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Beispielhaft in Norwegen : The King’s Speech

Geht mit gutem Beispiel voran, und auch zur Gartenparty: König Harald von Norwegen mit seiner medienwirksamen Familie. Bild: dpa

Große monarchische Reden sind selten geworden, doch König Harald von Norwegen gelang jüngst eine solche: Ein Monarch redet seinem Volk ins Gewissen.

          2 Min.

          Er ist nicht der berühmteste König der Welt, Harald V. von Norwegen. Auch nicht der reichste, bei weitem nicht. Was es für die Monarchie in Europas Norden an royalem Glanz zu gewinnen gibt, dafür sorgen eher sein Sohn, Kronprinz Haakon, und dessen, nun ja, medienbewusste Frau Mette-Marit, die 119.000 Twitter-Getreue hat, zarte Schmetterlinge über ihre Website fliegen lässt und sich öffentlich Gedanken über die richtige Ernährung macht.

          Harald ist König eines weiten, bevölkerungsarmen Landes, das erst 1905 nach einem halben Jahrtausend Pause die Monarchie wiederbekam und den vornehmlichen Sinn dieser alten Einrichtung offenbar darin sieht, dass es da ganz oben einen klugen, sensiblen Menschen gibt, der irgendwie über den Dingen steht – und doch an der Seite seines Volkes. Haralds Vater zum Beispiel, Olav V., ist so etwas wie das Urbild des idealen Herrschers: großer Skispringer, großer Segler (Goldmedaille 1928 bei den Olympischen Spielen von Amsterdam!), ein Kronprinz als überzeugter Anti-Nazi, der zusammen mit seinem Vater 1940 vor den Deutschen ins Exil nach London ging und damit die Nachkriegsidentität seiner Landsleute geprägt hat.

          Haralds Rede ist keine Träumerei

          Auch Harald war ein guter Skiläufer und Segler (Weltmeister 1987!), aber jetzt hat er noch ein bisschen mehr getan. Er hat sein Land daran erinnert, was einen Menschen ausmacht. „Norweger“, so sprach er bei einem Gartenfest vor mehr als tausend Gästen, „Norweger sind auch aus Afghanistan, Pakistan und Polen, Schweden, Somalia und Syrien eingewandert. Meine Großeltern kamen vor 110 Jahren aus Dänemark und England. ‚Zu Hause‘ ist da, wo unser Herz ist. Das lässt sich nicht immer mit Landesgrenzen beschreiben.“

          So viel zu Politik und Geographie in einem Land, das sich seit der Machtübernahme der Mitte-rechts-Koalition im Jahr 2013 zunehmend populistische Töne erlaubt. Dann kam die Politik des Herzens an die Reihe. „Norweger“, so sprach der neunundsiebzigjährige König, „Norweger sind Mädchen, die Mädchen lieben, Jungen, die Jungen lieben, und Jungen und Mädchen, die einander lieben. Norweger glauben an Gott, an Allah, an alles und an nichts.“

          Die Wirkung dieser Worte war gewaltig. Offenbar hatten viele Menschen auf eine Botschaft gewartet, die ihnen versicherte: Es ist Platz für alle da. Alles ist wichtig, doch zugleich relativ. Haralds Rede ist keine Träumerei. In rasendem Tempo wurde sie geteilt, gepostet und gechattet. Reden wie diese existieren neben Alltagszwängen und den Kompromissen der Politik, sie sind ein Gedächtnisspeicher, Erinnerung an ein egalitäres Ideal, ohne das wir nicht sein wollen. Die Hefe, die das Brot wachsen lässt. Ein norwegisches „Das wollen wir“ und vermutlich auch ein „Wir schaffen das“. Wer Harald dazu schreiben will, kann das tun: c/o Königliches Schloss, 0010 Oslo, Norwegen.

          Paul Ingendaay

          Europa-Korrespondent des Feuilletons in Berlin.

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