Netrebko an der Scala : Frieden, Frieden, mein Gott!

Auf den Trümmern der Moderne: Anna Netrebko singt in Giuseppe Verdis „Macht des Schicksals“ an der Mailänder Scala mit großer Ausdrucksstärke und schafft ein Symbolbild unserer Zeit.
Nur für den Bruchteil einer Sekunde versagt Anna Netrebko die Stimme. Sie ist schon tödlich getroffen als Leonora in Giuseppe Verdis „Macht des Schicksals“, aber für die wenigen Restminuten ihres Rollenlebens darf sie noch ein Terzett mit Alexander Vinogradov als Padre Guardiano und mit Brian Jagde als Don Alvaro singen. Als sie, sterbend, das Lob Gottes anstimmt, spricht beim Quintsprung vom Es zum hohen B ihr Sopran leicht verzögert an – und zwar nicht, weil sie kein hohes B singen könnte (sie wird danach sogar zweimal die Septime vom C zum B in vollendetem Legato ganz sauber aufwärtsspringen), sondern weil sie und der Dirigent Riccardo Chailly hier, im Teatro alla Scala in Mailand, ein Risiko eingehen: Sie nehmen das Fortissimo, das Verdi vorschreibt, nicht ernst. Kein Mensch, der bei Verstand ist, würde es auch ernst nehmen. Eine Sterbende singt kein Fortissimo mehr. Intensität muss hier anders entstehen. Sie entsteht auch. Der kurze Aussetzer steigert sie sogar.


