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Fotografin June Newton : Sie war Alice Springs

June Newton alias Alice Springs im Juni 2010 bei einer Ausstellungseröffnung in Berlin vor einem Foto von Grace Jones. Bild: dpa

Sie war Helmut Newtons Muse, Kuratorin, Ehefrau, Partnerin auf Augenhöhe: Zum Tod der Fotografin June Newton.

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          „Us and them“: Das ist ein Titel wie ein Programm, als verberge sich dahinter ein Leitbild, eine Verschwörung: „Wir und sie“ als Zweiteilung der Welt – und zugleich als ein bedingungsloses Bekenntnis zueinander. Die beiden Fotografen Helmut und June Newton hatten die Phrase 1999 für einen gemeinsamen Bildband gewählt, das Künstlerbuch zweier Partner auf Augenhöhe, die sich ein Leben lang oft selbst und noch häufiger gegenseitig fotografiert haben. Bei der Arbeit und auf Reisen, intim und glamourös, bisweilen selbstverliebt, aber auch mit der Frage im Kopf, wer sie eigentlich seien.

          Freddy Langer
          Redakteur im Feuilleton, zuständig für das „Reiseblatt“.

          So geht das weit mehr als hundert Seiten mit zwei Lebenswerken, die es in der Art, wie sie einander umschlingen und bedingen, vermutlich kein zweites Mal gibt. Dann folgt ein Kapitel, in dem sie Beispiele ihrer künstlerischen Arbeiten auf Doppelseiten gegenüberstellen: lauter Porträts von weltberühmten Menschen. Modemacher, Künstler, Schauspieler: Lagerfeld und Catherine Deneuve, David Hockney und Dennis Hopper, Charlotte Rampling und Hanna Schygulla – alles in Schwarzweiß. Seine sind stets inszeniert, bisweilen mit einem kalkulierten Hauch von Anrüchigkeit, ihre hingegen allesamt geprägt von einem Sinn für stille Momente der Einkehr, für nachdenkliche Blicke, Augenblicke der Selbstvergessenheit – als sei er der Forsche, sie aber die Brave, die sich den Menschen behutsam, fast scheu näherte. Es war auf rührende Weise eine fast altmodische Art von Fotografie, dachte man damals. Und wer June Newton je kennengelernt hat, ihren Charme und frechen Witz erlebte, ihre Schlagfertigkeit und ihren Einfallsreichtum, konnte nicht anders, als sich über so viel Zurückhaltung in ihren Arbeiten zu wundern.

          Es ist die klassische Art der Fotografie, begreift man heute, da das Werk Helmut Newtons so datierbar geworden ist, wegweisend zwar für die Mode und erotische Fotografie, aber eben typisch für die siebziger und achtziger Jahre. June Newtons Bilder hingegen stehen in der Tradition des neunzehnten Jahrhunderts, als Fotografen der Prominenz noch mit Respekt und Ehrfurcht begegneten. Mal im Auftrag bekannter Magazine entstanden, mal nebenher bei Begegnungen im Laufe ihres Lebens im Jetset, addierten sich die von June Newton aufgenommenen zum beeindruckenden Konvolut eines „Who’s who“ der Kunst.

          Glaubt man der Legende, kam June Newton eher zufällig zum Fotografieren. Helmut Newton lag erkältet im Bett und war gerade im Begriff, einen Termin abzusagen, als sie kurzerhand beschloss, für ihn einzuspringen. Wie man einen Film einlegt, musste sie sich angeblich noch zeigen lassen und auch, wie der Belichtungsmesser funktioniert. „Schau zu, dass du die Sonne im Rücken hast“, soll er ihr nachgerufen haben. Es war der einzige Rat, den er ihr für die Gitanes-Kampagne mit auf den Weg gab. Mehr brauchte es offenbar auch nicht. Denn niemand hatte an den Aufnahmen etwas auszusetzen.

          Dass sie unter dem Namen Helmut Newton veröffentlicht wurden, verstand sie als Kompliment. Er hingegen empfahl ihr, sich ein Pseudonym zuzulegen, damit sie so schnell wie möglich aus seinem Schatten trete. Glaubt man einer weiteren Anekdote, deutete sie auf einer Karte Australiens mit geschlossenen Augen auf die Kleinstadt im Zentrum des Kontinents – und arbeitete fortan als Alice Springs. Das war Anfang der siebziger Jahre.

          Kennengelernt hatten sich die beiden 1947 in Melbourne, wohin Helmut Newton von Berlin aus vor den Nationalsozialisten geflohen war und wo er ein Fotostudio eröffnet hatte. Sie, damals am Beginn einer vielversprechenden Karriere als Schauspielerin, hatte für ihn für eine Pulloverwerbung posiert. Ein Jahr später heirateten sie, und noch ein wenig später zogen sie zunächst nach London, bald aber nach Paris, wo er sich zum gefragten Fotografen hocharbeitete, während sie der Sprache wegen die Schauspielerei aufgeben musste – sich zunächst der Malerei widmete, dann aber ihr zufällig entdecktes Talent fürs Fotografieren rasch in Aufträge umzusetzen verstand. Schon 1974 verantwortete sie Anzeigenkampagnen und nahm Titelseiten für die französische „Elle“ auf. Die jungen Damen auf ihren Bildern stöckelten frech über die Boulevards und lachten unbeschwert in ihre Kamera. Nirgendwo auch nur die Spur des Lasziven, das sich als rotes Band durch die Arbeiten ihres Mannes zieht. Stattdessen pure Lebensfreude.

          Und doch war sie ihm nicht nur Ehefrau und Kollegin, sondern ein Leben lang zugleich Muse und Kuratorin seiner Arbeiten. Von seinem ersten Buch an, „White Woman“ aus dem Jahr 1976, hat sie all seine Bände entworfen und war auch Herausgeberin, als der Taschen Verlag mit dem Sumo-Band seines Werks das bis dahin größte Buch der Welt veröffentlichte. Der Helmut Newton Foundation in Berlin mit dessen gesamtem Nachlass stand sie seit 2004, seit dem Tod ihres Mannes, als Präsidentin vor. Schon jetzt ist dort für den Sommer 2023 eine große Retrospektive zu ihrem hundertsten Geburtstag angekündigt. Am vorigen Samstag ist June Newton im Alter von 97 Jahren in Monaco gestorben.

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