http://www.faz.net/-gzg-8wo2s

Fuckup-Night : Stolz auf das Scheitern in rosa Pantoffeln

Noch optimistisch: Ein Besucher der Fuckup-Night streckt auf die Frage, wer Gründer werden wolle, beide Arme in die Luft. Bild: Junker, Patrick

Mehr als 1200 Menschen hören bei der Fuckup-Night Geschichten von Rückschlägen – und ihren Folgen.

          Sie hatte alles, erzählt die Frau in den rosa Pantoffeln. Haus, Dienstwagen, Familie, Hund, ein gut gefülltes Konto, Status. Dann verliert ihr Mann seinen Job, es folgen Klagen, Streit, Kreditprobleme, mehr Streit. Nach 18 Monaten ist alles weg. Das Haus ist nicht zu halten, die Nachbarn melden sich bei Nina Klatt nicht mehr. „Manchmal lief ich abends heulend vor die Tür und habe bei den anderen Häusern in die Fenster geschaut, nur um auch mal glückliche Menschen zu sehen.“ 1210 Zuhörer raunen schockiert. Scheitern scheint faszinierend zu sein. Als vor wenigen Jahren ein paar Freunde in Frankfurt die Idee hatten, öffentlich ihre Fehlschläge zu beichten und dazu einzuladen, kamen ein paar Dutzend Menschen in das Bockenheimer Büro zu dieser ersten „Fuckup-Night“. Am Mittwochabend, bei der sechsten Auflage, ist das Audimax auf dem Westend-Campus der Goethe-Universität voll besetzt. Es gibt sogar eine Warteliste.

          Falk Heunemann

          Wirtschaftsredakteur in der Rhein-Main-Zeitung und bei dem Wirtschaftsmagazin Metropol.

          Sie alle wollen die Geschichten von vier Menschen hören, die ihnen erzählen, wie sie gescheitert sind, vor allem wirtschaftlich. Wie jene vom Werber, der ein Internetportal für den Amateurfußball-Transfermarkt aufbauen will, voller Optimismus Investoren gewinnt, in ein 400-Quadratmeter-Loft einzieht. Und dem zu spät Zweifel an seinem Geldgeber kommen. „Als er sagte, ich soll an den Empfang eine Frau mit dicken Hupen setzen, das mache Eindruck, hätte ich stutzig werden müssen.“ Wenige Monate später musste er Insolvenz anmelden. Oder da ist die Geschichte von Sebastian Kneißl aus Lindenfels im Kreis Bergstraße. Er war Profifußballer, wurde Vizeeuropameister mit der U19-Nationalmannschaft, erhielt einen Profivertrag beim FC Chelsea. Dort saß er aber nur auf der Bank, eine Verletzung beendete seine Karriere. Doch davon will er gar nicht erzählen. Er berichtet lieber von seinem digitalen Start-up. Er gewann ein Stipendium für das Silicon Valley, dann bremste ihn ein Investor aus, hielt ihn mit Geldzusagen hin, die Mitarbeiter erhielten drei Monate keinen Lohn.

          „Man muss immer weitermachen“

          Seine Geschichte ist kompliziert, es geht um Wandeldarlehen, Finanzierungsrunden, Stundung von Außenständen. „Vielleicht wollte der Investor uns kaputtmachen, vielleicht war er nur naiv. Das wissen wir nicht.“ Der Wiesbadener Alexander Ruzicka erzählt, wie er, der Manager und Multimillionär, für achteinhalb Jahre ins Gefängnis musste. Und da ist Nina Klatt, die Frau mit den rosa Pantoffeln. Warum wollen sich so viele Menschen anhören, wie andere gefallen sind? Schadenfreude? Mitleid? Jelena Klingenberg, eine der Organisatoren, ist selbst überrascht von dem Ansturm. „Vielleicht ist es ein Hype.“ Womöglich liege es aber daran, dass man in Deutschland selten bereit sei, über Fehler zu reden. Dutzende Unternehmer fragt das Team jedes Mal an, aber die meisten scheuen sich, Rückschläge öffentlich zuzugeben.

          Nina Klatt ist die erste Frau, die sich traut. Sie hat, nach vielen wachen Nächten, entschieden, eine Firma zu gründen und vertreibt nun Lebensmittelzusätze. Symbolisch zieht Klatt, als sie davon erzählt, ihre Pantoffeln aus und feste Lederschuhe an. „Sitzenbleiben ist das Schlimmste, man muss immer weitermachen.“ Solche Merksätze gibt es hier viele zu hören: Konzentriert euch auf das Produkt, nicht auf die Propaganda; die besten Freunde sind die schlechtesten Berater; arbeitet nur mit Profis statt mit Amateuren; vertraut lieber dem Schriftlichen als einem Handschlag. Oder auch: Das Klo ist ein toller Ort zum Runterkommen. Um solche „Learnings“ gehe es ihnen bei der Fuckup-Night eigentlich, sagt Organisatorin Klingenberg, „wir wollen ja nicht das Scheitern glorifizieren, sondern daraus lernen.“

           

          Weitere Themen

          Zu schön für Sterbliche

          Video-Filmkritik : Zu schön für Sterbliche

          Labyrinth des unwirklich Schlimmen und Schönen: Zehn Jahre nach ihrer Flucht kehren zwei Brüder in eine Landkommune zurück. „The Endless“ ist der dritte und beste Film des Regieduos Justin Benson und Aaron Moorhead.

          Topmeldungen

          Smartphone-App Tinder

          Tinder-Streit : Kabale und Liebe

          Um die Dating-Plattform Tinder ist ein spektakulärer Rechtsstreit entbrannt. Die Gründer und andere Mitarbeiter fühlen sich betrogen – und fordern Milliarden.
          Mit Unterstützung einer Schwimmhilfe lernt ein junger Mann das Schwimmen im Fössebad.

          Mehr Badeunfälle : Deutschland, ein Land der Schwimm-Nieten?

          Mehr als 300 Menschen sind in diesem Jahr beim Baden gestorben. Fachleute beklagen, dass Schüler in Deutschland zu wenig Schwimmunterricht erhalten – und verweisen auf eine neue Risikogruppe.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.