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Scherbaums Börse : Brexit ist Brexit und Schnaps ist Schnaps

  • -Aktualisiert am

Whisky der Marke Johnnie Walker in einer Diageo-Fabrik in Glasgow Bild: Reuters

Johnnie Walker, Smirnoff, Baileys oder Guinness: Der börsennotierte Alkoholkonzern Diageo gehört zu den wenigen britischen Unternehmen, die dem EU-Austritt Großbritanniens dank starker Marken einigermaßen gelassen entgegen blicken können.

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          In diesen Tagen unternehmen Großbritannien und die Vertreter der EU einen letzten Versuch, einen sogenannten No-Deal-Brexit zu verhindern. Bisher war von der Endzeitstimmung nicht viel zu spüren. Die Corona-Pandemie überschattete das Austrittsabkommen nahezu völlig. Erst seit den vergangenen Tagen wird mit vielen Meldungen immer deutlicher, wie der wirtschaftliche Alltag nach der einjährigen Übergangsfrist der Briten ab dem 1. Januar 2021 aussehen könnte.

          So plant offenbar die amerikanische Investmentbank Morgan Stanley, Vermögenswerte in Milliardenhöhe von Großbritannien nach Deutschland zu verlegen. Sie folgt damit dem Beispiel vieler anderer Finanzinstitute. Dazu passt auch die Meldung, dass am Montag bereits nach Aussagen des Finanzdienstleisters Moventum vielen im Ausland lebenden Briten die Bankverbindungen gekappt wurden. Mit dem britischen Schwebezustand ist augenscheinlich endgültig Schluss – mit oder ohne Deal.

          Ein solcher Deal wäre aber sehr wichtig, um die britische Wirtschaft in Zeiten einer Corona-bedingten Konjunkturdelle nicht unnötig weiter zu belasten. Zudem werden sich viele Anleger fragen, wie es ab Januar um bisher solide britische Aktien stehen wird. Eine der beliebtesten Wertpapiere von der Insel ist Diageo.

          Während man auch beim weltgrößten Spirituosenhersteller darauf hoffen sollte, dass ein No-Deal-Brexit verhindert werden kann, kann das Unternehmen aufgrund seiner breiten Aufstellung solche Herausforderungen aber relativ gut meistern. Diageo ist mit seinen mehr als 200 Marken in rund 180 Ländern vertreten. Zu den Marken zählen beispielsweise Smirnoff, Captain Morgan, Tanqueray, Baileys und den Briten gehört unter anderem die irische Biersorte Guinness. Alles in allem ein ziemlich einträgliches Geschäft.

          Populäre Alkoholmarken

          Die Bekanntheit dieser Marken ist insbesondere in wirtschaftlich schwierigen Zeiten ein großer Vorteil. Sollte bei den Konsumenten das Geld nicht mehr allzu locker sitzen, werden sie sich im Supermarkt noch stärker als in der Vergangenheit an den ihnen bekannten Marken orientieren. Trotzdem hat auch Diageo mit der derzeitigen Situation zu kämpfen.

          Unser Autor Christoph Scherbaum ist Börsenfachmann und arbeitet als Finanzjournalist aus Ludwigsburg.
          Unser Autor Christoph Scherbaum ist Börsenfachmann und arbeitet als Finanzjournalist aus Ludwigsburg. : Bild: Christoph Scherbaum

          Die Corona-Beschränkungen werden dafür sorgen, dass die Festlichkeiten rund um Weihnachten und Silvester nicht wie in der Vergangenheit über die Bühne gehen können. Dabei sind die Festtage für die Spirituosenindustrie eine besonders wichtige Zeit. Wenig hilfreich sind zudem auch die Krise in der Tourismusbranche und die aufgrund von Covid-19 nicht stattfindenden Großveranstaltungen.

          Diageo konnte jedoch zuletzt gegenüber dem Frühjahr 2020 und dem Ende Juni zu Ende gegangenen Geschäftsjahr 2019/20 eine Erholung feststellen. Insbesondere in den für den Konzern immer wichtiger werdenden Wachstumsmärkten in den Schwellenländern. Letztlich hängt die Lage von Diageo kaum an der Situation in Großbritannien. Die Umsätze sind gut verteilt, mehr als 34 Prozent der Erlöse macht der Konzern in Amerika, über 20 Prozent im asiatischen Raum. Auch deshalb geht das Management davon aus, dass sich das zweite Halbjahr 2020 sowohl auf der Umsatzseite als auch bei den Ergebnissen besser als die erste Jahreshälfte 2020 entwickelt haben sollte.

          Anleger fuhren bisher gut mit der Aktie

          Wer als Anleger in den vergangenen zehn Jahren bereits in Diageo investiert war, konnte mit dem defensiven Konsumwert seine Position mehr als verdoppeln. Aus 10.000 Euro wurden mehr als 23.000 Euro – und das trotz eines bisher schwächeren Corona-Jahr 2020.

          DIAGEO PLC LS-,28935185

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          Nachdem der Aktienkurs von Diageo im September 2019 auf ein neues Allzeithoch bei 36,33 Britischen Pfund gestiegen war, gingen die Notierungen in den Sinkflug über und brachen bis zum März dieses Jahres um 44 Prozent auf 20,50 Pfund ein. Von diesem Dreijahrestief aus startete eine volatile Rallye, in deren Verlauf sich die Notierungen bis Mitte Dezember in den Bereich der 30er-Marke zurück nach oben arbeiteten. Damit notiert die Diageo-Aktie jetzt im Abstand von zwölf Prozent über der 200-Tage-Linie, womit der klare Aufwärtstrend untermauert wird.

          Einziger Nachteil für Anleger mag das Kurs-Gewinn-Verhältnis (KGV) sein. Die Aktie verfügt derzeit über ein 2021er-KGV von 26. Angesichts einer konstanten Dividendenrendite in den vergangenen Jahren von mehr als 2 Prozent könnte dieses Argument aber für den einen oder anderen Investor nicht mehr so viel an Gewicht haben. Letztlich ist Diageo einer der britischen Konzerne, dem es in seinem Geschäftsbereich (fast) egal sein kann, wie nun das Kapitel Brexit zu Ende geht.

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