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Neue Häuser 2012: Kunstscheune Heilig’s Zäpfle

 ·  Ein Haus hoch oben im Schwarzwald: Im Innern ein Musterbeispiel dafür, wie sich Kunst und Wohnen verbinden können. Außen in mehr als 70.000 Holzschindeln gekleidet.

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© Marcus Kaufhold Kunstscheune mit Ausblick: Das Wohnzimmer ist geräumig – und bietet einen Blick bis ins Rheintal

Die Straße windet sich hinauf auf mehr als 700 Höhenmeter. Fernab der Wohngebiete zweigt ein asphaltierter Weg ab, der an verstreut liegenden Wochenendhäusern vorbei in den Wald führt. Hierher zieht es eigentlich nur Urlauber, Wanderer, Mountainbiker oder Holzfäller. Eigentlich, wenn man von einer Ausnahme absieht. Denn in der Abgeschiedenheit hoch über der Ebene lebt seit einem Jahr ein Ehepaar in einem Haus, das bei aller Tarnung allein schon seiner Größe wegen nicht zu übersehen ist.

Auf einem alten Natursteinkeller macht sich der Neubau am Hang breit. Und doch ist der Auftritt des Gebäudes - der stattlichen Grundfläche von mehr als 440 Quadratmetern zum Trotz - so dezent wie für einen Bau solchen Ausmaßes überhaupt nur möglich. Der simple Kubus mit seinem leicht geneigten, asymmetrischen Satteldach steckt nämlich im Tannenzapfenkostüm: Mehr als 70.000 Holzschindeln ummanteln den Massivbau, auf den eine Holzrahmenkonstruktion gesetzt wurde. Mehr als drei Wochen brauchten die Arbeiter, um Schindel für Schindel anzubringen. Auch die Schiebeelemente, mit denen sich die schmalen, 3,60 Meter hohen Fenster schließen lassen, sind mit den Schindeln versehen.

Weit außerhalb des Bebauungsgebiets

Das Ergebnis ist beeindruckend: In der Form zeitgemäß, in der Gestaltung traditionell, strahlt das Haus trotz seiner außerordentlichen Größe eine angenehme Unaufdringlichkeit aus. Er habe damit die für die nahe Hochschwarzwaldstraße typische Bauweise aufgreifen wollen, sagt der in Bühl ansässige Architekt Thomas Bechtold. Zudem sollte sich das Haus so weit wie möglich der umliegenden Natur anpassen. Das wäre womöglich noch etwas besser gelungen, wenn die Schindeln statt der Lasur in hellem Erdton mehr von ihrem Holzcharakter zeigen dürften. Die Farbnuance komme hauptsächlich im Wald vor, argumentiert Planer Thomas Bechtold. Allerdings wirken die einzelnen Holzelemente durch den monochromen Ton von nahem merkwürdig künstlich. Aus der Distanz betrachtet, fällt das aber nicht auf. Die örtlichen Behörden, darunter auch das zuständige Forstamt, hat der Entwurf so oder so überzeugt, so dass sie dem Neubau zustimmten

Selbstverständlich war das keinesfalls. Das mehr als 10.000 Quadratmeter große Grundstück liegt weit außerhalb des Bebauungsgebiets, das heißt, dass es eigentlich aus gutem Grund unmöglich ist, dort ein neues Wohnhaus zu errichten.

Das mussten auch die Interessenten des Grundstücks zunächst zur Kenntnis nehmen. Robert und Margarete Janson, die nicht mit richtigem Namen in der Zeitung genannt werden wollen, hatten sich beinahe in ganz Deutschland nach einem Alterswohnsitz der ganz eigenen Art umgesehen, bis sie schließlich nahe Baden-Baden fündig wurden. Die beiden schreckte die abgelegene Lage keinesfalls. Im Gegenteil. Schließlich biete die Region um Baden-Baden eine in jeder Hinsicht hervorragende Versorgung, schwärmen sie.

Zurückhaltend nach außen gibt, überraschend im Innern

Außerdem wünschten sie sich ausdrücklich ein Haus inmitten der Natur, das vor allem über eines verfügen sollte: reichlich Raum für ihre große Kunstsammlung. Eine Maklerin zeigte ihnen den Vorgängerbau ihres heutigen Zuhauses - einen verwinkelten Altbau im Fachwerkhausstil, der ein bisschen wie eine Mini-Schwarzwaldklinik aussah und schon seit längerer Zeit leer stand. „Aus dem Haus war für uns nichts zu machen“, sagt Robert Janson. Von den Besitzern in Etappen über Jahrzehnte hinweg immer mehr erweitert, fehlten dem Gebäude jede klare Linie und Struktur. Zudem war es in seiner Kleinteiligkeit völlig ungeeignet, den passenden Raum für Gemälde und Skulpturen der Bauherren zu liefern. Ein Umbau wäre unmöglich gewesen, urteilt auch der Architekt.

Thomas Bechtold räumt ein, dass er es sich schwieriger vorgestellt hatte, den Bau im Außenbereich der Stadt genehmigt zu bekommen. Doch die Behörden stimmten letztlich zu, auch weil das neue Haus auf dem Natursteinkeller seines Vorgängers Platz nahm und damit wenigstens keine neue Fläche versiegelt wurde. Zudem strebt das Haus, das seine Besitzer sich als „schlichte Kunstscheune mit Ausblick“ gewünscht hatten, weit weniger in die Höhe als das vorherige Gebäude.

So zurückhaltend sich das Einfamilienhaus nach außen gibt, so sehr überrascht es im Innern: Auf knapp 380 Quadratmeter Wohnfläche lassen sich die Kunstwerke und Sammlerstücke perfekt in Szene setzten - und es gibt eigentlich keinen Raum, in dem das nicht auch geschieht. Das gilt für das Gäste-WC, wo historische Topfhaken aus Japan an der Wand hängen, wie auch für die Küche. Auch das Arbeitszimmer des Bauherrn ist zugleich Ausstellungsraum - vornehmlich für Karikaturen. Schon im Eingang erkennt der Besucher, dass er im Haus von Sammlern zu Gast ist. So sitzen in der überschaubaren Diele - perfekt illuminiert - mehr als ein Dutzend Khmer-Köpfe auf der in die Wand eingelassenen Garderobe. Da das Einbaumöbel nicht bis hinauf zur Decke reicht, ist eine geräumige Nische entstanden, die den Köpfen aus Stein Platz bietet. Thomas Bechtold hat noch an anderen Orten im Haus auf den Nischen- oder Fugeneffekt gesetzt, der durch indirekte Beleuchtung besonders zur Geltung kommt.

Die Aussicht hat fast etwas Unwirkliches

Im Eingang stehend, könnte man für einen Moment noch der Illusion verfallen, dass das Haus gar nicht so groß sei. Umso stärker ist die Wirkung, wenn man über einen schmalen kurzen Flur ins Wohn-/Esszimmer gelangt, das sich auf 125 Quadratmeter erstreckt. Mit einer Deckenhöhe von bis zu 5 Metern sieht man sich unversehens in einer Kunsthalle mit ausgesprochen wohnlichem Charakter - oder umgekehrt: An den Wänden überall Bilder, die Großformate jedes für sich; die Kleinformate in einem riesigen Pulk an der Innenwand vereint: Werke von Künstlern wie On Kawara und Neo Rauch hängen dort dicht an dicht mit den Arbeiten Unbekannter und formen so alle zusammen ein Gebilde ganz eigener Ausstrahlung.

Seine ganz besondere Wirkung verdankt der Raum allerdings dem 10 Meter breiten, über Eck laufenden Panoramafenster, das den Blick Richtung Norden über die Schwarzwaldhügel, hinunter auf die Rheinebene bis hin zu den Vogesen erlaubt. Diese Aussicht hat fast etwas Unwirkliches.

Große Glasflächen haben oft den Nachteil, dass ein guter Sonnenschutz nötig wird. Nicht so hier. Denn durch die Nordausrichtung wird es auf dieser Seite des Hauses nie zu heiß, fällt das Licht nie zu grell ein. Doch trotz der großen Glasfläche und der fünf weiteren Fenster reicht das Tageslicht angesichts der Tiefe des Raums nicht ganz aus. Daher plante Bechtold ein großes Oberlicht, das die Mitte des Raums zusätzlich erhellt. „Das haben wir anfangs nicht glauben wollen, dass das wirklich notwendig ist“, gestehen die Bewohner. Sie sind froh, dass sie dem Rat das Planers gefolgt sind, da so auch der im rückwärtigen Teil des Raumes stehende Esstisch nicht im Düsteren liegt.

Gästezimmer mit eigenem Bad im Keller

Auch den dahinterliegenden Flur des Privattrakts versorgt ein solches Oberlicht mit zusätzlicher Helligkeit. Von dort aus gelangt man in die beiden Ankleiden des Ehepaars sowie die Schlaf- und Badezimmer.

Zwischen Wohnkunsthalle und diesem Teil des Hauses führt eine Treppe hinunter in den Keller. Dort befinden sich ein Hauswirtschaftsraum und ein Gästezimmer mit eigenem Bad. Zukünftig wäre es möglich, im Haus eine Hilfe einzuquartieren, falls dies einmal nötig würde.

Das Haus kurz und knapp
  • Baujahr 2011
  • Bauweise Massivbau mit einer Fassade aus Holzschindeln
  • Energiekonzept Luft-Wasser- Wärmepumpe; Fußbodenheizung
  • Grundfläche 443 Quadratmeter, Wohnfläche 379 Quadratmeter
  • Baukosten ohne Grundstück 580.000 Euro
  • Standort bei Baden-Baden

Weitere Beiträge der Serie Neue Häuser finden Sie im Internet unter www.faz.net/haeuser.

Quelle: F.A.S.
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Jahrgang 1966, Redakteurin für „Immobilien“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

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