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Ein Jahr nach dem Abgasskandal : Der VW-Schreck

Ein Mann und 1000 Klageschriften gegen Volkswagen: Rechtsanwalt Andreas Tilp in seiner Kanzlei in Kirchentellinsfurt in Baden-Württemberg. Bild: Verena Müller

Andreas Tilp verklagt schon seit mehr als zwanzig Jahren die Großkonzerne der Republik. Jetzt hat er Volkswagen am Wickel. Ein Fall, den er nicht verlieren kann.

          5 Min.

          Die Keimzelle des organisierten Widerstands sitzt in Kirchentellinsfurt, eine kleine Gemeinde mit offiziell 5556 Personen im Speckgürtel von Tübingen. Dort hat Andreas Tilp seine Kanzlei, mit nicht mehr als einem Dutzend Anwälten. Schon seit Jahrzehnten geht er den Großkonzernen von dort aus auf die Nerven: Deutsche Telekom, Porsche, Hypo Real Estate sind darunter, seit einiger Zeit auch Volkswagen.

          Corinna Budras

          Redakteurin in der Wirtschaft und für Frankfurter Allgemeine Einspruch.

          In diesen Tagen hat er alle Hände voll zu tun, denn an diesem Montag, rund ein Jahr nach dem Bekanntwerden des Abgasskandals, liefert der 53 Jahre alte Anwalt beim Landgericht Braunschweig weitere Klagen enttäuschter VW-Aktionäre ab, mehr als 1000 an der Zahl, sorgsam ausgedruckt und von einem Boten übergeben. Hinzu kommen Dutzende Klagen professioneller Anleger mit einem Investitionsvolumen von mehr als zwei Milliarden Euro. Die Porsche SE wird wegen der gemeinsamen Unternehmensstruktur gleich mit verklagt. So lässt sich optimaler Druck aufbauen.

          Es könnte die letzte Möglichkeit sein, schließlich droht Verjährung. Deshalb springen jetzt gerade viele auf den Zug in Richtung Braunschweig auf: Kleinaktionäre, institutionelle Anleger wie die amerikanische Fondsgesellschaft Blackrock. Sogar die Bundesländer Bayern, Hessen und Baden-Württemberg wollen sich die Kursverluste erstatten lassen, die sie mit den Volkswagen-Papieren in ihren Versorgungsfonds erlitten haben. Allein Hessen soll dadurch 4 Millionen Euro verloren haben. Deshalb hat sich gleich eine ganze Armada von Anwälten in Stellung gebracht. Tilp ist nur einer von ihnen, allerdings der bekannteste.

          Gute Erfolgsaussichten der Klagen gegen VW

          Die Klagen sind fast schon eine Zwangsläufigkeit in der Causa Volkswagen. Spricht man mit Anwälten wie Tilp über die Erfolgsaussichten dieser Klagen, schwanken die zwischen „sehr gut“ und „definitiv nicht zu verlieren“, je nachdem, über welche Zeiträume man spricht. Die Affäre mag an jenem ereignisreichen Freitag, dem 18. September 2015, dank der kompromisslosen Kommunikation der amerikanischen Umweltbehörde EPA an die Öffentlichkeit gedrungen sein. Doch zu diesem Zeitpunkt war sie schon längst im Gange, womöglich schon jahrelang. Der Subtext dieser anwaltlichen Einschätzung ist unmissverständlich: Jeder Volkswagen-Aktionär, der nicht versucht, vor Gericht den Ersatz seines Kursverlustes zu erstreiten, lässt eine einmalige Chance verstreichen. Und wer könnte das wollen?

          Ein Jahr ist es nun her, dass die Umweltbehörde EPA ihre Vorwürfe veröffentlichte, Volkswagen habe mit einer Schummel-Software die Abgaswerte seiner Dieselfahrzeuge manipuliert und damit Kunden und Behörden gleichermaßen betrogen. In den Vereinigten Staaten sind knapp eine halbe Million Fahrzeuge betroffen, in Europa sind es noch einmal 8,5 Millionen. Zu diesem Zeitpunkt wusste Tilp dank seiner amerikanischen Partnerkanzleien längst Bescheid, weil in Amerika das Gerücht schon zirkulierte.

          Mögen die Mietrechtler geduldig darauf warten, dass empörte Mandanten mit ihren Nebenkostenabrechnungen bei ihnen anklopfen – im Kapitalanlagerecht gewinnt der, der schon vor den Aktionären weiß, dass sie betrogen wurden. Das inzwischen legendäre Wochenende Mitte September hielt deshalb nicht nur die Manager in Wolfsburg auf Trab, sondern auch die Anwälte 570 Kilometer weiter südlich in Kirchentellinsfurt. Mit seinen Partnerkanzleien jenseits des Atlantiks sprach Tilp das weitere Vorgehen ab und rüstete sich für seine Mandantenakquise in Sachen VW.

          Tilp geht es um alle Fehlhandlungen VWs des letzten Jahres

          Volkswagen machte ihm das Geschäft denkbar einfach: Noch am selben Wochenende – am Sonntag, dem 20. September – räumte Volkswagen die Manipulation zähneknirschend ein. Die Schnelligkeit, mit der Volkswagen den Bettel hinwarf, habe ihn „umgehauen“, berichtet Tilp. Der Aktienkurs stürzte ab, doch erst am Dienstag, dem 22. September, kam Volkswagen mit der börsenrelevanten Ankündigung heraus. In den Augen vieler war das zu spät - viel zu spät.

          Dass es auch viel schneller gehen kann, hat Tilp höchstselbst unter Beweis gestellt. Seine Pressemitteilung ging am Montag, dem 21. September, um 9.44 Uhr heraus. Für ihn war zu diesem Zeitpunkt schon klar: „VW-Aktionäre können Schadenersatz wegen Verletzung deutscher Insiderinformationsvorschriften in Milliardenhöhe fordern“, stand dort fett in der Überschrift.

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