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Die TNT-Serie „I Am the Night“ : Die Nacht ist dunkel und voller Schrecken

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Ihre Herkunft bleibt lange im Verborgenen: India Eisley überzeugt in der Rolle von Fauna Hodel. Bild: Turner Entertainment

Die Abgründe eines korrupten, rassistischen und perversen Amerika: In der TNT-Serie „I Am the Night“ erzählt Sam Sheridan die Geschichte der „Schwarzen Dahlie“.

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          „Manche Geschichten wollen einfach nicht erzählt werden“, murmelt der abgebrühte Chefredakteur Peter Sullivan (Leland Orser) seinem jungen Kollegen am Tresen zu und zieht so lange an seiner Zigarette, bis die Glut ihm beinahe die Finger versengt. Er spricht von den Recherchen seines freien Mitarbeiters Jay Singletary (Chris Pine), einst ein vielversprechender Nachwuchsjournalist, bis er sich eines Tages mit den Falschen, also den Mächtigen, anlegte. In der Fiktion kostete den jungen Reporter seine Story über den glamourösen Arzt George Hodel (Jefferson Mays), welcher diverser Verbrechen bezichtigt wurde, die Karriere.

          In der Realität ist Hodel Teil einer Geschichte, die offenbar immer wieder erzählt respektive gehört und gesehen werden will: die mysteriösen Umstände des Mordes an der zweiundzwanzigjährigen Elizabeth Short, die als „Schwarze Dahlie“ bekannt wurde. Wer die junge Frau tötete und ihre verstümmelte Leiche auf eine Wiese in Los Angeles warf, konnte nie geklärt werden. Der Fall übt in Amerika bis heute eine ungemeine Faszination aus. Auch die Miniserie „I Am the Night“ lockt mit dem Schlagwort der Schwarzen Dahlie, spielt aber knapp zwanzig Jahre nach dem Verbrechen.

          Einer der Hauptverdächtigen im legendären Mordfall

          Serienerfinder Sam Sheridan nähert sich dem Mythos mit seiner künstlerischen Interpretation der wahren Lebensgeschichte von Fauna Hodel, der Enkeltochter des besagten George Hodel, eines der Hauptverdächtigen in dem legendären Mordfall. Fauna wurde 1951 geboren und wuchs bei ihrer alleinerziehenden schwarzen Mutter in Nevada auf, im Glauben, ihre sehr helle Haut und die blauen Augen seien das Erbe ihres weißen Vaters, den sie nie kennengelernt hatte. Mit 16 Jahren erfuhr Fauna allerdings, dass sie als Baby adoptiert wurde, und machte sich auf den Weg nach Los Angeles, um mehr über ihre leibliche Familie herauszufinden.

          In Sheridans Erzählung entwickelt sich das schnell zu einer sinistren Angelegenheit. Statt der erhofften Antworten auf Fragen nach der eigenen Identität erwarten Fauna (India Eisley) nur noch mehr Geheimnisse. Kaum in der Großstadt angekommen, ist der am Telefon noch so gastfreundliche Großvater (Jefferson Mays) für die angeblich sehr willkommene Enkelin plötzlich nicht mehr zu erreichen, sein imposantes Anwesen im Maya-Revival-Stil (gedreht am von Lloyd Wright erbauten Originalschauplatz) wirkt wie ausgestorben. Fauna kommt bei schwarzen Verwandten unter, gibt aber die Suche nicht auf – auch als die Lage für sie zunehmend unangenehm wird.

          Er scheitert kläglich an seiner eigenen fragilen Moral

          Immer wieder bemerkt sie eine dunkle Limousine, die ihr zu folgen scheint, ein aufdringlicher Verehrer kommt plötzlich brutal zu Tode. In einer besonders brenzligen Situation trifft das Mädchen schließlich auf den Ex-Reporter und Kriegsveteranen Jay, der sein Geld mittlerweile als Paparazzo verdient und den nur harte Drogen von seinem dringenden Bedürfnis abhalten, sich eine Schlinge um den Hals zu legen. Für ihn ist Fauna ein unverhofftes Puzzleteil in der Story, die sein Leben ruinierte, und sie findet in ihm einen Verbündeten, der noch weniger zu verlieren hat als sie selbst.

          In sechs Folgen erzählt Sheridan, wie seine beiden Helden im Angesicht von schreiendem Unrecht und hollywoodscher Genuss- und Prunksucht Gerechtigkeit einfordern. Besonders Jay scheitert dabei immer wieder kläglich an seiner eigenen fragilen Moral und ist gerade deshalb die mitreißende Figur der Serie. Chris Pine meistert den typischen Noir-Ermittler: schlagkräftig, aber verletzlich, lasterhaft, aber hochtalentiert.

          Auch India Eisley kann als Fauna überzeugen, sie interpretiert die Figur mit einer bescheidenen Entschlossenheit, die ganz im Kontrast zum rehäugigen Ersteindruck steht und dem Genrestück etwas Modernes hinzufügt. Diesen Figuren möchte man zuschauen, wie sie sich durch ein korruptes, rassistisches und perverses Amerika der sechziger Jahre schlagen, in den ersten beiden Folgen mit viel Gefühl für atmosphärische Nuancen inszeniert von Wonder-Woman-Regisseurin Patty Jenkins. Die Beziehung der verlorenen Helden zueinander ist spannend, ihre Entwicklung rührt an.

          Weniger fesselt dagegen der eigentliche Mystery-Plot, den sich Sheridan aus allerlei Gerüchten rund um den Fall der Dahlie zusammenklaubt. Der beabsichtigte Grusel stellt sich zwar ein, der etwas zu stilvoll aufbereitete wahre Hintergrund nebst Inzestvorwürfen in der Familie Hodel hinterlässt allerdings einen faden Beigeschmack. Die echte Fauna Hodel hat ihre Autobiografie 2008 unter dem Titel „One Day She’ll Darken: The Mysterious Beginnings of Fauna Hodel“ veröffentlicht, 2017 starb sie an Brustkrebs. Jetzt vermarkten ihre Töchter Rasha Pecoraro und Yvette Gentile die Familienhistorie als „True Crime“-Spektakel weiter, begleitend zur Serie in ihrem Podcast „Root of Evil“. Manche Geschichten wollen einfach erzählt werden.

          I Am the Night läuft donnerstags, um 20.15 Uhr, in Doppelfolgen, auf TNT Serie.

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