https://www.faz.net/-gwz-846vk

Soziale Systeme : Die Fifa-Maschine

  • -Aktualisiert am

Der Boss: Fifa-Präsident Sepp Blatter Bild: AP

Organisationen wie der Weltfußballverband neigen zu Boss-zentrierten Strukturen mit Klientelwirtschaft. Dergleichen ist in der Soziologie gut bekannt.

          3 Min.

          Die Debatte über die Fifa und ihren Präsidenten hat interessante Details des Alltags einer globalen Sportorganisation zutage gefördert. Dass bei der Vergabe von Großereignissen nicht nur gute Argumente, sondern vor allem tiefe Taschen gefragt sind, ist keine Überraschung. Neu und für viele Beobachter irritierender war, dass die Beteiligten nur wenig Unrechtsbewusstsein zeigten, das Treiben der Funktionäre von einigen sogar als legitim erachtet wurde.

          In Erinnerung bleiben dürfte hier der dominikanische Funktionär Osiris Guzman, der Blatter in eine Reihe stellte mit Moses, Abraham Lincoln, Winston Churchill, Martin Luther King, Jesus und Nelson Mandela. Der Verehrung dürfte nicht geschadet haben, dass Blatter auf dem diesjährigen Kongress der Föderation der Fußballverbände der Karibik sowie Nord- und Zentralamerikas, der auch Guzman angehört, der Region einen zusätzlichen Startplatz bei Weltmeisterschaften in Aussicht gestellt hatte.

          Patron und Klient

          Die Selbstverständlichkeit, mit der eine Hand die andere wäscht, erinnert an eine traditionelle Patron-Klienten-Beziehung: Der Patron hat die Ressourcen und Verbindungen, um anderen zu helfen. Deren Dankbarkeit bringt ihm Prestige, aber auch die Gewissheit, zu gegebener Zeit Gegenleistungen abrufen zu können. Der Patron Sepp Blatter hilft also jenen Klienten, die ihm durch ihre Loyalität von Nutzen sein können. Diese archaische Struktur der Fifa steht in merkwürdigem Kontrast zur Modernität ihres Geschäftsgebarens. Bei der Vermarktung und Ausrichtung ihrer Großveranstaltungen gibt sich der Weltfußballverband als professionelles Wirtschaftsunternehmen. Wie passt dies zusammen?

          Einen Hinweis gibt ein kürzlich erschienenes Sonderheft der Zeitschrift European Urban and Regional Studies, das sich mit „Mega-Events“ in postsozialistischen Ländern beschäftigt, also mit Großereignissen wie der Fußball-EM in Polen und in der Ukraine, den Olympischen Winterspielen in Sotschi oder der geplanten Fußball-WM in Russland. Die Herausgeber zählen mehr als ein Dutzend Veranstaltungen, die zwischen 1999 und 2020 stattgefunden haben oder geplant sind, mehr als die Hälfte davon in Russland und Kasachstan. Den Erfolg gerade autoritär geführter Länder in der Konkurrenz um Großereignisse führen die Autoren darauf zurück, dass diese einen besonderen Nutzen von ihnen haben: Die ins Land fließenden Ressourcen werden eingesetzt, um klientelistische Strukturen zu zementieren. Die Zuteilung lukrativer Veranstaltungen sichert den Herrschenden die Loyalität von Stadt- und Regionalpolitikern. Im Rahmen einzelner Länder wiederholt sich also ein Muster, das Organisationen wie die Fifa insgesamt kennzeichnet: Die Allokation von Großveranstaltungen und finanziellen Zuwendungen wird zur Ressource in einem Tausch von Geld gegen Unterstützung.

          Schlag nach bei Merton

          Die Perfektion, mit der beispielsweise Blatter auf diese Weise seine bis zuletzt stabil erscheinende Herrschaft befestigte, erinnert an die Situation amerikanischer Großstadtpolitik von der Mitte des 19. bis ins 20. Jahrhundert. Der Soziologe Robert K. Merton prägte den Begriff der „politischen Maschine“ für Verhältnisse, in denen eine Parteiorganisation unter der Führung eines „Bosses“ durch die Infiltration der öffentlichen Verwaltung die Trennung der Staatsgewalten praktisch aufhebt. Die politische Maschine kann ihren Unterstützern deshalb allerlei Vergünstigungen anbieten, zum Beispiel Ämter und Subventionen. Je effektiver sie darin ist, desto mehr Unterstützung kann sie mobilisieren; und die entsprechenden Wahlerfolge sorgen für einen weiteren Zufluss von Ressourcen.

          Die globalen Sportorganisationen kopieren dieses Muster der politischen Maschine: Sie verschaffen sich Zugang zu lukrativen Ressourcen, mit denen sie Unterstützung kaufen können. Die klassische politische Maschine parasitiert an den Ressourcen des Staates und der Wohlfahrtsbürokratie, die Fifa und andere an den Sponsorengeldern.

          Merton hätte das Wirken Blatters sicherlich nicht in derselben Weise verklärt wie dessen Fußballfunktionäre. Aber seine Analyse der politischen Maschine kann trotzdem ihre soziale Funktion würdigen. Sie leistet Unterstützung flexibler und „näher am Menschen“ als die offizielle Bürokratie, weil sie auf persönlichen Beziehungen beruht. Es geht den Begünstigten nicht nur um Geld, sondern auch um Anerkennung der eigenen Interessen. So gesehen muss der Fifa zumindest die unwahrscheinliche Leistung zugestanden werden, auch Trinidad und Tobago die Anerkennung und Zuneigung des globalen Fußballs vermittelt zu haben.

          Literatur

          Martin Müller/John Pickles (Hg.): Global games, local rules: Mega-events in the post-socialist world, European Urban and Regional Studies (Special Issue), Vol. 22 (2015); Robert K. Merton: Social Theory and Social Structure. 2nd. ed. Glencoe: Free Press 1957.

          Weitere Themen

          Atomkerne aus der Form geraten

          Kernphysik in Erklärungsnot : Atomkerne aus der Form geraten

          Der Theorie nach sollten stabile Atomkerne eine runde Form haben. Am kanadischen Forschungszentrum Triumf hat man jetzt zwei Ausreißer entdeckt. Diese bringen die Kernphysiker in Erklärungsnot.

          Wie künftig die Grundsteuer berechnet wird Video-Seite öffnen

          Erklärvideo : Wie künftig die Grundsteuer berechnet wird

          Mit einer Grundgesetzänderung hat der Bundestag den Weg für eine Reform der Grundsteuer frei gemacht. Die Berechnung soll sich künftig am Wert der Immobilie orientieren. Auf Initiative Bayerns können die Bundesländer aber auch andere Regeln erlassen.

          Topmeldungen

          „Märsche für die Freiheit“ : Barcelona im Ausnahmezustand

          Die Proteste gegen das Urteil im Separatistenprozess legen die Stadt und weite Teile Kataloniens lahm. Die „Sagrada familia“ wurde geschlossen, dutzende Flüge abgesagt – und eines der wichtigsten Fußballspiele Spaniens verschoben.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.