. Oder doch? Ist eine schlichte Wahrheit zwangsläufig naiv?

          Natürlich klingt der knapp drei Jahre alte Jubel vom „Weltmeister der Hilfsbereitschaft“ (Katrin Göring-Eckardt, Grüne) nicht erst in diesem desolaten Fußballsommer peinlich. Was damals Willkommenskultur getauft wurde, was mit Applaus auf dem Münchner Hauptbahnhof begann und mit Kleiderkammern und improvisierten Deutschkursen nicht aufhörte, war auch ein Hype. Aber wenn wie vor zwei Wochen mit Daniel Günther (CDU) ein Ministerpräsident in einer Talkshow einstreut, in Schleswig-Holstein sei man stolz auf diese Willkommenskultur, dann möchte man das Programm anhalten, zurückspulen und es bitte noch einmal hören. Und noch einmal. Weil man seinen Ohren kaum traut. Weil das sonst niemand mehr sagt. Immer nur Abschottung, Ankerzentren, Angst, AfD.

          Julia Schaaf

          Redakteurin im Ressort „Leben“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Der Wind hat sich gedreht. Die Kölner Silvesternacht, der Anschlag auf den Berliner Weihnachtsmarkt, die Sexualmorde an Maria L. und Susanna F.: Hilfsbedürftige werden pauschal als Kriminelle wahrgenommen. Traumatische Fluchterfahrungen interessieren so wenig wie Erfolgsgeschichten über Abschlusszeugnisse, Ausbildungsplätze, Jobs. Populisten und Hasskommentare im Netz haben das gesellschaftspolitische Klima und die Grenzen des Sagbaren so verändert, dass sich Ehrenamtliche heute rechtfertigen müssen, dass sie noch immer Flüchtlinge zu Behörden begleiten und bei der Wohnungssuche helfen. Wie kann sich dieses Land so weit nach rechts drücken lassen, anstatt sich dafür zu feiern, was alles geschafft wird?

          Jeder zweite Deutsche über 16 Jahre, stolze 55 Prozent der Bevölkerung, haben einer Allensbach-Umfrage zufolge sich im Herbst 2015 oder in den beiden Jahren danach für Flüchtlinge engagiert. Zieht man alle ab, die sich auf Sach- und Geldspenden beschränkt haben, sind es immerhin noch 25 Prozent. Jeder vierte! Deutschland hat die wohl größte humanitäre Katastrophe seit dem Zweiten Weltkrieg abgewendet. Während der Staat mit Ach und Krach die Strukturen aus dem Boden stampfte, um in kürzester Zeit eine knappe Million Menschen zu versorgen, sprang die Gesellschaft in die Bresche. Einigkeit und Recht und Freiheit: Was hatten diese Worte auf einmal für eine Bedeutung.

          Na klar, die Helfer sind weniger geworden. Eine Ausnahmesituation bleibt eine Ausnahmesituation. Und es macht einen Unterschied, ob man Spenden sortiert oder in Beziehungen einsteigt. Freiwillige haben sich frustriert zurückgezogen, weil sie mehr Dankbarkeit erwartet hätten, sich an den Behörden aufrieben oder am Phlegma ihrer Schützlinge verzweifelt sind. Trotzdem ist der Kreis der Ehrenamtlichen in der Flüchtlingshilfe heute größer als vor dem Herbst 2015. Das Engagement hat sich professionalisiert und ist in der Mitte der Gesellschaft verankert. Heißt es sonst nicht immer, die Welt werde egoistischer, die soziale Kälte nehme zu? Bundestagspräsident Wolfgang Schäuble (CDU), scharfer Kritiker der Merkelschen Flüchtlingspolitik, prophezeite vergangenen Herbst: „Auf die große Hilfsbereitschaft der Deutschen in der Flüchtlingskrise werden noch unsere Kinder stolz sein.“

          Nur: Warum sind wir nicht stolz? Jetzt und allesamt? Stattdessen erhält „Willkommenskultur“ einen abschätzigen Klang, gleich nach „Gutmensch“, ein Privatvergnügen für Weltfremde. Als wäre der Herbst 2015 der größte Sündenfall der jüngeren deutschen Geschichte. Als müssten wir uns so sehr rüsten und wehren, dass wir den humanitären Geist Europas aufs Spiel setzen, in das Nation-Zuerst-Gejohle einstimmen und symbolische Abschreckung betreiben. Sagt doch keiner, dass sich der Zustrom von damals wiederholen soll. Aber warum lassen wir uns von Angst regieren, anstatt uns auf die Kraft, den Mut und den Pragmatismus zu besinnen, die Deutschland vor drei Jahren zu einem Land gemacht haben, in dem man wirklich gerne leben will?

          Alle an einem Strang

           

          Weitere Themen

          Kinder-Camps als Geldanlage

          Ärger für Trump : Kinder-Camps als Geldanlage

          Die Abschiebe-Camps der Trump-Regierung sorgen seit Monaten für Kritik. Die privaten Betreiber verdienen mehr Geld, weil mehr Migranten festgehalten werden. Auch Trumps ehemaliger Stabschef John Kelly nutzt die Gunst der Stunde zum Geldmachen.

          Topmeldungen

          Der britische Öltanker Stena Impero wurde von den iranischen Revolutionsgarden beim Durchfahren der Straße von Hormuz beschlagnahmt.

          Nach Festsetzen von Tanker : Krise am Persischen Golf spitzt sich zu

          In der Straße von Hormus überschlagen sich die Ereignisse: Iran stoppt zwei britische Tanker, einer wird noch immer von Teheran festgehalten. Die Regierung in London droht mit Konsequenzen – und Washington schickt Verstärkung nach Saudi-Arabien.
          Die kommissarische Partei-Vorsitzende Malu Dreyer

          Diskussion um CO2 : SPD will „Klimaprämie“ einführen

          Wer weniger CO2 verbraucht, soll nach Willen der Sozialdemokraten künftig belohnt werden, sagt die kommissarische Partei-Chefin Dreyer nach der Sitzung des Klimakabinetts. Insbesondere Geringverdiener sollen dadurch entlastet werden.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.