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Anleihemärkte : Zinskurven signalisieren Rezession

Betrieb im Hamburger Hafen: Noch hält sich die deutsche Wirtschaft robust. Das lässt darauf hoffen, dass der Abschwung milde verlaufen wird. Bild: Imago

Bei den Bundesanleihen liegt die zweijährige Rendite über der zehnjährigen. Die Anleger erwarten einen Abschwung. Das muss aber kein schlechtes Omen sein.

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          Was in den Vereinigten Staaten schon länger zu beobachten ist, hat sich in den vergangenen Wochen auch in Europa durchgesetzt: Sogenannte inverse Zinskurven bestimmen derzeit das Bild an den internationalen Anleihemärkten. Als invers werden Zinskurven dann bezeichnet, wenn die kürzer laufenden Renditen über den länger laufenden liegen. Das ist derzeit bei den Bundesanleihen der Fall, das erste Mal seit November 1990. Zweijährige Anleihen des deutschen Staats rentierten am Dienstag mit 2,107 Prozent, zehnjährige nur mit 1,902 Prozent. Inverse Zinskurven gelten an den Finanzmärkten als Rezessionssignal, das war auch 1990 bis 1992 so, als die inverse Zinskurve der Bundesanleihen die Rezession 1993 vorweggenommen hatte.

          Markus Frühauf
          Redakteur in der Wirtschaft.

          In einer normalen Zinskurve liegen die langfristigen Renditen über den kurzfristigen, weil der Anleger für den längeren Verzicht auf sein Geld eine höhere Entschädigung in Zinsform verlangt. Je flacher aber die Zinskurve wird, sich also länger- und kürzerfristige Zinsen angleichen, desto schwächer sind die Konjunkturerwartungen. Invertiert die Kurve, dann gehen die Märkte von einem Konjunktureinbruch in den darauf folgenden vier bis acht Monaten aus. „Inverse Zinskurven signalisieren, dass Anleger trotz höherer kurzfristiger Zinsen vermehrt in länger laufende Anleihen investieren, weshalb die Nachfrage hier zunimmt und die Preise entsprechend steigen und damit die Renditen sinken“, schrieb Robin Beugels, Leiter Investment Management der Privatbank Merck Finck, am Dienstag. Dieses Verhalten zeige, dass die Marktteilnehmer mehrheitlich keine weiteren Zinssteigerungen erwarten, was in der Regel mit der Aussicht auf eine Rezession verbunden sei.

          In den Vereinigten Staaten ist die Renditekurve der Staatsanleihen schon seit Juli invers. Im dritten Quartal legte die amerikanische Wirtschaft überraschend um 2,6 Prozent gegenüber dem Vorjahresquartal zu. Auch die deutsche Wirtschaft zeigte sich im dritten Quartal mit einem Wachstum von 1,2 Prozent erstaunlich robust. Allerdings deuten die schwächer wachsenden privaten Konsumausgaben und rückläufigen Importe auf konjunkturellen Gegenwind in den USA. Die Volkswirte der Danske Bank erwarten, dass die amerikanische Notenbank Fed ihre Zinserhöhungen fortsetzen und die US-Wirtschaft ab dem zweiten Quartal 2023 in eine Rezession treiben wird. Diese dürfte nach ihren Erwartungen aber mit einem BIP-Rückgang von 0,2 Prozent im kommenden Jahr milde ausfallen.

          Widersprüchliche Signale

          Widersprüchliche Signale der inversen Zinskurven mit den zuletzt wieder besseren Stimmungsindikatoren wie den deutschen Ifo-Index sieht Axel Botte, Marktstratege des französischen Vermögensverwalters Ostrum. Einerseits würden Stimmungsdaten nahelegen, dass die Gefahr einer Rezession abnehme. Auch würden massive fiskalische Unterstützungspläne – in Frankreich, Italien und Deutschland könnten sich die Hilfspakete im nächsten Jahr auf insgesamt 83 Milliarden Euro belaufen – die Wirtschaft stützen. Andererseits sei die nun auch für die Bundesanleihe eingetretene Umkehrung der Renditekurven immer ein zuverlässiger Indikator für einen bevorstehenden Rückgang der Wirtschaftstätigkeit gewesen, so Botte.

          Dagegen sieht Merck-Finck-Stratege Beugels die inverse Zinskurve nicht als negatives Signal. Sie könne nicht nur als Vorbote einer Rezession gewertet werden, sondern auch als Anzeichen eines Wendepunktes in der Inflation. In den USA sei dies in den vergangenen Monaten zu beobachten gewesen. Beugels verweist auf die Anfang Juli invertierte Zinskurve, mit der die Marktteilnehmer relativ präzise die vorläufige Wende der Inflationsentwicklung vorweggenommen hätten.

          Diese erreichte nach Angaben des Merck-Finck-Strategen im Juni mit 9 Prozent ihren bisherigen Höhepunkt und ist nun seit 4 Monaten rückläufig (zuletzt 7,7 Prozent). „Die inverse Zinskurve könnte also diesmal eher ein Grund zum Aufatmen sein, vor allem für die inflationsgeplagten Verbraucher und industriellen Großeinkäufer. Denn eine vorübergehende Rezession ist für Wirtschaft und Bürger allemal besser zu verkraften als eine weiter anhaltend hohe Inflation“, schreibt Beugels.

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