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Talanx : Ein Börsengang als Lachnummer

Talanx: Hü und hott und hottehü Bild: dpa

Talanx geht mal wieder an die Börse. Vielleicht klappt’s ja diesmal mit den Anlegern. Aber klein ist er geworden, der Schritt auf’s Parkett. Ein Musterbeispiel, wie man einen Börsengang vermasselt.

          3 Min.

          Es gibt Geschichten, die werden immer wieder erzählt, ohne dass sie je wahr würden: Der Yeti im Himalaya, Wildschweine in der Fußgängerzone, Krokodile in Badegewässern – und der Börsengang von Talanx. Es ist gerade mal eine Woche her, dass der Versicherungskonzern einen schon fest terminierten Börsengang mit der Begründung absagte, die Höhe des von den Investoren geforderten Abschlags auf den Unternehmenswert sei nicht akzeptabel gewesen.

          So konkret wie seit 15 Jahren nicht

          Martin Hock
          Redakteur in der Wirtschaft.

          Am Donnerstag nun gab der drittgrößte deutsche Versicherer ein Angebot von 26,01 Millionen Aktien zum Preis von 17,30 bis 20,30 Euro bei einer Mehrzuteilungsoption von 2,89 Millionen bekannt. Brutto will Talanx damit rund 500 Millionen Euro erlösen.

          Zugegeben: So konkret waren die Börsenpläne noch nie, seit der frühere Vorstandsvorsitzende des Talanx-Vorgängers HDI, Wolf-Dieter Baumgartl, vor nunmehr rund 15 Jahren einen Börsengang nicht mehr ganz ausschließen wollte. 3 Jahre zuvor hatte HDI ja immerhin einen Teil seiner Rückversicherungssparte erfolgreich an die Börse gebracht: die Hannover Rück.

          Vor acht Jahren in drei bis vier Monaten

          Doch das war der letzte Erfolg in dieser Hinsicht und der wurde zum Klotz am Bein. Die Beteiligung am Rückversicherer galt als bestes Stück von Talanx - der Rest war wohl nicht viel wert. Und wer braucht schon die Hannover Rück gleich zweimal? Also sollten große Akquisitionen in der Erstversicherung her, man träumte vom internationalen Versicherungskonzern, der in bis zu 15 Ländern seine Fäden spinnen sollte.

          Und dann, ja dann sollte die Kapitalerhöhung und der Börsengang kommen. Dabei wollte man begeisterten Anlegern knapp die Hälfte der Aktien verkaufen und 6 Milliarden erlösen.

          Im November 2004 kam Baumgartl mit ganz konkreten Plänen: In “3 bis 4 Monaten“ könne man an der Börse sein! Aber - erst müsse man diese lästige Hannover Rück loswerden und eine Milliarde Euro im Erstversicherungsgeschäft scheffeln. 2005 kaufte Talanx dann endlich Gerling – doch die Börsenambitionen wurden nicht etwa konkreter. Es war nur noch eine „Option“, die aber immer noch 5 bis 8 Milliarden Euro einbringen sollte.

          Vor zwei Jahren „knopfdruckfähig für den Börsengang“

          Dann herrschte erst einmal Ruhe. Vielleicht war das ja die beste Zeit am Börsengang. Erst 2010 kam man in Hannover wieder in Fahrt. Zwar senkte man im Dezember erst einmal die  Prognosen. Aber es war ja nur ein „Kehrjahr“. Und Talanx tönte: „Wir machen uns knopfdruckfähig für den Börsengang“. Der sei im dritten Quartal 2011 möglich! Aber: sicher sei das nicht.

          Mittlerweile war die Größe der Plazierung auf 10 bis 15 Prozent der Anteile geschrumpft. Und im darauffolgenden Mai wurde auch der Zeitplan dünner. Herbert Haas, mittlerweile Nachfolger von Baumgartl sagte nur noch: In diesem Jahr sicherlich nicht.

          2012 begann der Versicherer dann einen wahren Veitstanz ums Parkett herum. Im Januar kaufte Talanx den polnischen Versicherer Warta für 770 Millionen Euro. Da war sie nun, die ersehnte Akquisition in der Erstversicherung. Anleger ließen die Kurszettel fallen und harrten gespannt auf den baldigen Börsengang. Ende Mai werde er für Juni angekündigt, hieß es in Finanzkreisen. Irrtum.

          Anfang Juli war es wieder April, April: Wegen der unsicheren Lage auf den Kapitalmärkten sei das Thema Börsengang vorerst erledigt., ließ Talanx verlauten. 

          Nicht mehr viel übrig von einstigen Plänen

          Das hielt acht Wochen, dann tönten die Fanfaren: Der Schritt aufs Parkett wurde für den Herbst angekündigt. Der Erlös: bescheidene 700 Millionen Euro, noch nicht einmal ein Achtel der ursprünglich anvisierten Summe. Verfallsdauer der Mitteilung: neun Tage, dann die Absage. Verfallsdauer der Absage dann: sechs Tage. Jetzt sind es noch 500 Millionen Euro, im Vergleich zu früheren Vorstellungen ein putziges Börsenkrabbeln. Wenn es dann dazu kommt. Bei Talanx weiß man ja nie.

          Auf Basis der Preisspanne liegt der Marktwert von Talanx bei vollständiger Ausübung der Mehrzuteilungs-Option laut Unternehmen übrigens bei 4,4 bis 5 Milliarden Euro. Das ist weniger als die Hälfte dessen, was das Unternehmen vor acht Jahren wert sein sollte. Sic transit gloria mundi.

          Selbst wenn es diesmal gelingen sollte, das Unternehmen an die Börse zu bringen: Talanx ist wohl das leuchtendste Beispiel dafür, wie man einen Börsengang nicht macht. Vielleicht wäre es besser gewesen, erst dann vom Börsengang zu reden, wenn man wirklich bereit dazu war. Im doppelten Sinne: Fähig und willens. Denn offensichtlich war man entweder das eine oder das andere nicht. Angesichts der Schrumpfgröße ist man versucht zu meinen, dass Talanx jetzt wohl schon gehen muss.

          Chronik des Talanx-Börsengangs

          19.12.1997 Talanx-Chef Baumgartl schließt einen Börsengang der HDI Beteiligung (später Talanx) nicht aus

          29.05.1998 Talanx stellt einen Börsengang in den nächsten Jahren in Aussicht

          20.07.1999 Talanx hält nach dem Scheitern der Fusion mit der HUK Coburg am geplanten Börsengang fest

          15.12.2000 Talanx soll bis 2004/2005 an die Börse, in der Lebensversicherung will man auf 10 - 15 Auslandsmärkten tätig werden

          12.12.2002 Talanx soll 2005 an die Börse, der Konzern brauche Mittel für die Weiterentwicklung

          23.07.2003 49,9 Prozent von Talanx sollen frühestens 2005 an die Börse gebracht werden. Dafür soll der Vorsteuergewinn mindestens 1 Milliarde Euro erreichen, ein höherer Gewinnanteil aus der Erstversicherung erzielt werden und die Bereitschaft der Kapitalmärkte vorhanden sein, für die Aktien einen angemessenen Preis zu zahlen

          11.12.2003 Talanx sei “schon heute börsenfähig“

          22.01.2004 Talanx plant keine großen Akquisitionen mehr, Börsengang erfolgt bei einer Akquisiton von mehr als 1,5 Milliarden Euro

          30.09.2004 Baumgartl will einen Nachfolger vor dem Börsengang präsentieren, der Zeitpunkt ist aber offen

          23.11.2004 Baumgartl: Talanx kann „in 3 bis 4 Monaten an die Börse“, aber erst nach einer Trennung von der Hannover Rück, das Volumen des Börsengangs soll 6 Milliarden Euro betragen

          09.11.2005 Nach dem Kauf von Gerling gilt der Börsengang nur als „eine von mehreren Optionen“

          15.12.2005 Kein Börsengang ohne Plan für Mittelverwendung

          21.06.2006 Baumgartl: Ein Börsengang ist unverändert eine angestrebte Option, das Volumen soll 5 bis 8 Milliarden Euro betragen

          13.12.2006 Baumgartl-Nachfolger Haas: „Wir haben immer noch vor, an die Börse zu gehen“, aber nur wenn es eine sinnvolle Verwendung für die Mittel gebe (Akquisition). Theoretisch könne Talanx binnen sechs Monaten an der Börse plaziert sein.

          22.06.2007 Talanx sucht einen Fusionspartner „Es ist nicht die Frage, ob der Börsengang kommt, sondern nur, wann er kommt“

          14.12.2007 Der Börsengang erfolgt in den nächsten Jahren, wenn der Zeitpunkt richtig ist

          25.06.2008 Talanx: „Die Wahrscheinlichkeit, dass das dieses Jahr noch passiert, ist sehr gering“

          04.12.2008 Talanx: Der Börsengang bleibt auf der Agenda.

          23.09.2009 Talanx baut um, man vermutet für den Börsengang

          03.12.2009 49,8 Prozent von Talanx sollen für Expansionsschritte im Ausland veräußert werden - wenn die Börsen wieder aufnahmefreudiger seien. Könne im kommenden Jahr der Fall sein, aber auch noch zehn oder 20 Jahre dauern.

          09.04.2010 Talanx: Börsengang frühestens 2011

          09.06.2010 Talanx: Sobald die Märkte wieder aufnahmefähiger sind, ist ein Börsengang denkbar

          05.11.2010 Der japanische Versicherer Meji Yasuda kauft eine Pflichtwandelanleihe. Man arbeite daran, intern die Voraussetzungen für Börsengang zu schaffen. Außerdem müsse das Marktumfeld passen.

          09.12.2010 Talanx senkt die Prognosen: „Wir machen uns knopfdruckfähig für den Börsengang“. Ein Börsengang im dritten Quartal 2011 sei möglich, aber, sicher sei dies nicht.

          03.05.2011 Haas: „Talanx könnte nächstes Jahr an die Börse gehen, In diesem Jahr werde es sicherlich nicht“. Der Börsengang soll mit einer Großakquisition verknüpft sein. Angestrebte Plazierung: 10 bis 15 Prozent der Aktien

          29.11.2011 Kreise: Talanx erwägt einen Börsengang im ersten Halbjahr, kein Kommentar von Talanx

          21.01.2012 Talanx kauft Warta in Polen für 770 Millionen Euro, Börsengang wird erwartet

          22.03.2012 Gerüchte über Konsortialbanken, Haas: Keine Neuigkeiten zum Börsengang, das Umfeld sei aber günstig

          27.04.2012 Talanx streicht Stellen, der Börsengang im Mai oder Juni gitl als möglich

          18.05.2012 Finanzkreise: Ankündigung kommt Ende Mai

          22.06.2012 Talanx kauft eigene Anleihen, Börsengang offenbar abgebrochen

          03.07.2012 Talanx: Wegen der unsicheren Lage auf den Kapitalmärkten ist das Thema Börsengang vorerst erledigt. Man werde abwarten, wie sich das Umfeld weiter entwickle.

          04.09.2012 Talanx: „Wenn die Rahmenbedingungen weiterhin stabil bleiben, wollen wir noch im Herbst an die Börse gehen“

          13.09.2012 Absage des Börsengangs: „Die Höhe des von den Investoren geforderten Abschlags auf den Unternehmenswert war weder für uns noch für unseren Anteilseigner akzeptabel.“

          19.09.2012 Schon am 2. Oktober sollen die neuen Aktien erstmals gehandelt werden, es gebe ein hohes Interesse des Kapitalmarkts. Der Erlös soll zur Wachstumsfinanzierung und zur weiteren Stärkung der Kapitalbasis eingesetzt werden.

          (Quelle: FAZ-Archiv)

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