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Bagdad Briefing : Turkmenen in Not

  • -Aktualisiert am

Ein turkmenischer Kämpfer in Amerli: Auf verlorenem Posten? Bild: AFP

Eingeschlossen von Einheiten des „Islamischen Staats“ sind sie seit mehr als zwei Monaten, doch internationale Aufmerksamkeit erlangen sie erst jetzt: Tausenden mehrheitlich turkmenischen Bewohnern der Gemeinde Amerli droht ein Massaker, wenn ihnen nicht bald Hilfe zuteil wird.

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          „Wir haben einfach keine Lobby“, klagt ein turkmenischer Jurist in der irakischen Provinzhauptstadt Kirkuk. Lange bevor die Terrorgruppe „Islamischer Staat“ die Yeziden-Hochburg Sindschar, angegriffen habe, hätten die Dschihadisten tausende Turkmenen aus Tal Afar vertrieben. Der Ort liegt westlich von Mossul, der irakischen Hauptstadt des von Abu Bakr al Bagdadi ausgerufenen Kalifats. Die Untergegebenen des selbst ernannten Kalifen Ibrahim gingen dort im Juni genauso vor wie später in Sindschar: Die Bewohner hatten ihrer Konvertierung zum Islam zuzustimmen, ansonsten drohte ihnen die Ermordung.

          Den Einwohnern Amerlis stehe dasselbe Schicksal bevor, warnte bereits vor einer Woche Nickolay Mladenov, Leiter der UN-Mission für den Irak in Bagdad. Der 180 Kilometer nördlich von Bagdad gelegene Ort ist seit Juni umzingelt von Einheiten des „Islamischen Staats“, in einem Gürtel sunnitischer Gemeinden um Amerli herum können sich die Milizionäre bewegen wie Fische im Wasser. Aus ihrer Sicht sind die rund 12.000 verbliebenen Bewohner besonders verachtenswert: Die meisten von ihnen sind Schiiten und deshalb Apostaten, des Todes würdig.

          Vergebliche Hilferufe

          Doch bislang verhallten alle Hilferufe ohne Wirkung. Die von der Patriotischen Union Kurdistans (PUK) dominierte Provinzregierung in Kirkuk wies die Schuld für mangelndes Eingreifen an Bagdad ab. Dort hält man sich nicht für zuständig – oder verweist angesichts der Schwäche der staatlichen Einheiten auf die Notwendigkeit amerikanischer Unterstützung. Die Rettung Tausender Yeziden aus dem Sindschar-Gebirge wäre ohne das – späte –Eingreifen der Vereinigten Staaten nicht möglich gewesen. Doch noch am Mittwoch zauderte die Regierung Präsident Barack Obamas, nach der humanitären Intervention Anfang August abermals in den Konflikt einzugreifen.

          Stattdessen begannen am Mittwoch Tausende Freiwillige schiitischer Milizen, sich in der Stadt Tuz Khurmatu zu sammeln. Die Stadt ist der südlichste Ort des von der kurdischen Autonomieregierung Massud Barzanis in Arbil beanspruchten Territoriums. Bis zum Vormarsch des „Islamischen Staats“ im Juni unterstand sie irakischen Regierungseinheiten. Die Kämpfer der Badr-Brigaden, Asaib Ahl al Haqs und anderer schiitischer Gruppen planen, den Belagerungsring um Armili zu zerschlagen, um dringend benötigte Hilfe zu der eingeschlossenen Bevölkerung zu bringen.

          Unterstützung sollen sie dabei angeblich von der irakischen Armee erhalten, berichten lokale Medien. Im Süden von Amerli seien Soldaten mobilisiert worden, um den aus Tuz Khurmatu im Norden geplanten Angriff der Schiitenmilizen auf die Stadt zu unterstützen. Die Luftwaffe habe bereits in den vergangenen Tagen Stellungen des „Islamischen Staats“ rund um die Turkmenen-Gemeinde bombardiert, um die Offensive vorzubereiten. Auch Wasser und Reis, Öl und Käse seien abgeworfen worden, berichtete der Mitarbeiter einer turkmenischen Hilfsorganisation, um die Not bis zur Befreiung zu lindern.

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