Gerald Murnane zum Achtzigsten : Im Lichtspielhaus der Gedankenbilder

Er ist Australiens vielleicht bekanntester Schriftsteller und seit Jahren Nobelpreiskandidat. In seinem neuen Buch „Grenzbezirke“ unternimmt Gerald Murnane ein faszinierendes Schreibexperiment.
Gerald Murnane, der an diesem Montag achtzig Jahre alt wird, ist mit Sicherheit einer der sonderbarsten Schriftsteller unserer Zeit. Er lebt in großer Bescheidenheit in Goroke, einem winzigen Ort im Bundesstaat Victoria, nördlich von Melbourne, den er nach eigener Aussage fast nie verlassen hat – er findet die Vorstellung, dies zu tun, sogar abwegig. Er liebt Pferderennen und die ungarische Sprache, hat in den letzten Jahrzehnten nicht länger als dreißig Minuten ferngesehen und noch nie, wie er sagt, eine E-Mail verschickt. In Hängeregistraturen sammelt er nach einem ausgefeilten System alle seine Notizen, Briefe und Schriften und tippt seine Bücher, von denen bisher seit 1974 mehr als fünfzehn erschienen sind, auf einer alten Schreibmaschine in einer winzigen, sehr aufgeräumten Bürobaracke, die in krassem Gegensatz zu seinem „untidy mind“, seinem unaufgeräumten Geist, steht, den er unverhohlen eingesteht. Wenn das Sonnenlicht im australischen Hinterland zu stark durch die Fenster strahlt, zieht er die Vorhänge zu, knipst eine Leselampe an und tippt mit zwei Fingern im, wie er sagt, perfekten Einklang mit dem Aufkommen seiner Gedanken.





