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Quantenkosmologie : „Vielleicht waren die Philosophen zu höflich“

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Die Kindheit des Universums: Die Karte zeigt kosmische Hintergrundstrahlung, die entstand, als das All erst 380.000 Jahre alt war. Bild: AP

Der Stringtheoretiker Robert Brandenberger setzt große Hoffnungen in einen Dialog zwischen theoretischen Physikern und Philosophen. Wir haben ihn nach seinen konkreten Erwartungen gefragt.

          Professor Brandenberger, Ihren Vortrag hier auf dem Workshop zur Philosophie der Kosmologie haben Sie mit der Aussage begonnen, dass Sie von den Philosophen etwas lernen wollen. Was genau?

          Als naive Wissenschaftler, als naive Kosmologen führen wir verschiedene Berechnungen durch. Und wir behaupten, dass wir über Theorien verfügen, die mit den Beobachtungen übereinstimmen. Wir vergleichen gemittelte theoretische Werte mit räumlich gemittelten Himmelsbeobachtungen. Aber ist das so in Ordnung?

          Die Philosophen sollen Ihnen also sagen, wie eine gute wissenschaftliche Theorie aussehen soll?

          Nein, ich wüsste gerne, was wir darüber hinaus tun sollten, um zu demonstrieren, dass die Theorie mit den Beobachtungen in Einklang steht.

          Aber was können Philosophen dazu sagen?

          Vielleicht sagt der Philosoph: Ihr habt eure Arbeit getan, und jetzt müssen wir sie interpretieren. Das ist eine Antwort. Aber vielleicht wird der Philosoph auch sagen: Damit wir über diese Fragen auf einer philosophisch soliden Basis diskutieren können, benötigen wir mehr Informationen. Und das könnte uns dazu bringen, zusätzliche Berechnungen anzustellen.

          Besitzen die Gebiete der Kosmologie und der Quantengravitation eine ganz besondere Nähe zur Philosophie?

          Ja, denn die Fragen, die wir stellen, wie diejenige nach der Natur der Raumzeit, sind tiefgründige philosophische Fragen. So besitzt jedes kosmologische Modell seinen Anfangspunkt in einem philosophischen Mysterium. Sei es der Urknall, wie er beispielsweise im kosmologischen Urknallmodell enthalten ist, oder sei es die paradoxe Situation, dass die Raumzeit aus dem Nichts entsteht. Was ist also der Ursprung der Zeit? Was ist der Ursprung des Raumes?

          Wenn sich die Philosophie und die Kosmologie mit denselben Fragen beschäftigen, gab es dann die Nähe und den Austausch zwischen beiden schon immer?

          Ja. Aber die Kosmologie ist erst vor kurzem, seit den achtziger Jahren, zu einer echten Wissenschaft geworden. Dadurch, dass wir jetzt kosmologisch relevante Beobachtungen besitzen, können wir weitere Beobachtungen vorhersagen und damit berechtigt behaupten, Wissenschaft zu betreiben.

          Robert Brandenberger ist theoretischer Kosmologe und Physikprofessor an der kanadischen McGill-Universität in Montreal.

          Ist es heute unter Kosmologen üblich, philosophische Fragen zu diskutieren?

          Ja, Fragen über den Ursprung von Raum und Zeit und über die Urknallsingularität. Hier auf dem Workshop kamen auch Fragen zur Interpretation der Quantentheorie auf. Diese Fragen sind unter Kosmologen nicht sehr verbreitet. Dort gibt es einen gewissen Gruppendruck: Wer über die Interpretation der Quantentheorie nachdenkt, outet sich als Physiker im Ruhestand. Das ist ein starker Grund, warum jüngere Physiker sich nicht trauen, sich solchen Fragen zu widmen.

          Haben Sie mit Stephen Hawking über Philosophie diskutiert?

          Nein. Ich war Postdoc in seiner Gruppe, aber wir haben nur über kosmische Strings diskutiert. Damals habe ich noch nicht im Gebiet der Quantenkosmologie gearbeitet. Hawking diskutierte diese Themen mit Don Page.

          Sie haben das Verhältnis von Theorien und Beobachtungen als philosophisches Thema erwähnt. Wo würden Sie sich noch philosophischen Rat erhoffen?

          Ein anderes Beispiel wäre der Anfangszustand des Universums. Welche theoretischen Anforderungen man an diesen Zustand stellt. Wir haben dies hier auch auf dem Workshop diskutiert und verschiedene Ansätze gehört. Ich hätte hier allerdings gerne etwas mehr von den Philosophen erfahren. Meinungsverschiedenheiten traten vor allem zwischen mir und meinem Kollegen Abhay Ashtekar auf, der auf dem Gebiet der Schleifen-Quantengravitation arbeitet.

          Warum waren die Philosophen so ruhig?

          Vielleicht waren sie zu höflich.

          Vielleicht zögern sie aber auch, den Physikern Vorschriften zu machen? Würden Sie denen das nicht übelnehmen?

          Nein, das würde ich nicht.

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