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Gerald Murnane zum Achtzigsten : Im Lichtspielhaus der Gedankenbilder

Exzentriker am Schreibtisch: Gerald Murnane Bild: Getty

Er ist Australiens vielleicht bekanntester Schriftsteller und seit Jahren Nobelpreiskandidat. In seinem neuen Buch „Grenzbezirke“ unternimmt Gerald Murnane ein faszinierendes Schreibexperiment.

          4 Min.

          Gerald Murnane, der an diesem Montag achtzig Jahre alt wird, ist mit Sicherheit einer der sonderbarsten Schriftsteller unserer Zeit. Er lebt in großer Bescheidenheit in Goroke, einem winzigen Ort im Bundesstaat Victoria, nördlich von Melbourne, den er nach eigener Aussage fast nie verlassen hat – er findet die Vorstellung, dies zu tun, sogar abwegig. Er liebt Pferderennen und die ungarische Sprache, hat in den letzten Jahrzehnten nicht länger als dreißig Minuten ferngesehen und noch nie, wie er sagt, eine E-Mail verschickt. In Hängeregistraturen sammelt er nach einem ausgefeilten System alle seine Notizen, Briefe und Schriften und tippt seine Bücher, von denen bisher seit 1974 mehr als fünfzehn erschienen sind, auf einer alten Schreibmaschine in einer winzigen, sehr aufgeräumten Bürobaracke, die in krassem Gegensatz zu seinem „untidy mind“, seinem unaufgeräumten Geist, steht, den er unverhohlen eingesteht. Wenn das Sonnenlicht im australischen Hinterland zu stark durch die Fenster strahlt, zieht er die Vorhänge zu, knipst eine Leselampe an und tippt mit zwei Fingern im, wie er sagt, perfekten Einklang mit dem Aufkommen seiner Gedanken.

          Uwe Ebbinghaus
          Redakteur im Feuilleton.

          All das wissen wir aus nicht sonderlich stilisiert wirkenden Filmbeiträgen, meist für das australische Fernsehen, in denen Murnane regelmäßig als aussichtsreicher Kandidat für den Literaturnobelpreis vorgestellt wird. Wobei der Schriftsteller in einem dieser Beiträge ohne weitere Begründung sagt, dass er nach der Verleihung desselben „sicher“ nicht mehr schreiben könne. Kurioserweise ist Murnane außerhalb Australiens vor allem in Schweden bekannt; in Deutschland sind bisher erst zwei seiner Bücher erschienen, beide im letzten Jahr. Erst der Band „Die Ebenen“, im englischen Original 1982 herausgekommen, dann vor wenigen Monaten „Grenzbezirke“, das in Australien 2017 erschien.

          Muss man das alles wissen, wenn man „Grenzbezirke“ aufschlägt? Jedenfalls ist man nach den ersten Seiten dieses „Berichts“, der sich mit „scheinbar fiktionalen Stoffen“ beschäftigt, wie der Autor schreibt, dankbar für jeden Strohhalm, der einem eine Richtung weist. Wie ernst nimmt dieser Autor selbst seine Gedanken und Beobachtungen, die er an einer frühen Stelle im Buch als „langweilig“, „banal“ und „kindisch“ beschreibt, wie ironisch ist er?

          Der wahre Mainstream

          Liest man sich in Murnanes Bücher ein, muss man sich von Beginn an nicht nur über den Autor, sondern auch über die Abschweifungsfähigkeit des menschlichen Geistes wundern. Und eigentlich am meisten darüber, dass dieser Geist sein Potential ausgerechnet an einem liebenswürdigen älteren Herrn beweist, der vor dem Mainstream in die australische Provinz geflüchtet ist, um die Schilderung von allerlei Alltäglichkeiten derart mit überzeitlicher Bedeutung aufzuladen, dass man als Leser das recht schmale Buch gedanklich erschöpft zwar ein Dutzend Mal weglegen muss, jedes Mal aber zufrieden zurückbleibt. Dabei gehen Murnanes Gedankengänge selten in einer direkten Erkenntnis oder Pointe auf.

          Es stehen Sätze darin, die einen kurzzeitig verwirren, einem zugleich aber so vertraut und substantiell vorkommen, dass man sie im Grunde als den wahren Mainstream bezeichnen könnte: einen Gedankenstrom voller innerer Fragen und Antwortversuche, den zu hören sich die meisten Menschen abgewöhnt haben, der aber möglicherweise die Grundlage des Allgemein-Menschlichen darstellt. Man staunt bei der Lektüre der „Grenzbezirke“ ebenso oft darüber, in welch abenteuerliche Abseitigkeiten sich Murnane zu verlieren traut, wie man sich fragt, warum so etwas nicht viel öfter gewagt wird und wie verarmt doch letztlich die Vorstellungswelt vieler Autoren (und auch die eigene) im Vergleich zu jener Murnanes ist.

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