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Neuer Roman von Clemens Setz : Wer ist hier eigentlich krank?

Was tut man, wenn man sich „aurig“ fühlt? Clemens Setz spürt den Schwingungen eines Hotelzimmers nach. Bild: Julia Zimmermann

Der neue Roman von Clemens Setz ist eine Zumutung. In einer vertrackten Stalking-Geschichte werden die Grundfragen zivilisierten Zusammenlebens neu verhandelt – in Form einer tausendseitigen synästhetischen Gehirnmassage.

          Diesen Roman zu lesen ist eine Qual, das muss man so sagen. Aber das heißt nicht, dass es sich nicht lohnt. Vielleicht ist das bei Literatur noch immer (oder heute wieder) ein geläufiges Missverständnis, dass sie uns, ohne zu sehr zu verstören, hübsch durchpsychologisierte Geschichten und Figuren servieren soll, die letztlich unser Weltbild bestätigen. Von moderner Kunst zum Beispiel würde man das ja nicht unbedingt erwarten. Bei einem Roman von Clemens Setz sollte man es auf keinen Fall erwarten.

          Jan Wiele

          Redakteur im Feuilleton.

          Der 1982 in Graz geborene Autor hat offenbar die Tradition der modernen, insbesondere der österreichischen Literatur verinnerlicht: Sprachkrise und Empiriokritizismus in der Muttermilch sozusagen. Empfindungszergliederung von Mach bis Musil, Formzertümmerung von Bahr bis Bernhard. Was Setz noch mit dem „nervösen“ Zeitalter verbindet, ist der Hang zur Darstellung von Krankheit und Deformation.

          Eine Protagonistin von Aurigkeit

          Aber seine Literatur ist bei weitem keine der nur wiederholten Moderne, denn sie erschließt stofflich ganz neue, gegenwärtige Erfahrungsräume, insbesondere die Auswirkungen der Internetkommunikation. Manchmal kippt sie auch ins Genre der dystopischen Science-Fiction – und nicht selten ertappt man sich dabei, etwas googeln zum müssen, um zu sehen, ob es das wirklich gibt oder man wieder nur einem verrückten Setz-Einfall aufgesessen ist.

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          Dieser Erfindergeist bedingt, dass die Erzählungen von Clemens Setz auch sprachlich neue Wege beschreiten. Der Autor liebt Neologismen. Gleich auf den ersten Seiten plaziert er das für den Roman zentrale Adjektiv: „aurig“. Das klingt ein bisschen wie „traurig“ ohne „tr“, leitet sich aber von „Aura“ ab. Und für Menschen mit einer besonderen, auch unheimlichen Aura hat Setz seit jeher ein Faible; man denkt gleich auch an die seltsame Indigo-Krankheit in seinem letzten Roman.

          Bis in die hintersten Winkel der Wahrnehmung

          Hier nun trifft es eine junge Frau, Natalie Reinegger: „Aurig – das war ihr Wort, seit der Kindheit, für den Zustand, der einem Grand-Mal-Anfall vorauszugehen pflegte.“ Mit diesem Satz weiß man das Wichtigste über die Protagonistin des Romans, dass sie nämlich sozusagen unter Strom steht, immer bedroht von einer epileptischen Attacke der großen Malaise, ja vom großen Meltdown und dem Todeshauch, wie es später heißt. Trotz oder gerade wegen dieser Disposition ist Natalie eine, die sich um andere Kranke kümmert. In Graz arbeitet sie in einer Einrichtung für Menschen mit Behinderung. Aber über die ersten paar hundert Seiten wird man sich zunächst immer sicherer, dass die Hauptfigur noch kränker ist als alle Insassen des Wohnheims.

          Sie hat ständig eine imaginäre Maus auf der Schulter. Sie zeichnet ihre eigenen Essgeräusche mit dem iPhone auf und macht daraus einen Podcast, den sie zur Austreibung musikalischer Ohrwürmer hört. Wenn sie die Haut einer anderen Frau sieht, die sich jahrelang geritzt hat, möchte sie „am liebsten Honig darauf schmieren“, einem Patienten sieht sie sich im Geiste eine Axt in den Schädel hauen. Sie würde am liebsten Hundehaufen mit der Zunge berühren. Unter einer Brücke hat sie fast täglich Oralverkehr mit fremden Männern, während sie mit dem von ihr hinausgeworfenen Freund, der sie offenbar noch liebt, Chat-Spielchen treibt: Sie schreibt ihm etwa „Warum rufst Du nicht zurück, Schatz?“, nur um dann, wenn er es tatsächlich tut, mit den Worten „Ich kann jetzt nicht!“ aufzulegen.

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