FAZ+ (abopflichtiger Inhalt);Debatte in der Ukraine :
„Heute will ich Puschkin nicht mehr lesen“

Von
Yelizaveta Landenberger
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Der zum Gedenkort für gefallene Soldaten umgestaltete Sockel, auf dem früher die Statue Katharina der Großen stand
Der zum Gedenkort für gefallene Soldaten umgestaltete Sockel, auf dem früher die Statue Katharina der Großen standYelizaveta Landenberger

Der Umgang mit dem russischsprachigen Erbe polarisiert die Ukraine. Aktivisten, Politiker und Militärangehörige wollen alle Spuren des Russischen tilgen. Andere fordern, das Erbe zu bewahren. Ein Besuch in Odessa.

Schreibt man die Hafenstadt am Schwarzen Meer mit einem oder mit zwei s, „Odesa“ oder „Odessa“? „Odesa“ orientiert sich an der ukrainischen, „Odessa“ an der russischen Schreibweise. Das ist nur ein Buchstabe, könnte man meinen. Doch Fragen wie diese, die mit der Derussifizierung und dem durch den russischen Überfall katalysierten ukrainischen Nation Building zusammenhängen, erhitzen die Gemüter aktuell in dem um seine Existenz ringenden Land.

In Odessa mit zwei s hat der russische Nationaldichter Puschkin in der Verbannung Teile seines Schlüsselwerks „Eugen Onegin“ geschrieben. Hier hat Sergej Eisenstein seine legendäre Sequenz auf der Potemkinschen Treppe gedreht, die den Hafen mit dem höher gelegenen Stadtzentrum verbindet. Odessa mit zwei s ist ein Mythos. Die jüdisch geprägte – zeitweise war bis zu ein Drittel der Anwohner Juden – „Perle am Schwarzen Meer“, weltoffen und irgendwie speziell. In Odessa mit zwei s soll gar eine eigenwillige Sprache vorherrschen: Odessitisch. Ein Russisch, das jiddische, ukrainische und viele andere Einflüsse in sich aufgenommen hat.

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Das Brummen in der Luft

Maßgeblich geprägt hat den Mythos Odessa der hier geborene Schriftsteller Isaak Babel mit seinen auf Russisch verfassten „Geschichten aus Odessa“. Seine bekannten Erzählungen aus diesem Zyklus, etwa „Wie es in Odessa gemacht wird“ (1923), handeln von lebensfrohen jüdischen Gangstern, die in bunten Anzügen durch das Viertel Moldawanka stolzieren. „Hat man da noch Worte? Es war einmal ein Mann, und der Mann ist nicht mehr“ – diese Babel-Sprache bestimmt noch immer das Image der Stadt.

Dieser Text stammt aus der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
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Heute liegt in den nach Schachbrettmuster angelegten, sonnengefluteten Straßen der südukrainischen Hafenstadt ein Brummen in der Luft. Tagsüber sind es Generatoren, kleine und große, die Strom für Geschäfte, Restaurants und Hotels erzeugen. Aufgrund der russischen Luftangriffe herrscht Stromknappheit. Nachts ist es das bedrohlich laute Brummen der Shaheds, der russischen Drohnen iranischen Bautyps, die Angriffe fliegen. Sie rauben den Schlaf und führen einem die eigene Sterblichkeit vor Augen. Und sie machen wütend auf diesen Nachbarn, der meint, sich mit Gewalt nehmen zu können, was ihm früher einmal gehörte. Willkommen im Odesa mit einem s.

Doch auch im Odesa mit einem s ist auf den Straßen weiterhin vorwiegend Russisch zu hören, selbst wenn man in Geschäften und öffentlichen Einrichtungen, wie gesetzlich vorgeschrieben, konsequent auf Ukrainisch begrüßt wird. Von den Straßen wurden einige jüngst umbenannt: Die Puschkin-Straße heißt seit zwei Jahren Italienische Straße, und die Büste des russischen Dichters in Hafennähe wurde im vergangenen Herbst durch einen Kubus aus Sperrholzplatten verdeckt, was für reichlich Aufregung, aber auch für Witze und Memes sorgte. Inzwischen ist ein Stadtplan des Zentrums auf den Seiten des Quaders hinzugekommen, sodass der russische Dichter nun etwas eleganter maskiert ist.

Die Begründerin von Odessa mit zwei s, Katharina die Große, ruht nun in horizontaler Position in einem improvisierten weißen Container vor dem mit Säulen geschmückten neoklassischen Gebäude des Nationalen Kunstmuseums. Kateryna Kulai, die Direktorin, bittet den Wärter, ihn für mich aufzuschließen – allerdings erst, nachdem sie und ihr Mitarbeiter, der Künstler Evhen Bal, mich durch die Ausstellungsräume geführt haben, wo aktuell etwa eine Schau des 1957 geborenen Lemberger Konzeptkünstlers Andriy Sahaydakovskyj zu sehen ist. Halb im Scherz sagt Kulai, eine Besichtigung sei die Vorbedingung dafür, dass Journalisten anschließend die russische Zarin besuchen können.

Park für totalitäre Skulpturen

Bis Ende 2022 stand die in Preußen geborene russische Zarin noch zusammen mit vier kleineren Statuen, den anderen „Gründern Odessas“, auf ihrem Sockel, wenige Blocks vom Hafen entfernt. 1794 ließ die Zarin nach ihrem Sieg über die Osmanen per Dekret einen Hafen am Ort der tatarischen Siedlung Hacıbey auf ihrem neu eroberten Land gründen: Odessa, zu Ehren der antiken griechischen Kolonie Odessos. Am Ort des früheren Denkmals für die russische Herrscherin weht nun ein Meer aus blau-gelben Flaggen, Stoffbanner mit jungen Gesichtern gefallener Soldaten erinnern an die vielen Opfer, welche der russische Angriff bereits gefordert hat. Auf dem Sockel selbst steht nun der Aufruf, alle Verteidiger der Stadt Mariupol aus der Kriegsgefangenschaft zu befreien: „Free Azovstal Defenders“.

Im Gespräch betont Bal, wie heute der Kreml habe auch die Zarin die ukrainische Sprache und Kultur unterdrückt. Deshalb sehe er aktuell keinen Weg, sie im Stadtbild beizubehalten. Alle im Kunstmuseum seien freilich gegen eine Zerstörung, vielmehr sollte die Zarin künftig in einem bereits angedachten Park für totalitäre Skulpturen ausgestellt werden. „Zusammen mit Puschkin und den anderen.“ Die Direktorin ergänzt: „In unserer Stadt ist es ein sehr schwieriges Thema, das mit Schmerzen und vielen Konflikten zwischen den Menschen verbunden ist.“

Die demontierte Statue Katharina der Großen, die nun in einem Container vor dem Kunstmuseum aufbewahrt wird
Die demontierte Statue Katharina der Großen, die nun in einem Container vor dem Kunstmuseum aufbewahrt wirdYelizaveta Landenberger

Auf meine Frage, ob eine so polarisierende Diskussion nicht vielleicht auf die Zeit nach dem Krieg verschoben werden sollte, widerspricht Bal klar. Das müsse gerade jetzt diskutiert werden. „Vielleicht werden wir irgendwann nach dem Krieg gewisse Dinge aus dieser Quarantäne entfernen, aber jetzt fühlen wir Wut.“ Natürlich werde die russische Kultur nicht mehr denselben Ort wie früher einnehmen können, aber vielleicht werde man manche Einordnung überdenken.

Ins oberste Regal verbannt

Bal schildert, seine eigene ukrainische Identität habe sich erst mit der Zeit herausgebildet. Ursprünglich sei er ganz in der russischen Kultur aufgewachsen und habe lange nicht verstanden, weshalb er die ukrainische Sprache lernen solle – eine Sprache von „Dorfmenschen“, wie die imperialistische Propaganda ihm eingetrichtert habe. Als Kind habe er Puschkins Büste geliebt, als ausgebildeter Schauspieler seine Verse selbstverständlich auswendig gekonnt, doch heute wolle er sie nicht mehr lesen. Alle Bücher russischer und sowjetischer Autoren habe er bei sich zu Hause ins oberste Regal gestellt, um sie nicht sehen zu müssen.

Den Hass auf die russische Kultur oder jedenfalls den Wunsch, sich gegenwärtig nicht mit ihr auseinandersetzen zu wollen, versteht man besser, wenn man sich das Museum mit seinen durch Sperrholzplatten ersetzten Fenstern ansieht – ein russischer Raketeneinschlag am 5. November 2023, wenige Meter entfernt, hat die Scheiben zerborsten. Auch einige Kunstwerke wurden beschädigt, wobei die wertvollsten bereits wie viele Kulturschätze in der Ukraine an einen geheimen sicheren Ort gebracht worden waren. Kulai versteht ihr Museum in diesen schwierigen Zeiten als Kraftort: „Das Museum arbeitet, also geht das Leben weiter.“ Sie möchte neue Narrative für die Stadt schaffen und mit künftigen Ausstellungen zur ukrainischen Kultur, nicht nur zur Kunst, mehr „in die Tiefe gehen“. Ende des Jahres ist eine Ausstellung über den in sowjetischer Haft zu Tode gekommenen Dichter Wassyl Stus geplant.

Auch das Museum habe eine schrittweise Ukrainisierung durchgemacht. Kulai erzählt, dass man wöchentlich eine Lehrkraft für die Museumsangestellten eingeladen habe, als 2019 ein Gesetz in Kraft trat, das Ukrainisch als Arbeits- und Kommunikationssprache an öffentlichen Orten wie Museen vorschrieb. Denn nicht alle im sowjetischen, russischsprachigen Bildungssystem Aufgewachsenen beherrschten die Sprache ausreichend.

Sturz von Lenin-Denkmälern

Bereits nach dem Zerfall der Sowjetunion kam es in der Ukraine und anderen ehemaligen Ländern der UdSSR zum Sturz von Lenin-Denkmälern. Die Wut auf das sowjetische Erbe verstärkte sich im Zuge der Euromaidan-Proteste 2013/14 und schließlich mit der Annexion der Krim und dem Beginn der russischen Aggression. Unter Präsident Poroschenko verabschiedete das ukrainische Parlament 2015 ein Gesetzespaket zur Dekommunisierung, das sowjetische ebenso wie NS-Symbole aus dem öffentlichen Raum tilgen sollte. In der Praxis verstärkte die Großinvasion diese Linie. Im Fall des Denkmals zu Ehren Katharina der Großen in Odesa bat Präsident Selenskyj den Stadtrat im ersten Kriegsjahr, sich einer Onlinepetition anzunehmen, die die Demontage forderte.

2023 kam ein neues Dekolonisierungsgesetz hinzu. Es verbietet die „öffentliche Ehrung und Förderung der Namen, Symbole der russischen imperialen Politik, ihrer Wahrzeichen, denkwürdigen, historischen und kulturellen Orte, Siedlungen, Daten, Ereignisse und Repräsentanten“. Welche Symbole konkret in diese Kategorie gehören, kann freilich sehr unterschiedlich ausgelegt werden. Es gibt Dekolonisierungsaktivisten mit sehr strikten Vorstellungen, die bei Telegram und anderen sozialen Medien Shitstorms gegen kleinste Verstöße, etwa einem Ladenschild in russischer Sprache, starten und diese teils auf eigene Initiative hin demontieren.

Der Schriftsteller Isaak Babel steht noch an seinem angestammten Platz.
Der Schriftsteller Isaak Babel steht noch an seinem angestammten Platz.Yelizaveta Landenberger

In Odesa setzte die Kulturabteilung der regionalen Militärverwaltung eine Kommission ein, die eine Liste mit 19 zu entfernenden Denkmälern erstellte. Ende Juli 2024 ordnete der Leiter der Militärverwaltung deren Abriss an. Die Aufnahme der Altstadt in das UNESCO-Weltkulturerbe im Jahr 2023 – nicht zuletzt infolge ihrer Bedrohung durch russische Angriffe – steht teilweise im Widerspruch zur Dekolonisierungsliste der Militärverwaltung: Sechs der zu dekolonisierenden Denkmäler befinden sich im historischen Zentrum. Auch fanden keine öffentliche Anhörungen statt, die Bürger der Stadt wurden vor vollendete Tatsachen gestellt, was bei manchen für Unmut sorgte.

Etwa bei der Schriftstellerin und Kulturmanagerin sowie Koordinatorin des Programms „Odesa – UNESCO City of Literature“ Maya Dimerli von der Initiative Ukrainian Cosmopolis. Diese tritt trotz der Einschüchterungsversuche durch solche Aktivisten offen gegen eine blinde Dekolonisierung ein. Bei unserem abendlichen Treffen im Stadtpark sagt sie, Babel erfasse die spezifische Atmosphäre der Odessiten hervorragend, deren Credo „Leben und leben lassen“ laute. Zudem sei den freiheitsliebenden Anwohnern eine gewisse Trotzhaltung eigen, wodurch solche Dekolonisierungsbefehle von oben hier noch mehr als anderswo auf Widerstand stießen.

Von einer Minderheit von Nationalisten beeinflusst?

Auch der in Odesa lebende italienische Journalist Ugo Poletti ist Teil von Cosmpolis. Er spricht beim Kaffee von einem Potential für einen sozialen Konflikt, der Putin gefalle. „Wir sind nicht für die Verteidigung der russischen Kultur. Wir sind für die Verteidigung eines offeneren Landes“, beschreibt er das Anliegen der Initiative. Die Dekolonisierung sei stark von einer kleinen Minderheit von Nationalisten beeinflusst, die Mehrheit denke anders. Zwar verstehe er, dass aktuell ein empfindlicher Nation-Building-Prozess stattfinde.

Doch wie dieser verlaufe, bestimme auch über die Zukunft des Landes – etwa, ob geflüchtete Ukrainer zurückkehren werden und ob das Land zu europäischen Werten wie Vielfalt und Mehrsprachigkeit stehen werde. In Europa kenne man das Konzept der „Sprache des Feindes“ nicht, wie das Russische von manchen in der Ukraine genannt wird.

Besonders tragisch scheint mir, dass das erst 2011 für den Begründer des Odessa-Mythos Isaak Babel errichtete Denkmal auf der Dekolonisierungsliste der Militäradministration steht. Und es ist merkwürdig, dass ausgerechnet sein Name dort auftaucht. Der in Odessa geborene Schriftsteller wurde 1940 als Staatsfeind vom sowjetischen Geheimdienst NKWD nach monatelanger Folter erschossen. Bei seiner Verhaftung wurden seine Manuskripte mit unveröffentlichten Werken beschlagnahmt, die bis heute als vermisst gelten.

Vielleicht ist es ja eine pragmatische Haltung, die in diesem Streit für Entspannung sorgen könnte und vor undurchdachten Taten im Affekt bewahrt. In einem Interview Anfang des Jahres betonte der ukrainische Lektor, Polnischübersetzer und Publizist Oleksandr Bojtschenko aus Czernowitz, ein Erwachsener habe das Recht, alles zu lesen. Und nicht nur ein Philologe müsse Bücher lesen, mit denen er nicht einverstanden ist. „Um den Feind zu bekämpfen, muss man ihn verstehen.“

In diesem Zusammenhang kommt er auf Isaak Babel zu sprechen, den er für „einen der größten Meister der Kurzprosa in der Weltliteratur“ hält. In Polen werde der Schriftsteller, der einst als junger Mann als Korrespondent die Rote Armee im sowjetisch-polnischen Krieg begleitete, sehr geschätzt, so Bojtschenko, da er in seiner 1926 erschienenen Kurzgeschichtensammlung „Die Reiterarmee“ und in seinem Tagebuch die Gräueltaten der Sowjets akribisch und glaubhaft beschrieb. Ein überzeugter Propagandist war Babel mitnichten, auch wenn er zeitweise mit der Oktoberrevolution sympathisierte.

In diesem Sinne wäre es schön, wenn man trotz der mehr als berechtigten Wut auf den Nachbarn weiterhin frei zwischen der Schreibung mit einem und zwei s, „Odessa“ und „Odesa“, wählen könnte. Denn Ersteres kann durch Restriktionen, die aus der Bewertung der Vergangenheit mit heutigen Maßstäben entstehen, nicht einfach zum Verschwinden gebracht werden.

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