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Veröffentlicht: 06.12.2012, 16:50 Uhr

Feiern im Unternehmen Die Welt im Weihnachtstaumel

Weihnachtsfeiern in Unternehmen sind geliebt und gefürchtet - das ist nicht nur in Deutschland so. Von festlichen Ansprachen bis zu rustikalen Saufgelagen ist alles vertreten. Unsere Korrespondenten berichten.

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© Patrice Hauser/hemis/laif Ob drinnen oder draußen: Die Londoner lassen es gerne krachen.

Tabledance in London

Weihnachtsfeiern in der Londoner City sind legendär. Es gibt kaum eine Chance, in der Vorweihnachtszeit ein ruhiges Restaurant zu finden: überall grölende und kreischende Mitarbeiter der Bankenmeile, an langen Tischen zusammengedrängt, Papierkronen auf dem Haupt, knallende Weihnachtscracker in der einen Hand, Sekt in der anderen Hand und hoch die Tassen. Wenn es rüder wird, tanzen die Frauen auf dem Tisch, und die Männer saufen, was spätnachts die Passagiere mit der feuchten Bescherung auf dem Boden der U-Bahn erdulden müssen. Aber es ist zünftig geworden. Die Finanzkrise hat zugeschlagen. Die Luxusfeiern, die große Investmentbanken für ihre „Masters of the Universe“ früher in den teuersten Hotels Londons abhielten, gehören weitgehend der Vergangenheit an. Was waren das noch für Zeiten, als sich die Banker der City im dunklen Anzug gegenseitig für ihren schönen Erfolg und ihre noch schöneren Bonuszahlungen auf die Schultern klopften, auf die Zockerei des nächsten Jahres tranken und nebenbei einer schönen Hostess am Ausschnitt tätschelten. Ach ja, die Hostessen: Da es in der City nur von Männern wimmelt, wurden zu den Weihnachtsfeiern der Banken oft Hostessen eingeladen - damit es lustiger wird. Als dann aber immer mehr Damen in den Bankenetagen aufstiegen und die Kolleginnen ebenfalls auf die Weihnachtsfeiern drängten, wurde es kompliziert. Im Schummerlicht des Empfangs konnten die Banker oft einfach nicht erkennen, welche Schönheit mit tiefem Ausschnitt nun Hostess und welche die leitende Mitarbeiterin im Fixed Income Sales war.

Banker im Township

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Manager oder Banker aus der Kapstädter Innenstadt verirren sich normalerweise eher selten nach Gugulethu. In dem Township lebt auch heute fast ausschließlich die arme schwarze Bevölkerung. Doch vor „Mzoli’s Place“, dem bekanntesten ansässigen Lokal, parkt in der Vorweihnachtszeit eine Limousine hinter der anderen. „Es ist ein Trend, die Leute wollen einfach mal etwas anderes erleben“, erzählt Eigentümer Mzoli Ngcawuzele. Seit Wochen ist sein Township-Wirtshaus für Firmenweihnachtsfeiern ausgebucht. Anders als die feineren Etablissements in der Stadt macht Mzoli nicht viel Aufhebens um ein Weihnachtsmenü oder gar Weihnachtsdekorationen. Es gibt, was es immer gibt: Pap, ein Maismehlbrei, Chakalaka, ein scharfes Gemüsegericht, und vor allem: Unmengen von Fleisch. Letzteres wird auf einem offenen Holzkohlenfeuer gegrillt, dem in Südafrika überaus populären „Braai“. Salate oder Nachspeisen sind in diesem Teil der Welt etwas für Schwächlinge und tauchen daher erst gar nicht auf der Speisekarte auf. Allgemein halten die Südafrikaner ihre Firmenweihnachtsfeiern gerne in einer entspannten Atmosphäre ab. Oft trifft man sich am Wochenende mit der ganzen Familie zum Picknick, sitzt auf Klappstühlen, schaut den Kindern auf der Wasserrutsche zu und unterhält sich über den anstehenden Urlaub. Anfang Dezember fangen in Südafrika die langen Sommerferien an. Weihnachtliche Stimmung kommt da eher selten auf, selbst wenn ein Weihnachtsmann - wie bei der Feier von South African Airways - in einer Cessna einfliegt und bei 30 Grad Geschenke verteilt.

Wichteln in Singapur

Weihnachten ist am Äquator Party-Zeit. Zumindest hinter geschlossenen Türen. Zwar strahlt die Einkaufsmeile Orchard Road in festlichem Lichterglanz, und in den Supermärkten erklingen Choräle. Doch auf den Weihnachtsfeiern der Firmen, die ein Muss sind, ist es mit der Festlichkeit schnell vorbei. Alkohol strömt, Karaoke-Wettbewerbe werden abgehalten und Preise für die beste Verkäufer, den clownigsten Mitarbeiter oder die netteste Sekretärin ausgelobt. Keine Weihnachtsfeier aber ohne Geschenke: Normalerweise gibt es die traditionellen „door gifts“, eine Überraschungstüte vor dem Nachhausegehen für jeden Mitarbeiter. Mehr und mehr wird auch in der Tropenstadt Singapur gewichtelt. Oder jeder Mitarbeiter bekommt im Vorfeld einen Geschenke-Partner zugelost, für den es dann einkaufen gehen heißt - was die Singapurer sowieso gerne tun. All das macht den Inselbewohnern aber nur Spaß, wenn es rund um ein mehrgängiges Abendessen geschieht. Meist sind es traditionelle chinesische Speisen: Fisch, Ente, die teure Haifischflossensuppe dann, wenn das Unternehmen gut verdient hat, im Nachgang Reis und zum Abschluss Mangopudding. Alle sind pünktlich fertig: Denn in Preußisch-Asien steht schon auf der Einladungskarte das Ende der Veranstaltung vermerkt. Nach dem Pudding heißt es aufspringen und zur U-Bahn hetzen. Schließlich wird morgen wieder Geld verdient.

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