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Die Berliner Autorin Bettina Hartz Bild: Tomaš Ullmann

Romandebüt von Bettina Hartz : Dass wir in solchem Frieden leben können

  • -Aktualisiert am

Eine Frau, die sich Geschichten ausdenkt. Und ein ausgedachter Mann. Ein Haus am Strand von Istrien, ein neues Jahr und das Trauma der Jahre davor: Auszug aus dem neuen Roman von Bettina Hartz

          4 Min.

          Wir wohnten in einem kleinen Haus am Strand, es war alt und öffnete sich zum Meer und zu den Hügeln, sodass der Wind hinein- und herauswehte und ich nicht hätte sagen können, ob ich beim Frühstück drinnen oder draußen saß, immer eine Decke über der Schulter oder auf den Knien, immer das Haar zerzaust, immer die Schale mit dem Kaffee wärmend zwischen den Händen, streng frisierte Zypressen zu den Seiten und struppige Palmen, Steine und Holz bis über die Schwelle hin, die Salzluft, das Rollen der Wellen, das unaufhaltsame Licht, das bis zu mir kroch, mich schließlich weckte, Regen, das Meer aufgepeitscht und grau, dann wieder tiefblau, weich wie Samt. Ich schlief lange, schlief tief und fest, wie ich noch nie in meinem Leben geschlafen hatte, den Kopf in der Armbeuge von Hans, jedes Glied von wohliger Schwere erfüllt, schlief noch immer, versunken in Decken und Kissen, während Hans schon die Zeitungen durchsah, den dicken Packen, der jeden Morgen vor der Tür lag, und er rückte für mich den Stuhl, und ich saß im Licht, aber nach den ersten Schlucken Kaffee musste ich erst mal hinaus, hinunter ans Wasser, die Hände eintauchen, und fast wäre ich hineingesprungen, um dann, blaugefroren, beim Frühstück zu sitzen und im Körper das Auf und Ab der Wogen zu spüren, die Wellenmassage, die sich so tief einprägt, dass man noch abends im Bett sich im Meer glaubt, und das Salz im Haar, auf der Haut, das sie auslaugt und nach dem sie riecht und das Hans in der Nacht schmecken würde, als wäre ich eine auf den Bettlaken gestrandete Sirene.

          Aber ich durfte nicht hinein, Hans hatte mir verboten zu baden, er hatte Angst, ich würde krank, und so stand ich mit meinem Körper voller Sehnsucht minutenlang, sog den Geruch des Tangs ein, die salzige Luft, bis Hans rief, Milena, komm, der Kaffee wird kalt, und dann frühstückten wir und gingen an den Strand, der leer war, weder Menschen noch Hunde, nur in der Ferne manchmal ein dunkler Punkt, der sich näherte oder noch weiter entfernte, bis er unsichtbar wurde, gingen mit dem Wind in den Ohren und warfen Steine ins Wasser, weit hinaus, und redeten viel oder wenig oder gar nicht, ließen den Sand durch die Finger rieseln und behielten die Muscheln zurück, und nach dem späten Mittagessen saßen wir auf der Terrasse und lasen, ich in Decken gehüllt und Hans mit dem blauschwarzen Jackett um die Schultern, dessen hellblaues Innenfutter leuchtete, wenn der Wind die Schöße aufwehte, dass es mit dem Türkis und Ultramarin und ferntiefen Indigo des Wassers wetteiferte.

          Nach wenigen Zeilen schon ließ ich das Buch wieder sinken und sah aufs Meer, Welle um Welle, die Sonne, die Wolken, der Regen, ich wollte dem Meer, dem geliebten, den ganzen Tag so nah wie möglich sein, wenn nicht in es eintauchen, so es doch hören und riechen und ansehen, und Hans saß neben mir am runden Tisch mit einem Buch und dem zarte Striche verteilenden Bleistift, wie ich es kannte, er brachte Tee, er sagte, du bist so still, woran denkst du?, geht es dir gut? und ich nickte, sah aufs Meer, dachte, nichts, an nichts, versuchte zu begreifen, dass ich hier war, mit Hans, ohne doch eigentlich zu wissen, wo ich war, dachte nur immer, das also ist Illyrien, ich habe nicht gewusst, dass wir in solchem Frieden leben können, dass man in solchem Frieden leben kann.



          Es dämmerte, es wurde Zeit, ein paar fremde Gesichter zu sehen, zu essen, zu trinken, zu scherzen, zu tanzen und also mit dem Bus in die Stadt zu fahren, die Stadt am Meer, mit den bunten Häusern bis zum Wasser hinunter, Hans drückte dem Fahrer beim Aussteigen die Post in die Hand und steckte ihm einen Schein in die Brusttasche, und so jeden Abend bis zum letzten Tag des Jahrs, da nahm er mich auf beide Arme, und ich rief, was tust du?, ich werfe dich ins Meer, du bist betrunken, denn eine Meerbraut bist du, ich werde schreien, und neugeboren ziehe ich dich wieder heraus, und ich schmiegte mich an ihn, und so standen wir, bis das Jahr seinen Atem ausgehaucht hatte

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