https://www.faz.net/-gqz-8mspq

Wittenberg : Unbelutherhaust

Wie gemalt: Luther-Touristen bleibt in Wittenberg nur das Panorama von Yadegar Asisi mit Motiven zur Reformation in Sachsen-Anhalt. Bild: dpa

Eine gestörte Beziehung: In diesem Säustall von einer Stadt wollte er ohnehin kein Haus bauen, sagte Martin Luther. Das, welches man ihm daraufhin schenkte, renoviert sich im Jubeljahr erst einmal ausführlich und ist daher geschlossen.

          In dieser Glosse werden zwei Begriffe immer wiederkehren: „Reformation“ und „Luther“. Sie nimmt damit vorweg, was vom kommenden Montag an 366 Tage lang deutscher Alltag auf allen Kommunikationskanälen sein wird, denn am Reformationstag 2016 beginnt das Jubeljahr zu fünfhundert Jahren Reformation, das am Reformationstag 2017 sein Ende finden wird.

          Auf diesen Tag und die 365 folgenden hat eine Stadt ganz besonders hingearbeitet und hört damit, einmal in Schwung gekommen, nun gar nicht mehr auf: Lutherstadt Wittenberg. Es ist notwendig, diese mitten in der Nazizeit, 1938, genehmigte offizielle Bezeichnung des zentralen Wirkungsorts von Luther zu verwenden, denn damit wird schon deutlich, dass es die Stadt an der Elbe virtuos versteht, sich über persönliche Wünsche hinwegzusetzen. War es doch Luther selbst, der 1522 feststellte: „Ich bitte, man wolle meines Namens schweigen und sich nicht lutherisch, sondern christlich nennen.“

          Kein Luther „am Rande der Zivilisation“

          Ganz richtig hatten die Stadtväter aber erkannt, dass die mit schöner Regelmäßigkeit nach Wittenberg pilgernden Touristen allein Luthers wegen kamen. Das dürften sie noch mehr als sonst im Reformationsjubiläumsjahr tun, doch wenn sie für den Zeitpunkt ihres Besuches einen der 124 ersten Reformationsjubeltage wählen, werden sie in der Lutherstadt vor dem geschlossenen Lutherhaus stehen. Denn das bleibt „voraussichtlich“ – ein deutsches Schauderwort – noch bis zum 3. März 2017 wegen Umbaus geschlossen. In der Zwischenzeit wird das Inventar (Lutherbibeln, Lutherporträts, Lutherdies und Lutherdas) nach Amerika geschickt, wo diverse Museen Lutherausstellungen zum Reformationsjubiläum eröffnen, die mit Memorabilien des Reformators gefüllt werden wollen.

          Und was ist schon das Inventar eines einzigen Lutherhauses aus einer Stadt „am Rande der Zivilisation“ (Luther) gegen drei Museen und Bibliotheken in den Metropolen New York, Atlanta und Minneapolis, die nun auch für ein Vierteljahr zu Lutherstädten werden möchten? Nicht gedacht wird dabei jedoch an jene Reformationsjahr-Touristen, die auf Luthers Spuren in den grauen sachsen-anhaltischen Herbst und Winter geraten und sich gerne in die Lutherstube des Lutherhauses in der Lutherstadt Wittenberg flüchten würden, aber durchs Renovationshalbjahr daran gehindert sind.

          Schon Luther hatte verstanden, wie es um den Ort stand, in dem er lebte: „Wenn ich ein Haus bauen wollte“, so schrieb er 1532 in gewohnt deftiger Ausdrucksweise dem gleichfalls in Wittenberg residierenden sächsischen Ernestiner-Kurfürsten, „so wollt ich es wahrlich nicht in diesem Säustall bauen.“ Der boshafte Landesherr schenkte ihm prompt das ehemalige Augustinerkloster, das heutige Lutherhaus, in dem der Reformator schon seit 25 Jahren wohnte. Ob die Lutherstadt Wittenberg Luther zum Reformationsjubiläum endlich einmal einen Wunsch erfüllen wollte: wegzukommen?

          Andreas Platthaus

          Verantwortlicher Redakteur für Literatur und literarisches Leben.

          Folgen:

          Weitere Themen

          Hoffnung im Angesicht der Apokalypse Video-Seite öffnen

          Filmkritik „Endzeit“ : Hoffnung im Angesicht der Apokalypse

          Blutverschmierte Münder, abgehackte Gliedmaßen und Non-Stop-Action – so kennt man als geneigter Zuschauer das Zombiefilm-Genre. Wie sich der deutsche Film „Endzeit“ dagegen abhebt und warum man gerade als Nicht-Zombie-Fan den Gang ins Kino wagen sollte, erklärt F.A.Z.-Redakteur Andreas Platthaus.

          Topmeldungen

          So sieht sich 8Chan selbst: Twitterprofil der Plattform.

          Internetforum „8chan“ : Der Alpha und die Betas

          Vom Meme zum Massaker: Wie radikalisieren sich junge Männer in Internetforen wie „8chan“? Warum verehren sie Donald Trump? Und warum gibt es diese Plattformen überhaupt?

          Eintracht Frankfurt : Wie ein Achtelfinale

          Eintracht-Torhüter Kevin Trapp erwartet ein „großes“ Play-off-Hinspiel bei Racing Straßburg und misst ihm besondere Bedeutung bei. Rund um das Stadion gelten für die rund 1200 Anhänger besondere Auflagen.

          Debatte über das Sparen : Lieber später als heute das Geld auf den Kopf hauen

          Bisher dachten Wissenschaftler, Menschen geben Geld lieber heute als später aus. Doch in einer alternden Gesellschaft könnte sich das ändern. Das würde auch das Phänomen negativer Zinsen erklären. Müssen Ökonomen ihre Lehrbücher umschreiben?

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.