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Vierfachmord in den Alpen : „Das Blutbad ist noch immer nicht aufgeklärt“

Mit diesem Phantombild sucht die französische Polizei nach einem Verdächtigen. Bild: Reuters

Nach 96 Stunden Verhör ist der neue Verdächtige im Fall des Vierfachmords in den französischen Alpen entlassen worden. Trotz zahlreicher Indizien gibt es keine Beweise gegen den früheren Ortspolizisten.

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          Der schaurige Vierfachmord im Urlaubsidyll in den französischen Alpen bleibt ein Rätsel: Am Freitag ist der neue Hauptverdächtige nach 96 Stunden Verhör aus dem Polizeigewahrsam entlassen worden. Ein Strafverfahren wegen der vier Erschießungen auf dem Waldparkplatz in Chevaline bei Annecy Anfang September 2012 konnte mangels Beweisen nicht eröffnet werden. „Das Blutbad ist noch immer nicht aufgeklärt“, sagte Staatsanwalt Eric Maillaud.

          Michaela Wiegel

          Politische Korrespondentin mit Sitz in Paris.

          Dabei hatte es zu Wochenbeginn ganz so ausgesehen, als sei den Ermittlern nach eineinhalb Jahren endlich der Durchbruch gelungen. Am Dienstag wurde nach wochenlanger Beschattung ein 48 Jahre alter Franzose in einem Dorf in der Nähe des Tatorts festgenommen. Das Mobiltelefon des früheren Ortspolizisten, der wegen Dienstverstößen im vergangenen Juni den Polizeidienst quittieren musste, war in der Nähe des Waldparkplatzes zur Tatzeit geortet worden. Zudem sah der Mann dem Phantombild eines von mehreren Zeugen gesichteten Motorradfahrers ähnlich.

          Die französische Polizei hatte das Phantombild im vergangenen November veröffentlicht und zahlreiche sachdienliche Hinweise erhalten. Der von Bekannten und früheren Kollegen als „fremdenfeindlich und rassistisch“ und „gewalttätig“ beschriebene Mann hegte zudem eine Leidenschaft für Waffen aus dem Zweiten Weltkrieg. Der Schütze von Chevaline hatte seine Opfer mit einer automatischen Pistole vom Typ Luger 06 aus der Schweiz in den Kopf geschossen. Das Modell war Anfang des vergangenen Jahrhunderts entwickelt worden und ist unter Waffensammlern sehr beliebt. Bei einer Hausdurchsuchung bei dem Verdächtigen stießen die Polizisten auf ein großes Waffenarsenal und fanden auch eine Luger-Pistole – allerdings eine größeren Kalibers und aus deutscher Herstellung.

          Eine Genanalyse ergab, dass sich die DNA des Verdächtigen nicht mit den am Tatort gesicherten DNA-Spuren deckte. Der Motorradhelm des mutmaßlichen Todesschützen, ein seltenes Modell vom Typ ISR der Firma GPA, das früher von der französischen Gendarmerie benutzt wurde, konnte nicht gefunden werden. Auch das Motorrad des früheren Ortspolizisten ähnelte nicht dem Fahrzeug, das die Zeugen beschrieben hatten. Gegen den 48 Jahre alten Mann wird nun lediglich ein Strafverfahren wegen illegalen Waffenhandels eingeleitet. Der Rechtsanwalt des früheren Ortspolizisten, der inzwischen bei einer Schweizer Sicherheitsfirma arbeitet, äußerte sich empört über die Umstände des Polizeigewahrsams seines Mandanten. „Der Medienrummel ist unerträglich“, sagte Anwalt Marc Dufour. Sein Mandant sei „erbost“ und zutiefst „erschüttert“, wie wenig die Unschuldsvermutung in seinem Fall respektiert worden sei.

          Von neuem rätseln die Ermittler nun über das Motiv für das Blutbad, der die Familie des aus dem Irak stammenden Briten Saad al-Hilli zum Opfer fiel. Der Ingenieur, der im Raumfahrt- und Rüstungsbereich arbeitete, war zusammen mit seiner Ehefrau und deren Mutter durch Kopfschüsse erschossen worden. Die beiden Töchter überlebten die Schüsse auf dem Waldparkplatz wie durch ein Wunder. Die ältere Tochter, damals sieben Jahre alt, erlitt schwere Verletzungen. Die jüngere Tochter, damals vier Jahre alt, überstand den Angriff unverletzt und wurde erst Stunden später im Fußraum des Autos gefunden, wo sie sich zu Füßen ihrer toten Mutter versteckt hatte. Beide Mädchen leben inzwischen bei ihrer Tante an einem geheim gehaltenen Ort in Großbritannien. Sie stehen unter Polizeischutz, da ungeklärt ist, ob der Täter auch nach ihrem Leben trachtet. Das vierte Opfer des Todesschützen ist ein in der Region lebender Franzose, der nach ersten Erkenntnissen zufällig auf seinem Rennrad am Tatort vorbeikam. Er wurde von dem Täter kaltblütig erschossen.

          Als Spur galt zuvor ein möglicher Erbstreit. Das französisch-britische Ermittlerteam hatte im Juni 2013 den Bruder Saad Al-Hillis vorläufig festnehmen lassen. Für einen Haftbefehl gab es aber nicht ausreichend Belastungsmaterial. Die Staatsanwaltschaft verfolgte zudem Kontakte des getöteten Familienvaters in dessen Geburtsland Irak und schloss auch nicht aus, dass er in Spionageaktivitäten verwickelt sein könnte. „Die Ermittlungen gehen aktiv weiter“, sagte Staatsanwalt Maillaud am Freitag.

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