Weinbergs „Idiot“ in Wien :
Irrfahrt ins Nirgendwo

Von
Reinhard Kager
Lesezeit:
Wilde Szenen: Petr Sokolov (links), Ekaterina Sannikova
Wilde Szenen: Petr Sokolov (links), Ekaterina SannikovaMonika Rittershaus

Mieczysław Weinbergs Oper „Der Idiot“ wird im Musiktheater an der Wien von Thomas Sanderling und Vasily Barkhatov mustergültig auf die Bühne gebracht.

Das Stück beginnt mit drei wuchtigen, von den Bässen grundierten Paukenschlägen, auf die jedes Mal grelle Clusterakkorde der Streicher folgen. Ein Solo der Trompeten scheint auf die Exposition eines Themas hinzuführen, doch stattdessen schrauben sich erneut die dreifach repetierten Cluster schmerzhaft in die Ohren der Zuhörer.

Schon in den wenigen Takten des Vorspiels zu seiner Dostojewski-Oper „Der Idiot“ umreißt der polnisch-russische Komponist Mieczysław Weinberg prägnant das Schicksal des Fürsten Myschkin, der sich, geplagt von epileptischen Anfällen, jahrelang in einem Schweizer Sanatorium behandeln lassen musste. Auf der Rückreise nach St. Petersburg trifft er den wohlhabenden Kaufmann Rogoschin. Eine folgenschwere Begegnung, denn Rogoschins triebhafte Eskapaden machen dem mittellosen Fürsten ebenso stark zu schaffen wie seine Krankheit. Angesichts seines eigenen Schicksals verwundert es nicht, dass sich Weinberg angezogen fühlte von Dostojewskis Außenseiter, der zwar alles andere als ein Idiot ist, doch mit seinen hohen ethischen Ansprüchen an einer von Geld, Gier und Machtbegehren dominierten Gesellschaft scheitert. Ähnlich erging es auch dem sehr spät im Westen entdeckten Komponisten, der, erst vertrieben von den Nazis, dann verfolgt von den Stalinisten, zuletzt ein sehr bescheidenes Dasein in Moskau führte. Der große Erfolg, der seinem Schaffen in Mitteleuropa seit der szenischen Uraufführung seiner Oper „Die Passagierin“ (1967/68) bei den Bregenzer Festspielen 2010 zurzeit zuteilwird, setzte erst lange nach seinem Ableben ein. Auch „Der Idiot“, komponiert zwischen 1986 und 1989, gelangte erst 2013 in Mannheim zur szenischen Uraufführung. Weinbergs Librettist, Alexander Medwedew, verzichtet auf lange innere Monologe und erzählt den Handlungsablauf des philosophischen Romans knapp und schnörkellos bis zum Verzweiflungsmord an Nastassja Filippowna, die, obgleich aus sehr verschiedenen Motiven, sowohl von Rogoschin als auch Myschkin verehrt wird. Dass die inneren Beweggründe der Protagonisten präsent bleiben, ist der meisterhaften Instrumentationskunst Weinbergs zu verdanken, wie bei der österreichischen Erstaufführung des über dreistündigen Stücks im Wiener Museumsquartier in einer gelungenen Produktion des Musiktheaters an der Wien zu hören war. Was die Figuren bewegt, was sie wollen, was sie fühlen, spricht förmlich aus dieser Musik.

FAZ

Ohne Abo weiterlesen

Dies ist kein Abo. Ihre Registrierung ist komplett kostenlos, ohne versteckte Kosten.
Oder 3 Monate für 1 € pro Monat Zugang zu allen FAZ+ Beiträgen erhalten und immer aktuell informiert bleiben.