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Neues von Heinz Rudolf Kunze : Hits gegen Rechts?

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Er kennt auch die Mittel des Schlagers: Heinz Rudolf Kunze Bild: Daniel Pilar

Auf seinem neuen Album „Der Wahrheit die Ehre“ übt sich Heinz Rudolf Kunze im Mark Forster-Sound. Aber geht man nach den Texten, ist die Platte voller Protestsongs.

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          Heinz Rudolf Kunze ist kein Schlagersänger. Im Schlager geht es immer um Sex, auch wenn es gar nicht um Sex geht. Oder warum ist Helene Fischer „Atemlos“? Wovon singt Roland Kaiser in „Manchmal möchte ich schon mir dir…“? Im Gegensatz zum schlüpfrigen Metaphernporno im Schlager geht es bei Kunze nie um Sex. Sogar dann nicht, wenn es um Sex geht. In Kunzes Sex-Songs geht es um die Verlogenheit von Beziehungen, um Macht oder um Verlorenheit. Es geht um das Hinterfragen des Zeitgeistes.

          Aber der Liedermacher Kunze hat auch Gemeinsamkeiten mit dem deutschen Schlager. Vor allem den unbedingten Willen zum Hit. Er hat dutzendfach schamlosen Kitsch produziert. Songs mit Titeln wie „Liebe ist Zärtlichkeit“ oder „Hunderttausend Rosen“ schielten als Nachzieher seines größten Hits „Dein ist mein ganzes Herz“ auf die Charts. Aber diese Schamlosigkeit ist irgendwie auch radikal. Denn es gehört schon eine kräftige Portion radikale Schamlosigkeit dazu, wenn man das Einstürzende-Neubauten-Werk „Haus der Lüge“ mit Roy Blacks Schmonzette „Ganz in Weiß“ vereint. Genau das hat Kunze auf seiner Cover-Platte „Meisterwerke: Verbeugungen“ getan. Aber gerade das definiert ihn seit Beginn seiner Karriere. Mal ist er Blixa Bargeld, mal ist er Roy Black.

          Ein Leitmotiv auf Kunzes Alben ist das Thema „Deutschland“. Mit diesem Thema verfährt er ähnlich wie mit dem Thema Sex - besonders großartig umgesetzt auf „Wunderkinder“ aus dem Jahr 1986, mit dem er das Lebensgefühl der noch jungen Kohl-Ära einfing. Seiner letzten Studioplatte gab er sogar den vielsagenden Titel „Deutschland“. Mit seinem neuen Album „Der Wahrheit die Ehre“ knüpft er direkt an diese Platten an.

          Die Songs klingen zeitgemäß. Sie lehnen sich von der Produktion her stark an den neuen deutschen Wohlfühlpop a la Mark Forster oder Andreas Bourani an. Aber während der Wohlfühlpop sich in neo-biedermeierlicher Selbstbeweihräucherungslyrik ergeht („Ein Hoch auf uns“), plakatiert Kunze mit diesem Sound pluralistische und demokratische Botschaften.

          Denn den roten Faden des Albums bildet eine ganze Reihe Anti-Rechtspopulismus-Songs. „Mit welchem Recht“ ist eine echte Kunze-Hymne. „Mit welchem Recht“, singt Kunze, „wollen wir Menschen verwehren / zu uns zu kommen, einfach um zu überleben?“ In  „Pervers“ knüpft er daran an: „Pervers sind nicht Schwule und Lesben / Perverse sind nur die / die Feinde alles Bunten sind / und der Demokratie“ Musikalisch paart der Song die Mick-Taylor-Rolling-Stones mit dem Electric Light Orchestra. Vielleicht auch pervers? Die Botschaft kommt fast ein bisschen aufdringlich daher. Aber warum auch nicht? Der Rechtspopulismus ist ja auch ziemlich aufdringlich.

          „Wenn du ohne Liebe bist“ ist die obligatorische Kunze-Klavierballade. Da vermischt er Elton John mit Chicago. „Ich bin so müde“ könnte auch „Alles scheiße!“ heißen. Es klingt wie die Countryband Truck Stop, die gerade eine Kraftwerk-Phase durchläuft. „Vielleicht erlöst mich einer bei der Krankenpflege“, singt Kunze, „und drückt mir ganz diskret ein Kissen aufs Gesicht“.

          „Nackter Fischer“ ist laut Kunze der Versuch, Claude Lévi-Strauß‘ Jahrhundertwerk „Traurige Tropen“ als Popsong umzusetzen. Genre: Intellektueller Konzept-Chanson.

          Es ist erstaunlich, wie es Produzent Udo Rinklin schafft, den wohlfühlpopgrundierten Sound mit Kunzes zahlreichen musikalischen Referenzen zu garnieren, und das Ganze trotzdem noch nach eingängigem Mainstream klingen zu lassen.

          Kunze hat sich mit „Der Wahrheit die Ehre“ zeitgemäß upgedatet. Er definiert sich als politischer Sänger und Intellektueller. Diese Ent-Schlagerung und Ent-Kitschung tut ihm gut. „Der Wahrheit die Ehre“ ist politisch mutig und wird dem Anspruch auf Breitenwirkung absolut gerecht.

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