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Unterwasser-Archäologie : Tod im Eis

Geschirrfunde im Wrack der Erebus Bild: Parks Canada Agency

170 Jahre verschwunden, vor kurzem gefunden: Das gesunkene Polarforscherschiff „Erebus“ wird untersucht. Große Hoffnungen sind mit der genaueren Erforschung der Kapitänskajüte verknüpft.

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          Eine Haarbürste, Epauletten von einer Leutnantsuniform, ein Service vom Tisch des Kapitäns: Als die Männer die Schiffe „Erebus“ und „Terror“ im April 1848 verließen, um sich irgendwie an Land durchzuschlagen, ließen sie alles zurück, was sie nicht brauchen konnten. Keiner von ihnen tauchte je wieder auf, um sein Eigentum wieder abzuholen.

          Tilman Spreckelsen

          Redakteur im Feuilleton.

          Und es ist eine gruselige Vorstellung, wie über hundert Männer – anfangs vielleicht noch hoffnungsvoll oder wenigstens nicht verzweifelt – ihre Bündel schnüren, um sich auf einen weiteren kurzen Sommer in der Arktis und den folgenden mörderischen Winter vorzubereiten. Wie sie nach Nahrung suchen und nach dem Weg in den Süden, wie sie sterben, einer nach dem anderen, weil sich die Hoffnung, irgendwo auf menschliche Siedlungen zu treffen, nicht erfüllt. Werden sie vermisst haben, was sie auf den Schiffen zurückließen? Wurde ihnen das Gepäck unterwegs zu schwer?

          Sir John Franklin, der Anführer der unglücklichen Expedition zur Nordwestpassage
          Sir John Franklin, der Anführer der unglücklichen Expedition zur Nordwestpassage : Bild: Royal Museums Greenwich - National Maritime Museum

          Im Mai 1845 war Sir John Franklin mit 134 Männern auf „Erebus“ und „Terror“ aufgebrochen, um die langgesuchte Nordwestpassage durch den arktischen Ozean zu finden. Franklin war mit knapp sechzig Jahren nicht mehr im besten Alter für eine kräftezehrende Expedition, aber die beiden Schiffe galten nicht nur als tauglich, um einen oder mehrere Winter in der Kälte zu verbringen, sie waren auch bestens mit Proviant, Kleidung und Heizmaterial ausgestattet, selbst an die Unterhaltung der Mannschaft während der langen Winter wurde gedacht – man hatte Musikinstrumente und Bücher an Bord, darunter einige Ausgaben humoristischer Journale.

          Franklin starb schon im Juni 1847, und warum die Mannschaften der beiden Schiffe zu Beginn des arktischen Frühlings im Folgejahr kein Vertrauen mehr darin hatten, dass ihnen das Eis wenigstens jetzt die Rückkehr nach England gestatten würde, ist noch immer ein Rätsel.

          Lösen könnte es beispielsweise das Logbuch eines der Schiffe. 170 Jahre lang war nicht daran zu denken, schließlich waren die verlassenen Schiffe verschwunden, und keine der Suchexpeditionen des neunzehnten Jahrhunderts konnte sie finden, geschweige Franklins Männer, von einigen Gräbern abgesehen. Doch 2014 wurde die Erebus entdeckt, zwei Jahre später die Terror, und seitdem werden die Schiffe von Tauchern der Nationalparkbehörde Parks Canada untersucht.

          Nach hundertsiebzig Jahren wieder an der Oberfläche: Epauletten von einer Leutnantsuniform
          Nach hundertsiebzig Jahren wieder an der Oberfläche: Epauletten von einer Leutnantsuniform : Bild: Parks Canada’s Underwater Archaeology Team / Marni Wilson

          Nun hat sie die Ergebnisse ihrer letztjährigen archäologischen Kampagne präsentiert: Mehr als 350 Artefakte wurden in 93 Tauchgängen aus der versunkenen Erebus geborgen, darunter auch einige Schreibwerkzeuge. Doch die Kapitänskajüte harrt noch der genaueren Erforschung, so dass manche von wasserdicht verschlossenen Kästchen träumen, in denen sich Aufzeichnungen aus den letzten Wochen und Monaten vor dem Aufbruch an Land befänden.

          So etwas wie der Heilige Gral der Polarforschung also, schließlich ist ja auch die mittelalterliche Wunderschale mit Gold nicht aufzuwiegen. Und ebenso unwahrscheinlich in ihrer Existenz.

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