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Zwei Einführungen in die Philosophie : Was Schokolade mit Metaphysik zu tun hat

  • -Aktualisiert am

Bild: S. Fischer Verlag

Der eine steuert auf eine Weisheitslehre zu, der andere kartiert Debattenterrain: Gert Scobel und Philipp Hübl führen auf unterschiedlichen Wegen in die Philosophie ein.

          Der bekannte Fernsehmoderator und Wissenschaftsjournalist Gert Scobel hat ein Buch über „die Erfahrung des Denkens“ geschrieben. Die Reise beginnt im Ohrensessel der Selbstbeobachtung, führt anhand der Theorien António Damásios zu neurowissenschaftlich geprägten Betrachtungen des Verhältnisses von Denken und Fühlen, widmet sich dann philosophischen Überlegungen zu einer Phänomenologie des Denkens, um schließlich nach Ausblicken auf anthropologische (Michael Tomasello) und psychologische (Gerd Gigerenzer) Forschungen in Erfahrungen einer meditativ-buddhistischen Unterschiedslosigkeit und des „Nichtdenkens“ zu münden.

          Scobel, ahnt man schnell, will nicht nur einen Überblick über ein aktuell vieldiskutiertes Feld geben, sondern will auf etwas hinaus. Und es ist wohl gerade die Mischung aus existentieller Meditation, Präsentation ungezählter philosophischer Gedanken wie wissenschaftlicher Befunde und Scobels Auftreten als Weisheitslehrer, die das Buch zu einer quälenden Lektüre macht.

          Seine Gewährsmänner würden dem Autor widersprechen

          Introspektionsübungen sollen den Leser auf die Spur des wahrnehmenden Selbst bringen: „Wo ist das Selbst, das Sie sicher auch wahrgenommen haben, das all dieses, was Sie wahrgenommen haben, tatsächlich wahrgenommen hat? Ist Ihnen der Gedanke gekommen, dass am Ende alles, was Sie wahrgenommen haben - ,draußen’ und ,drinnen’ -, im Grunde aus einer einzigen Quelle, Ihrem Geist, stammt - oder zumindest doch in Ihrem Geist, Ihrem Bewusstsein zusammenlaufen muss, damit Sie es - auch wenn es von ,draußen’ kommt - wahrnehmen können?“

          Zwei Konzepte führt Scobel so ein: den Bewusstseinsstrom des Psychologen William James sowie Kants „ich denke“, das alle meine Vorstellungen begleiten können muss, um eine Einheit der Erfahrung zu begründen. Das Selbst, das der Leser introspektiv wahrgenommen haben soll - was der Rezensent entschieden bestreiten möchte -, macht dabei stark den Eindruck einer sprachlichen Substantialisierung, vor der eigentlich etliche philosophische Gewährsmänner Scobels, etwa der ausgiebig zitierte Wittgenstein, warnen.

          Kunterbunt aneinander vorbei

          Scobel weiß zwar um diese Einwände. Er schreibt das „denken“ und „das philosophieren“ mit der Begründung klein, dass es „das“ Denken eigentlich nicht gebe, es handle sich schließlich um ein Tun, einen Vorgang. Doch bleibt diese Maßnahme völlig folgenlos, indem nun eben unverdrossen Behauptungen über „das denken“ aufgestellt werden. Von Anfang an drängt sich so ein Eindruck auf: So genau darf man es mit diesem Text gar nicht nehmen. Für ein Buch über das Denken ist es freilich fatal, wenn der Leser besser nicht mitdenkt.

          Aber was soll man tun, wenn man etwa mit durchaus aufwendigen philosophischen, neurowissenschaftlichen oder zen-buddhistischen Konzeptionen konfrontiert wird, aus denen dann mit Aplomb Schlussfolgerungen gezogen werden wie die, dass das sinnliche Erleben von Schokolade etwas anderes sei als das Denken an Schokolade? Oder wenn eine Liste von „Werkzeugen“ des Denkens, mit der ein Teil über Regeln, Logik, Paradoxien, Unterscheidungen und noch manches andere mehr beschlossen wird, kunterbunt nebeneinander Positionen enthält wie: „die Analyse und Produktion von Mustern“, „das Vergleichen von Gegenständen, Gedanken, Bildern und Gefühlen“ sowie „das Miteinander-Sprechen (Kommunikation)“.

          Mystische Visionen

          Seit Aristoteles, schreibt Scobel, gilt der Satz vom Widerspruch: Eine Aussage kann nicht auf denselben Gegenstand zugleich zutreffen und nicht zutreffen. Das scheint ihm irgendwie nicht zu gefallen, und so setzt er zu einer höchst allgemeinen Eloge auf den Widerspruch an - oder, allen Ernstes, auf „Widersprüche gegen bestehende Theorien“. Das ist natürlich schlichtweg eine Sinnverschiebung, denn jetzt meint „Widerspruch“ nur noch einen Einwand oder einen Widerspruch zwischen Theorie und Daten, nicht mehr den logischen Selbstwiderspruch, was den Verfasser aber nicht weiter zu stören scheint: Von nun an bilden Widersprüche - nicht, dass man dies einmal am Beispiel vorgeführt bekäme - gleichsam das Ideal, an dem sich das Denken zu bewähren hat.

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