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Nina Hagen wird 60 : Vier Oktaven für ein Halleluja

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Auch mit 60 kein bisschen leise: Nina Hagen. Bild: dpa

Schrill, laut, exzentrisch, spirituell, um kein Wort verlegen, widersprüchlich, wild, und oder und – Ihr wahnsinniges Durcheinander ist ihre Stärke: Zum sechzigsten Geburtstag der Sängerin Nina Hagen.

          „Nina Hagen grapscht sich in einer Talkshow zwischen die Beine.“ Vor wenigen Tagen reihte Thomas Gottschalk, Eckpfeiler des Mediums, in einem Interview den „Hagen-Skandal“ des Jahres 1979 unter die Sternstunden des deutschsprachigen Fernsehens. Er hat recht. Denn mit der provokanten Demonstration weiblicher Masturbationstechniken vor laufender Kamera erwarb die Künstlerin nicht nur das ewige Kainsmal oder die unauslöschliche Gloriole einer der umstrittensten öffentlichen Personen der Bundesrepublik. Im Rückblick zeigt sich, dass Nina Hagen damit die Personifikation der mit dem Begriff Punk nur unzulänglich bezeichneten widersprüchlichsten und wildesten Jugendära Nachkriegsdeutschlands wurde und – siehe Gottschalk – noch immer ist.

          Vergleichbar ist sie in dieser Hinsicht allenfalls mit der legendären Ausdruckstänzerin Valeska Gert, die während der Weimarer Republik die Deutschen mit ihren Auftritten bis aufs Blut reizte. Wahrgenommen als der leibhaftige Veitstanz der schlingernden Demokratie, tanzend und tobend, schreiend, singend, keifend und röchelnd, hielt sie Gericht über deutsches Spießertum, Traumata und sexuelle Zwänge, Heuchelei, Brutalität, Kadavergehorsam und Verklemmtheit. Unter dem oberflächlichen Etikett der „Godmother of Punk“ praktiziert Nina Hagen seit mehr als drei Jahrzehnten das Gleiche. Parallel zu ihrer Kunst lebte und lebt sie alle Irrungen und Wirrungen der aufbegehrenden achtziger Jahre bis in die letzten Verästelungen nach.

          Da ist auf der einen Seite die vom Modedesigner Jean Paul Gaultier beratene Künstlerin, die sich, 1986 von erfolgreichen – und selbstverständlich enorm spektakulären – Auslandstourneen zurückgekehrt, zur Punk-Rock-Diva stilisierte. Auf der anderen Seite präsentierte sich die Person Nina Hagen bis an die Grenzen des Exhibitionismus, als Suchende zwischen Buddhismus, Christentum und generationstypischem Aberglauben an Außerirdische, übte sich in Wüstenaskese und Predigertum, eiferte wie ein Savonarola – um im nächsten Moment rührend leise Töne im Kampf gegen Hungerkatastrophen und Flüchtlingselend anzuschlagen.

          „In deinem Kopf geht wahnsinnig viel durcheinander.“

          Wie viel sie dabei bis heute der Öffentlichkeit zumutet, bezeugt ein öffentlicher Stoßseufzer der sonst so notorisch selbstbeherrschten Talkmasterin Sandra Maischberger: „In deinem Kopf“, so kommentierte sie in einer ihrer Sendungen entnervt die Ausführungen Nina Hagens, „geht wirklich wahnsinnig viel durcheinander.“ Eben dieses Durcheinander befähigte die Künstlerin Hagen zu phänomenalen Leistungen. Eine hat sie dabei ihrer Vorgängerin im Geiste, Valeska Gert, voraus – die vier Oktaven mühelos umfassende Stimme.

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          Geboren in Ost-Berlin als Tochter von Eva Maria Hagen, geprägt auch von deren damaligem Lebensgefährten Wolf Biermann, absolvierte sie fünfzehnjährig eine Gesangsausbildung, machte in der DDR als Sängerin Furore, emigrierte 1976 nach West-Berlin und produzierte gemeinsam mit der Nina-Hagen-Band (später phänomenal erfolgreich als Spliff) Alben, die zu Meilensteinen der Musikgeschichte weit über den Punk hinaus wurden. Zitate des orgelnden Gesangs einer Zarah Leander, die Eiseskälte einer Grace Jones, die Wildheit einer Aretha Franklin oder der Furor Tina Turners stehen ihr problemlos zur Verfügung. Schade, dass sie sich, aufs Ganze gesehen, mit relativ wenigen Alben begnügte; oder doch eine Wohltat, weil dadurch die musikalischen Juwelen umso heller funkeln – bis heute.

          Ein Glücksfall, wenn irgendeine Talkshow Eva Maria Hagen, Nina Hagen und deren Tochter, die Schauspielerin Cosma Shiva Hagen, zusammenführt. Staunend erkennt man dann, dass nicht nur England oder Österreich über Künstlerdynastien verfügen, sondern auch wir. Dass Nina Hagen der unablässig exzentrische Mittelpunkt der hochbegabten Trias ist, macht sie zuweilen so unerträglich – und unentbehrlich. Heute wird sie sechzig.

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