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Jazzpianist Tigran Hamasyan : Der Klang von Zugvögeln und Satellitenschüsseln

In den ersten Jahren verkroch er sich mit wilder Lockenmähne fast im Klavier, jetzt zelebriert Tigran Hamasyan seine Auftritte von Sydney bis New York. Bild: Anna Meuer

Tigran Hamasyan experimentiert mit Elementen aus Rock, Hiphop, volkstümlicher und sakraler Musik. Dass er mit dieser sonderbaren Jazz-Fusion weltweiten Erfolg hat, liegt auch an seiner Heimat Armenien.

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          Ein Hauch von pop-ikonischer Selbstinszenierung steckt auch in diesem Jazzpianisten. Das Musikvideo zu „The Cave of Rebirth“ präsentiert ihn in schwarzem Gewand und gelben Schuhen durch eine Fabrikhalle schreitend, wo er sich, die dunklen Augen unverwandt in die Ferne gerichtet, an einem Flügel niederlässt, um dann durch sein Spiel einen gigantischen, außerirdisch anmutenden Klangkörper emporwachsen zu lassen. Für Fototermine trägt der Pianist schwarze Sonnenbrillen und Dreitagebart, auf Facebook begrüßt er seine 73 000 Abonnenten mit „Hey Folks“, und wenn ein Konzert in Schweden bevorsteht, kündigt er sich seinen Fans mit einem Videoporträt an, in dem er die schwedischen Musiker würdigt, die seine Arbeit geprägt haben.

          Elena Witzeck

          Redakteurin im Feuilleton.

          Dass Tigran Hamasyan dabei nicht wie ein übereifriger Influencer, sondern charmant und ungekünstelt wirkt, hat auch mit seiner Herkunft zu tun: ein Pianist aus Armenien, zwar ausgebildet in Los Angeles und New York und mit internationalen Preisen geehrt, aber vor dreißig Jahren in Gjumri geboren, der zweitgrößten Stadt des Landes, von wo aus sich auf die türkische Grenze blicken lässt, genau ein Jahr, bevor die Region von einem schweren Erdbeben erschüttert wurde und 25 000 Menschen ums Leben kamen. Am Klavier sitzt Hamasyan oft wie Glenn Gould, tief über die Tasten gebeugt, als wolle er in das Instrument hineinkriechen. Neben Brad Mehldau ist er in diesem Jahr für den Echo Jazz nominiert, am Karfreitag spielt er in der Elbphilharmonie.

          Bis 1991 hieß Hamasyans Heimatstadt Leninakan, benannt nach Lenin. „Leninagone“ ist der Titel eines Stücks auf seinem im vergangenen Jahr erschienenen Album, ein Wortspiel mit „gone“. Es ist den Kindern gewidmet, die das verheerende Erdbeben überlebten. Das Musikvideo zeigt eine Schulaufführung in einer Notfallunterkunft, wo der Siebenjährige mit seinen Klassenkameraden in einem Chor sang. Sein Klaviermotiv folgt auf den Gesang der Kinder und schwebt über der Szene, hoffnungsvoll und melancholisch zugleich und von einer Intensität, die keiner weiteren Inszenierung mehr bedarf.

          Wenige Jahre später verlässt die Familie Gjumri und zieht auf der Suche nach Arbeit und einer Ausbildung für das musikalische Talent in die Hauptstadt Jerewan. Der Junge erhält Klavierunterricht bei Vahagn Hayrapetyan, einem Schüler von Barry Harris, und lernt den Bebop kennen. Seine Eltern sparen Geld, damit er an Nachwuchswettbewerben teilnehmen kann. Um die Jahrtausendwende reist der Vater in die Vereinigten Staaten und holt die Familie später nach. Von da an ergreift Tigran Hamasyan alle Chancen: Er studiert an der University of Southern California, in New York und Paris. 2008 spielt er beim New Orleans Jazz Festival mit wildem Lockenkopf vor dem begeisterten Herbie Hancock.

          Ungeplant und unnachahmbar

          Seine ganz eigene Art, Musik zu interpretieren, hatte er schon damals: Wenn Hamasyan sein Instrument bearbeitet, wirkt es, als folge er einer inneren Schwingung, einem pulsierenden Mitteilungsdrang, der ihn manchmal taumelnd im Kreis, manchmal weit über das Erwartbare hinaus führt. Er liebt das Magisch-Mystische, die Gegensätze, die Irritation. Mit immer neuen Variationen arbeitet er sich durch wiederkehrende Motive, wechselt schlagartig von rasend schnellen zu bedächtigen Läufen, und wenn er das Gefühl hat, die Ausdruckskraft seines Spiels noch erhöhen zu müssen, beginnt er mit einer klangvollen Stimme zu singen. Aber auch das wirkt ungeplant, unnachahmbar, singulär.

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