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Claus Klebers Doppelmoderation : Falsches Ich

  • -Aktualisiert am

Mit großem Aushandlungsspielraum: Claus Kleber Bild: Foto und Montage: Kerstin Bänsc

Gelegentlich vergessen Fernseh-Moderatoren, dass sie sich nicht durchweg als Träger von Volkes Stimme eignen. Das ist jetzt auch Claus Kleber beim Thema „Managergehälter“ unterlaufen.

          Guten Abend! Im Leben bekommt man nicht, was man verdient, man bekommt, was man aushandelt!“ Mit diesen Worten begrüßte Claus Kleber, der smarte Frontmann des „heute journals“, unlängst seine Zuschauer. Das Topthema war einmal mehr die ewig wiederkehrende SPD-Initiative, Managergehälter zu begrenzen, und Kleber sprach in seiner Anmoderation mit belegter Stimme von zwei auseinandergefallenen Welten (als hamlethafte Variante zur inzwischen wohl stilistisch etwas eingerosteten „klaffenden Schere“): Die einen, so Kleber, würden ihr Einkommen nur daran messen, was sie jeden Monat bezahlen müssen, „Miete, Versicherung, Essen, Kleidung“. Während die anderen, die „auf der Pyramidenspitze“, sich längst nicht mehr an täglichen Bedürfnissen orientierten, sondern nur noch an dem, was andere Topverdiener bekämen.

          Dabei seien inzwischen Grenzen „in einem Maße gesprengt worden“, dass man jetzt politisch reagieren müsse, so der sozialgerecht-bewegte ZDF-Moderator mit düsterer Miene. Nun sollen Anmoderationen zugespitzt zum Thema hinleiten. Einen guten Teaser erkennt man gemeinhin an seiner Schärfe, nicht an seiner Gaumenfreundlichkeit. Die Provokation bei Klebers pointierter Anmoderation liegt in der schelmenhaften Schamlosigkeit, mit der hier ein geliehenes Ich voller Ernst gegen sein wahres Selbst wettert. Denn Kleber, als Steuerzahler und Arbeitnehmer, nicht als Chefansager der vox populi betrachtet, gehört nicht zu denen, die es weit bis zur Pyramidenspitze haben.

          Nichts als Hohn

          Genaues ist über seine Gehaltsstruktur zwar nicht bekannt, aber allein die Tatsache, dass er beim ZDF als Freiberufler unter Vertrag steht und dadurch über den Klassenstufen der ohnehin schon üppig ausgestatteten öffentlich-rechtlichen Anstalten schwebt, reicht als Hinweis aus. Dass - kurzes à part - die „Öffentlichen“ sich in diesem Punkt der Rechenschaftsschuld gegenüber der sie durch Gebühren finanzierenden Öffentlichkeit entziehen und bei Nachfrage auf den Schutz der Privatsphäre und Vertragsfreiheit pochen, ist nicht nur aus sprachlogischen Gründen ein Skandal. Es bedarf jedenfalls schon besonderer Unverfrorenheit, um sich, eingehüllt in seine Sprecherrolle, so leidenschaftlich über diejenige soziale Ungerechtigkeit zu entrüsten, von der man in seiner Rolle als Gehaltsempfänger selbst profitiert.

          Im Falle seines Teasers zur Gehältergerechtigkeit hat sich Kleber gewaltig vergriffen: Seine Rhetorik, mit der er sich auf die Seite der Entrechteten stellt, lässt nur kurz vergessen, von welchem Absender die inbrünstig vorgetragene Botschaft eigentlich kommt. Wer genauer hinhört, der hört nichts als Hohn. Natürlich ist das Dilemma zwischen biographischem Sein und politischem Wollen nicht einfach zu lösen: Auch Marx war kein Stahlarbeiter und soll gern gut gegessen haben. Aber zwischen Marx und Kleber liegen dann doch noch so einige „gefallene Welten“. Ein ZDF-Moderator seiner Preisklasse sollte bei einigen Themen einfach lieber auf rhetorischen Pomp und geliehenes Klassenbewusstsein verzichten. Und vor allem nicht Sätze sagen wie: „Im Leben bekommt man nicht, was man verdient, man bekommt, was man aushandelt!“

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