https://www.faz.net/-gv6-9rs3j

Folgen des Handelsstreits : Chinesische Aktien in Amerika werden zum Politikum

  • -Aktualisiert am

Da war die IPO-Welt noch in Ordnung: Der Börsengang der Wanda Sports Group im Sommer. Bild: Reuters

Die elektronische Börse Nasdaq verschärft die Regeln für kleine Unternehmen aus China. Auf dem amerikanischen Markt für Börsengänge wird es ungemütlich.

          3 Min.

          Die Börsengänge chinesischer Unternehmen an den amerikanischen Aktienbörsen werden zum Politikum. Nachdem kürzlich Erwägungen der amerikanischen Regierung durchgesickert waren, die Börsennotierung chinesischer Unternehmen im Zuge des Handelsstreits einzustellen, erschwert jetzt die elektronische Börse Nasdaq das Listing kleiner chinesischer Firmen. Schon im Juni hatten republikanische und demokratische Senatoren einen Gesetzesvorschlag eingereicht, der die Aufsicht von an amerikanischen Börsen notierten chinesischen und anderen ausländischen Unternehmen verschärfen würde. Die Senatoren fordern größere finanzielle Transparenz.

          Norbert Kuls

          Freier Autor in der Wirtschaft.

          Nach einem Bericht der Nachrichtenagentur Reuters hat die Nasdaq, wo amerikanische Technologieriesen wie Apple, Amazon oder Microsoft notiert sind, die Anforderungen an das durchschnittliche Handelsvolumen für chinesische Aktiengesellschaften verschärft. Dazu will die Nasdaq eine Börsenzulassung hinausschieben, wenn die Unternehmen keine ausreichende Verbindung zu amerikanischen Kapitalmärkten nachweisen können – etwa in Form von amerikanischen Aktionären oder einer geschäftlichen Präsenz in den Vereinigten Staaten. Die New York Stock Exchange prüft die Börsengänge und die Notierungen chinesischer Unternehmen ebenfalls, hat aber noch keine Änderungen beschlossen.

          Die Nasdaq, der zweitgrößte amerikanische Aktienmarkt nach der New York Stock Exchange, hat entsprechende Pläne schon seit einem Jahr verfolgt. Mit dem Weißen Haus seien diese Pläne allerdings nicht besprochen worden, zitiert Reuters informierte Personen. Die Nasdaq störte sich demnach vor allem an den geringen Handelsumsätzen der kleinen Firmen nach dem Börsengang. „Die Besorgnis der Nasdaq wegen geringer Liquidität und starker Kursschwankungen nach den Börsengängen war seit Mitte 2018 sehr deutlich geworden“, sagte Ralph De Martino, der das Asien-Geschäft der amerikanischen Kanzlei Schiff Hardin leitet.

          Milliardeneinnahmen mit Börsengängen

          In der Regel suchen ausländische Unternehmen mit einem Börsengang in Amerika (IPO) den Zugang zu amerikanischen Investoren. Im Fall der chinesischen Unternehmen blieben die Aktien aber mehrheitlich in den Händen der Spitzenmanager oder bei Anlegern, die mit ihnen in Verbindung stehen. Damit werden die Unternehmen für große amerikanische Investoren wie Fondsgesellschaften oder Hedgefonds unattraktiv, die zu den wichtigsten Kunden der Nasdaq gehören. Die chinesischen Firmen nutzen einen Börsengang an der Nasdaq, damit die Gründer und Investoren ihre Anteile versilbern können. Der Börsengang brachte ihnen zudem amerikanische Dollar, zu denen der Zugang aufgrund chinesischer Kapitalkontrollen erschwert war.

          Chinesische Unternehmen haben seit dem Jahr 2000 mit Börsengängen in den Vereinigten Staaten mehr als 70 Milliarden Dollar aufgenommen. Große Online-Einzelhändler wie Alibaba, Pingduoduo und JD.com haben große amerikanische Investoren angezogen. Die vielen kleinen Firmen sind unpopulär, weil die Aktienkursentwicklung in der Regel negativ ist. Die Aktienkurse kleinerer chinesischer Börsenneulinge sind in den 18 Monaten bis zum Ende des zweiten Quartals um durchschnittlich 38 Prozent gefallen. Die Kurse vergleichbarer amerikanischer Unternehmen sind im gleichen Zeitraum dagegen um 14 Prozent gestiegen. Insgesamt waren an amerikanischen Börsen zuletzt rund 150 chinesische Firmen gelistet.

          IPO-Markt beginnt zu stottern

          Unterdessen beginnt der amerikanische Markt für Börsengänge zu stottern – zumindest in Bezug auf bislang hochbewertete und verlustmachende Unternehmen. Am Montag hatte der New Yorker Büroraum-Vermittler Wework sein ursprünglich für Oktober geplantes Debüt an der Wall Street auf unbestimmte Zeit verschoben (F.A.Z. vom 1. Oktober). Der Absage waren ein Führungswechsel und wachsende Kritik von Investoren vorausgegangen. Nach Gesprächen mit Großanlegern waren die Investmentbanken des Unternehmens zuletzt nur noch von einer Bewertung um 20 Milliarden Dollar ausgegangen.

          Im Januar war die Gesellschaft noch mit 47 Milliarden Dollar bewertet worden, also mehr als doppelt so hoch. In der vergangenen Woche hatte auch die Hollywood-Talentagentur Endeavor ihren geplanten Börsengang abgesagt, nachdem die Aktien von Peloton, einem Hersteller populärer Heimtrainer, nur auf schwache Nachfrage gestoßen waren. Der Aktienkurs von Peloton fiel am ersten Handelstag um mehr als 10 Prozent unter den Ausgabepreis. Unter lange Zeit hoch gehandelten Start-ups, die in diesem Jahr an die Börse gedrängt waren, hatte es schon einige Flops gegeben. So waren die Aktienkurse der beiden Fahrdienstvermittler Lyft und Uber, die im März und im Mai an der Wall Street debütiert hatten, nach neuerlichen Verlustmeldungen auf neue Tiefststände gesackt.

          Der Markt für Börsengänge ist ein wichtiger Indikator für die allgemeine Stimmung an der Börse. Hohe Nachfrage nach jungen Unternehmen deutet auf einen erhöhten Risikoappetit von Investoren, da deren Kurse zwar hohes Wachstumspotential versprechen, aber gleichzeitig sehr schwankungsanfällig sind.

          Trotz der hochkarätigen Fehlschläge lief der Markt für Börsengänge bislang insgesamt gut. Nach Angaben des Wertpapierhauses Renaissance Capital haben 119 junge Unternehmen in diesem Jahr Aktien im Wert von mehr als 40 Milliarden Dollar an den amerikanischen Börsen emittiert – etwas mehr mehr als im gleichen Zeitraum des vergangenen Jahres. Die Aktienkurse der Debütanten haben, gemessen am Renaissance IPO-Index, zuletzt aber nachgegeben. Im Vergleich zum Jahresanfang liegen sie aber immer noch um rund 21 Prozent im Plus – und damit etwas besser als der breitgefasste Aktienindex S&P 500.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Ein Lob für die Impeachment-Anklage: Der republikanische Senator Lindsey Graham.

          Impeachment-Prozess : Lob aus republikanischem Munde

          Die Ankläger Donald Trumps im Amtsenthebungsverfahren machen ihre Sache so gut, dass ihnen sogar einer der wichtigsten Unterstützer Trumps Anerkennung zollt.
          Helene Fischer in Düsseldorf

          F.A.S. exklusiv : Aufstand der Stars

          Die großen Plattenfirmen in Deutschland bekommen Ärger. Manager zahlreicher Rock-, Pop- und Schlagerstars wollen, dass die Musiker stärker an den sprudelnden Einnahmen aus dem Musikstreaming beteiligt werden.
          Amazon in  Staten Island

          Onlinehandel : Wer hat Angst vor Amazon?

          Der Internethändler gewinnt Marktanteile – während die deutschen Einzelhändler ums Überleben kämpfen. Aufgeben wollen sie aber nicht, im Gegenteil.
          In diesem Haus in Starnberg wurden die Leichen gefunden.

          Mord statt Suizid in Starnberg : „Passt das zu den Spuren?“

          Nach dem gewaltsamen Tod einer Familie in Starnberg hat die Polizei zwei Verdächtige festgenommen. Ein 19 Jahre alter Bekannter des getöteten Sohnes hat das Verbrechen gestanden. Wie kam die Polizei ihm auf die Spur?

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.