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Buch „Der reaktionäre Geist“ : Musterbeispiel für Diskursverweigerung

  • -Aktualisiert am

Zum Phänomen „Trump“ hat das Buch von Corey Robin nichts zu sagen. Bild: AP

Aus der Perspektive eines echten Linken sind Konservative, Reaktionäre, Traditionalisten, Rechtspopulisten und Faschisten hochproblematische Figuren. Doch Corey Robin wirft in seinem Buch „Der reaktionäre Geist“ jede Unterscheidung über Bord.

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          Es gibt Bücher, die sind schlecht, regen aber immerhin zum Nachdenken an, und es gibt Bücher, die einfach nur schlecht sind. Das vorliegende Werk zählt zur letzteren Kategorie. Wenn es in irgendeiner Weise für die intellektuelle Situation der amerikanischen Linken kennzeichnend sein sollte, dann befindet sich diese in einem geistigen Sinkflug, der sich mehr an den Twitterorgien des regierenden Präsidenten als an den theoretischen und methodischen Diskussionen der progressiv-kritischen Traditionen des Landes orientiert. Corey Robins Buch ist ärgerlich, weil es gar zu simpel, gar zu uninformiert und gar zu wenig reflexiv angelegt ist.

          Gewiss, aus der Perspektive eines echten Linken sind Konservative, Reaktionäre, Traditionalisten, Rechtspopulisten und Faschisten hochproblematische Figuren. Das ist in sich verständlich und nachvollziehbar, bis zu einem gewissen Grad eine notwendige Folge emanzipatorischen Denkens. Aber noch der einfältigste Progressive sollte sich doch zumindest ansatzweise um Nuancierungen und Differenzierungen bemühen und einen Hauch von Verständnis für Argumentationen beziehungsweise explizite und implizite anthropologische Vorannahmen haben, die dann eine konservative oder reaktionäre politische Haltung nahelegen. Robin erspart sich all diese Feinheiten und wirft schon vorab jede Unterscheidung über Bord.

          Corey Robin: „Der reaktionäre Geist“. Aus dem Englischen von Bernadette Ott.

          Für ihn sind Konservative und Reaktionäre, Traditionalisten und Faschisten, Rechtspopulisten und alle anderen Varianten nichtprogressiven Denkens unterschiedslos eins. Sie repräsentieren ein rein reaktives Gespenst „von oben“, das als Nachhut patriarchal-hierarchischer, auf Ausbeutung, Rassismus, ökonomischer Unterdrückung und militanten Bellizismus gegründeter Systeme immer dann sein Unwesen treibt, wenn die progressiv-emanzipatorischen Kräfte „von unten“ den offenbar notwendigen Weg des Fortschritts vorangehen. Diese simple Dichotomie von Gut und Böse durchzieht jede Seite von Robins vorgeblicher Ideengeschichte. Es ist ein wenig, als würde ein Konservativer eine Ideengeschichte der Linken schreiben, in der Stalinisten, Trotzkisten, Maoisten, Anarchisten, Sozialdemokraten, Grüne und Liberale nur ein Ziel haben: den Totalitarismus.

          Fürst Metternich trat für föderalistische Friedensordnung in Europa ein

          Hier wie dort fehlt jedes Gespür für notorische Ambiguitäten in der Geschichte. Warum etwa ging in den Vereinigten Staaten die Durchsetzung des demokratischen Wahlrechts zumindest für alle freien weißen Männer im frühen neunzehnten Jahrhundert durchweg mit der rassistisch motivierten Entrechtung freier, grundbesitzender Schwarzer einher? Oder warum waren so viele emanzipatorische Abolitionisten ähnlich vorurteilsbeladen wie südstaatliche Sklavenhalter? Hier war offenkundig der Fortschritt selbst rassistisch. Ähnliches gilt für die unsäglich antisemitischen und antischwarzen Äußerungen von Karl Marx über Ferdinand Lassalle. Mehr noch: Im achtzehnten und neunzehnten Jahrhundert waren es Konservative, wie Friedrich von Gentz, Constantin Frantz und selbst der Fürst Metternich, die für eine – in der Tat antirevolutionäre, aber eben auch antibellizistische – föderalistische Friedensordnung in Europa eintraten.

          Sie alle machten die Kriegspolitik der überkommenen Fürstenwelt der Spätaufklärung für die blutigen Folgen der Französischen Revolution, die sie zu Beginn voller Hoffnung auf eine bessere Zukunft begrüßt hatten, und der „fortschrittlichen“ Napoleonischen Angriffskriege mit ihren Hekatomben von Opfern verantwortlich. Selbst der Hochimperialismus mit seinem liberal-kapitalistischen Rassismus fand immer auch konservative und eben nicht nur sozialistische oder linksliberale Kritiker. Robin erwähnt sie sämtlich entweder überhaupt nicht oder wischt ihre Kritik am Ancien Régime und seiner Kriegspolitik als bedeutungslos vom Tisch.

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