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Ulrich Tukur: Die Spieluhr : Das Bild zeigt, was es nicht zeigt

  • -Aktualisiert am

Bild: Ullstein

Rollenprosa: Der Schauspieler Ulrich Tukur spinnt seine Filmrolle aus „Séraphine“ in einer Novelle mit phantastischen Zügen weiter, wie sie einem nicht alle Tage begegnet.

          Der mehrfach ausgezeichnete Film „Séraphine“ von Martin Provost aus dem Jahre 2008 erzählt ein historisch verbürgtes Wunder der Kunst: 1912 zieht sich der vornehme deutsche Kunstsammler Wilhelm Uhde in einen kleinen Ort der französischen Picardie zurück, wo schon die Impressionisten der Natur verfielen. Dort entdeckt er durch Zufall in seiner Putzfrau Séraphine Louis eine begabte Malerin, die aus Blut, Öl und Kräutern Farben zusammenbraut und damit überwältigend leuchtende Blumen, Bäume und Früchte auf Holztafeln zaubert.

          Ohne Anleitung oder Ausbildung folgt die tief religiöse Bäuerin damit einem göttlichen Befehl, den sie mit flackernder Inbrunst und befeuert von ihren lateinischen Gesängen ausführt. Ulrich Tukur spielt in dieser ziemlich fesselnden Geschichte eines Naturgenies den sensiblen Connaisseur, der nach damals noch Namenlosen wie Pablo Picasso und Georges Braque nun ein geheimnisvolles Talent gerade dort aufspürt, wo es sonst niemand vermutet. Tukur hat die Rolle Uhdes offenbar nicht losgelassen, in seiner zauberhaften Novelle spinnt er sie jetzt weiter.

          Film und Historie raffiniert verflechtet

          Ihren besonderen Reiz bezieht sie aus der raffinierten Verflechtung der historischen Begebenheit mit der filmischen Darstellung, den realen Dreharbeiten und dem Übertritt des Schauspielers in die vergangene Welt Séraphines und Uhdes. Tzvetan Todorov hat das Phantastische in seiner berühmten Definition dadurch bestimmt, dass der Leser über die Realitätshaltigkeit einer Erzählung ständig im Ungewissen gehalten wird. Genau das passiert in diesem Buch. Hier spricht ein im gleichen Jahr wie Tukur geborener Schauspieler in erster Person, der im Film eines Regisseurs anderen Namens den Wilhelm Uhde spielt.

          Dabei zitiert er ständig Bilder und Dialoge aus Martin Provosts „Séraphine“, um schließlich in einer phantastischen Zeitreise in die vor seiner eigenen Geburt liegenden Ereignisse selbst einzudringen. Wiederholt zweifelt dieser Erzähler selbst, ob das Geschehen noch realistisch zu erklären oder bereits wunderbar sei, die Grenzen zwischen Wirklichkeit und Traum verfließen. Zunächst folgt die Novelle dem Film, gerät dann aber über die geheimnisvolle Suche des beteiligten Regieassistenten nach einem Drehort für Séraphines Kammer in die Sphäre eines verwunschenen Schlosses mit einem musikalisch wie künstlerisch hoch begabten adeligen Personal.

          Aus der Traum- oder Wahnwelt 

          Die Berichte dieses jungen Mannes aus jener Traum- oder Wahnwelt wirken bizarr und unglaubwürdig, vor allem werden sie aber jäh unterbrochen. Denn bald findet man ihn erhängt in einer alten Linde. Dieses Bild, das auf der letzten Seite auch als stilisierte Zeichnung zu sehen ist, erinnert ungemein an das Ende des Films: Séraphine Louis, die ihre letzten Jahre in der Nervenheilanstalt von Clermont-sur-l’Oise verbrachte, hat mit Uhdes Hilfe ein teures Einzelzimmer mit Gartenzugang erhalten. Sie schreitet auf einen jener majestätischen Lebensbäume zu, die sie immer liebte und so gern darstellte.

          Einen Augenblick hält man den Atem an, ob der mitgeführte Stuhl ihr zum Sitzen oder als Podest für einen Selbstmord dienen soll. Im Buch macht sich der Schauspieler auf, ihren Geheimnissen weiter nachzuforschen und damit auch die Bemühung des Regieassistenten fortzuführen, der ihm einen mysteriösen Brief hinterließ - bestehend zunächst aus einem leeren Blatt, das erst allmählich seine Schrift offenbart. Was dem Darsteller Uhdes auf seiner Suche begegnet, kann hier nicht preisgegeben werden. Nur so viel sei verraten: Der faszinierte, tiefe Blick Uhdes, dem schon Séraphines zuerst erblicktes „Bild zeigte, was es nicht zeigte“, geht in dieser Novelle als Schule eines neuen Sehens auf den erzählenden Schauspieler über.

          Man mag das auch einen Glauben an die Möglichkeit nennen, „daß es eine Welt hinter der Leinwand gäbe, die für uns nicht zugänglich, aber ebenso wirklich sei wie diese“. Sympathisch ist, dass der Leser zu keiner mystischen Erfahrung überredet wird, sondern ungewöhnliche Wahrnehmungszustände, übersinnliche Erscheinungen rund um die titelgebende Spieluhr oder mögliche Täuschungen auf die Probe gestellt werden. Das verrät viele phantastische Züge, verspricht aber eine Lektüre, wie sie einem nicht alle Tage begegnet.

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          Ulrich Tukur: „Die Spieluhr“. Eine Novelle. Ullstein Verlag, Berlin 2013, 156 S., geb., 18,- €.

          Quelle: F.A.Z.

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