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Schlagzeuger McCraven : Organische Beatmusik

  • -Aktualisiert am

Makaya McCraven auf dem North Sea Jazz Festival in Rotterdam Bild: Getty

Seit Kindertagen ein musikalischer Weltenbummler: Der Schlagzeuger und Produzent Makaya McCraven steht für einen politisch-pluralistischen Zugang zum Jazz. Irgendwann findet sich die Musik.

          3 Min.

          Einen „Beat-Wissenschaftler“ nennen manche den 1983 geborenen Schlagzeuger und Produzenten Makaya McCraven. Er gehört zu einer neuen Generation von Musikern, für die Jazz Hip-Hop ist. Elektronische Experimente und improvisierter Augenblick – einfach so lange spielen und ausprobieren, bis tastend der Flow entsteht.

          Ein solcher Fluss aus Samples und Loops scheint charakteristisch zu sein für eine heutige Avantgarde-Jazz-Kultur, die sich – wenn überhaupt – um Chicago verorten lässt. McCraven will seine Heimat allerdings nicht geographisch festmachen, sondern eher als musikalischer Kosmopolit verstanden werden. Seine Wurzeln bezeichnet er als „multiethnisch und multinational“. Seine Identität und seine Kunst sollen „eine Welt vorstellbar machen, die nicht von Genre, Ethnie oder Nationalgrenzen bestimmt wird“.

          Vielleicht hat McCravens aufgeschlossener, gleichsam politisch-pluralistischer Zugang zum Jazz auch etwas damit zu tun, dass er seit Kindertagen ein musikalischer Weltenbummler ist. Sein Vater, der Jazz-Schlagzeuger Steve McCraven aus Connecticut, traf seine Mutter, die ungarische Folksängerin Ágnes Zsigmondi, in Paris, wo der Sohn geboren wurde.

          Aufgewachsen bei zwei Profi-Musikern

          Als Makaya drei Jahre alt war, zog die Familie ins Pioneer Valley im Westen von Massachusetts. Dort wurde sein Talent von den Eltern und ihren Spielpartnern gefördert, darunter Marion Brown, Archie Shepp und Yusef Lateef. Das Aufwachsen bei zwei Profi-Musikern habe ihm ein realistisches Bild davon gegeben, wie es sei, seinen Lebensunterhalt in der Musikbranche zu verdienen. Aber es habe es ihm auch beinahe unmöglich gemacht, über eine andere berufliche Perspektive nachzudenken.

          „Universal Beings E&F sides“, heißt das aktuelle Projekt, das als Nachtrag und Fortsetzung zum 2018 erschienenen „Universal Beings“ gelten kann. Der Künstler selbst spricht von „organic beat music“, vielleicht auch, weil sie oft so „organisch“ im Fluss wirkt und während verschiedener Live-Konzerte entstanden ist.

          Eine sehenswerte halbstündige Dokumentation von Mark Pallman begleitet die Produktion. Sie ist auf dem Youtube-Kanal des Labels „International Anthem“ zu sehen. Beim Anschauen begreift man sofort: Hier spielt keiner, der die Tradition missachtet, ganz im Gegenteil. McCraven betont: „Ich möchte die Musiker vor mir studieren, aber ich möchte studieren, was sie dachten und fühlten und warum sie das taten, was sie taten – nicht die Noten, die sie spielten.“ Deshalb liegt sein Fokus darauf, Musik zu machen, die „sozial herausfordernd, nicht technisch herausfordernd“ ist. Ein Album, bei dem an jedem Song mindestens eine Musikerin beteiligt ist, ist für ihn kein jazz-emanzipatorisches Novum, sondern eine „absolut beabsichtigte“ Selbstverständlichkeit.

          Durcheinander, aber doch zusammen

          Wer traditionellere Spielformen des Jazz, etwa Big-Band-Swing, bevorzugt oder populären Größen wie Diana Krall, Gregory Porter und Jamie Cullum musikalisch gerne folgt, wird überrascht, vielleicht sogar etwas verschreckt von dem sein, was McCraven macht. Exemplarisch für seine Arbeit scheint eine Szene aus der Dokumentation zu sein, die eine der Proben zeigt: Man trifft sich, alle spielen durcheinander, jeder das, was er fühlt – aber irgendwann findet man doch zusammen.

          In den neuen Stücken treffen kurze, repetitive Saxophon-Einwürfe auf komplexe Rhythmus- und entspannte Basslinien. Alles fließt ineinander über und wird getragen von Kreisbewegungen in der Harmonik. Doch gerade in der Veröffentlichung liegt auch ein Widerspruch: Das neue Album ist, wie viele Produktionen des Musikers, eine im Studio mit Schnitten und Wiederholungsschleifen nachbearbeitete Live-Aufnahme. Es stellt sich deshalb die berechtigte Frage: Will McCraven nun eine „organische“ Musik, die den spontan-improvisatorischen Fluss eines Konzerts erhält, oder wie ein Hip-Hop-Künstler „Beats“ post-produzieren? Und: Geht beides zusammen? So bleibt man ein wenig ratlos zurück, weil seine musikalische Idee zwar großes Potential für eine zeitgenössische Weiterentwicklung des Jazz bietet, die veröffentlichten Stücke aber weniger direkt mitreißen und überzeugen.

          Das aktuelle Album, das digital bereits erschienen und ab September auf CD und Vinyl verfügbar ist, scheint jedenfalls etwas für Fortgeschrittene zu sein. Es überfordert zuweilen, und es erfordert immer Konzentration und Aufgeschlossenheit. Einen einfacheren Einstieg in McCravens neue Jazzwelt bietet das 2015 erschienene Album „In the Moment“, auf dem er zum ersten Mal seine „organic beat music“ vorgestellt hat. In jedem Fall empfiehlt sich aber der Blick in die Youtube-Dokumentation, die einen Musiker zeigt, der tradierte Musik- und Sozialstrukturen aufbrechen will, indem er in gewisser Weise den Rückgriff zu den experimentierfreudigen Anfängen des Jazz wagt.

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