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Veröffentlicht: 26.03.2017, 13:45 Uhr

Landflucht Ab in die Stadt! Ab aufs Land!

Immer mehr Menschen zieht es in Deutschland in die Ballungsgebiete. Stadt und Land driften weiter auseinander. Auf dem Land wird die Versorgung dünner. Ein Teufelskreis.

von
© Helmut Fricke Wo viele Menschen wohnen wollen, wird der Wohnraum knapp und teuer.

Stadt und Land werden in Deutschland gerne wie Katz und Maus aufeinander losgelassen. Hier die elegante, leuchtende Stadt, dort die kleine, dumpfe Provinz. Hier Strahlkraft, dort Tristesse. Vor hundert und mehr Jahren war es noch genau umgekehrt. Zur „gesunden“ Kulturkritik gehörte es, alles Böse in der Stadt und alles Gute auf dem Land zu wähnen. Das war in seiner Einseitigkeit genauso unsinnig. Stadt und Land mögen Gegensätze sein, aber es sind Gegensätze, die sich gegenseitig anziehen müssen. Sonst findet kein Ausgleich, keine Integration statt, ob mit oder ohne Migration.

Jasper von Altenbockum Folgen:

Deutschland hat ein ausgeklügeltes Ausgleichssystem, tut sich aber dennoch immer schwerer mit dieser Integration. Die Ballungsgebiete platzen aus den Nähten, der ländliche Raum dagegen klagt über Auszehrung. Zwar lässt sich für einige große und mittlere Städte eine Wende beobachten – die Wohnungen werden dort einfach zu teuer. Aber der Trend ist damit nicht gebrochen. Der Grund liegt darin, dass die „demographische Krise“ eine Krise vorschneller Prognosen ist: Nicht der Geburtenrückgang und eine angeblich schrumpfende Bevölkerung sind das größte Problem, sondern die Folgen der Vorhersage, dass das perspektivlose Land in wenigen Jahrzehnten so entvölkert sei wie die deutsche Provinz nach dem Dreißigjährigen Krieg. Jeder (junge) Mensch muss sich da sagen: Ab in die Stadt!

Versorgung ist in den Ballungsgebieten besser

Wie stark die Klischees mittlerweile haften, zeigt die Wohnsitzpflicht für arbeitslose Flüchtlinge. Ausgerechnet zwei Bundesländer mit besonders hohem ländlichen Anteil, Niedersachsen und Rheinland-Pfalz, verzichten auf die von Städten und Landkreisen dringend empfohlene Regelung, dass den Wohnort nicht wechseln darf, wer anerkannter, aber arbeitsloser Flüchtling ist. Städte wie Goslar, die sich durch den Zuzug einen Aufschwung erhofften und alles dafür vorbereitet hatten, sehen sich deshalb um ihre Hoffnungen betrogen.

Viele Ausländer zogen weiter, klar: in die Ballungsgebiete. Nicht etwa, weil es dort so viel mehr Arbeitsplätze gibt, sondern weil dort die Versorgung so viel besser ist. Fürsprecher der Landkreise wiesen darauf hin, dass auf dem Land in der Regel mindestens so viele Fachkräfte und Lehrlinge gesucht werden wie in den Städten. Also ab aufs Land! Es half nichts: Festgefressen hat sich vielmehr der falsche Eindruck, dass Arbeitslose gezwungen würden, in der ländlichen Einöde die Sackgasse ihrer Zukunft zu betrachten – statt in der pulsierenden Stadt flugs integriert zu werden.

Fusion von Gemeinden und Kreisen funktioniert nur bedingt

Eine andere Konsequenz dieser Verirrung ist, dass am Land gespart wird. Denn wo immer weniger (junge) Leute sind, muss da nicht auch weniger in die Zukunft investiert werden? Vor allem Schulen und Krankenhäuser dürfen deshalb nicht dem ansonsten gerne gepriesenen Lehrsatz „Besser dezentral“ folgen, sondern werden in vielen Fällen dem Gegenteil geopfert.

Billig scheint, was zentral ist. Dieser Philosophie gehorcht auch die Königsdisziplin föderaler Sparfüchse, die Gebietsreform. Gegen viele Widerstände wird sie noch immer, wie jetzt in Thüringen, mit aller Gewalt durchgesetzt, obgleich die Erfahrungen fusionierter Gemeinden und Kreise zeigen müssten, dass Kosten nur dort gesenkt wurden, wo nicht das Reißbrett am Werk war, sondern wo Arbeitsteilung durchgesetzt wurde, wo Aufgaben nicht „nach oben“ in die Haupt- und Großstädte delegiert, sondern „nach unten“, aufs Land, verteilt wurden.

Gelder müssen besser gesteuert werden

Das Ergebnis ist ein Teufelskreis: Weil auf dem Land die Versorgung dünner, die Verwaltung zentraler und die Wege länger werden, zieht es mehr Leute in die Stadt; je mehr Leute in die Stadt ziehen, desto dünner wird die Versorgung, desto zentraler die Verwaltung und desto länger die Wege auf dem Land. Bund und Länder halten mit dem Argument dagegen, dass noch nie so viel für den ländlichen Raum, für die Kommunen, für die „Gleichwertigkeit der Lebensverhältnisse“ getan worden sei.

Die Geldleistungen der zurückliegenden Legislaturperiode sind in der Tat beachtlich. Geld allein wird den unproduktiven Stadt-Land-Gegensatz aber nicht aufheben. Es konnte bislang nicht einmal den Land-Land-Gegensatz und den Stadt-Stadt-Gegensatz aufheben: Reiche und arme Landstriche, reiche und arme Städte driften vielmehr weiter auseinander. Eine bessere Steuerung müsste das Geld in die richtigen Bahnen lenken.

Selbstverwaltung muss gestärkt werden

Es gibt viele Beispiele dafür, wie der Teufelskreis durchbrochen werden konnte. Das Erfolgsrezept ist meist dasselbe. Stadt und Land sind gleichermaßen groß geworden durch Selbstverwaltung. Sie wird gerne als die „unterste“ Stufe in der Hierarchie des Staates bezeichnet, obgleich sie als eigenständige, gesellschaftliche und wirtschaftliche Ebene „neben“ dem Staat gesehen werden muss. Das ist ein unschätzbarer Vorteil, den Deutschland anderen Ländern voraushat.

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An Empfehlungen, diese Tradition zu stärken, fehlt es nicht. An oberster Stelle steht dabei eine Stärkung eigener, dauerhafter Finanzierungsquellen von Städten und Landkreisen, deren Verteilung gegen das Gefälle von Reich und Arm, von Ballung und Auszehrung gerichtet ist. Was aber geschieht, sind sporadische Fütterungen durch Bund und Länder. So wird die Kunst, den Teufelskreis mangelhafter Integration zu durchbrechen, nicht der Selbstverwaltung übertragen, sondern dem Zufall.

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