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Klima und Geschichte : Die Steppe wächst

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Nicht enden wollende Steppenflächen, die sich immer mehr ausdehnen: Die Nationalstraße 13 in der Nähe von Ambovombe auf Madagaskar Bild: Reuters

Nachhaltigkeit ist nicht genug. Der Historiker Dipesh Chakrabarty plädiert für ein planetarisches Verständnis der Geschichte. In seinem Buch kritisiert er vor allem den „grünen Kapitalismus“.

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          Wenn man verstehen will, worum es dem indischen Historiker Dipesh Chakrabarty in seinem Buch „Das Klima der Geschichte im planetarischen Zeitalter“ geht, muss man zwei unterschiedliche Fälle von Verwüstung einander gegenüberstellen. Im indischen Bundesstaat Rajasthan haben verbrecherische Geschäftsleute illegal 31 Hügel auf der Suche nach Baustoffen dem Erdboden gleichgemacht, um mit dem landesweiten Bauboom Schritt zu halten. Für Chakrabarty demonstriert das „auf hässliche Weise die Fähigkeit des modernen Menschen, mit seinen Maschinen Erde von der Stelle zu bewegen“.

          Anders verhält sich die Sache auf Madagaskar, einer einst weiträumig bewaldeten Insel, wo sich die Steppenflächen immer mehr ausdehnen und die schon vorhandenen Steppen sich gleichzeitig immer schneller verändern, weil sie die wärmeren und ausgedehnteren Trocken- und Hitzeperioden schlecht vertragen: Hier ist erst einmal kein Verursacher in Sicht. Hinzu kommt, dass selbst die kürzeren und heftigeren Starkregen keine Linderung verschaffen, weil das Wasser sich nicht in den Oberflächenregionen halten kann, sondern nur die letzten Mineralien wegspült. Die Kausalitäten bei dieser Art Landschaftsveränderung sind dann schon nicht mehr so leicht zu benennen wie im Fall der Geschäftsleute von Rajasthan.

          Vom Agrar-Land zum modernen Industriestaat

          Mit Chakrabartys analytischem Besteck lassen sich die verschwundenen Hügel von Rajasthan noch gut mit den Faktoren erklären, die man unter dem Dach des Globalisierungsbegriffs zusammenfasst. Mit der immer schnelleren Ausdehnung des weltweiten Waren- und Geldverkehrs ist Indien von einem agrarisch geprägten Land zu einem modernen Industriestaat geworden, dessen geschäftliches und gesellschaftliches Leben sich vom Land in teilweise gigantisch wachsende Metropolen verlagert hat. Die Versteppung Madagaskars hängt dagegen vor allem mit der globalen Erderwärmung zusammen und lässt sich daher nicht so direkt und umstandslos der Globalisierung zurechnen. Der Planet, auf dem die Globalisierung stattfindet, und der Planet der globalen Erderwärmung sind für Chakrabarty nicht ein und derselbe.

          Genau diese Differenz bildet den Dreh- und Angelpunkt von Chakrabartys Studie. Deshalb spricht er im Titel auch vom „planetarischen Zeitalter“, und deshalb hält er eine Kritik der negativen Folgen der Globalisierung allein nicht mehr für ausreichend, wenn es um den Kampf gegen die zentrale Bedrohung des Planeten geht – besonders im Hinblick auf die Schwachen in den abgehängten Regionen der Welt. Mit anderen Worten: Wer der Bedrohung des Lebens durch den Klimawandel begegnen will, kommt mit den alten Vorstellungen nicht weiter. Im Rahmen menschlicher Zeithorizonte wird man die Ursachen des Klimawandels nicht aufspüren. Denn das menschliche Gedeihen hängt entscheidend von fossilen Brennstoffen, vom Erdreich und von der Biodiversität ab. Diesen sind zwei Dinge gemeinsam: Sie alle haben mit der Geschichte des Lebens auf diesem Planeten zu tun, und keiner von ihnen ist, an menschlichen Zeitmaßstäben gemessen, erneuerbar.

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