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Gottesdienste in Corona-Zeiten : Die Messe ohne Volk ist zeitgemäß

Drei sind beisammen: Der Bischof von Rottenburg-Stuttgart, Gebhard Fürst, feiert am 22. März 2020 im Rottenburger Dom die heilige Messe ohne Gläubige. Bild: dpa

Erzwingt das rechte Verständnis des Zweiten Vaticanums die Volksmesse auch in der Zeit der Pandemie? Nein: Die sogenannte Privatmesse ist nur gleichsam privat.

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          Die Zweiheit einer Zusammenkunft reicht aus, damit ein Gott sich dazugesellt. „Denn wo zwei oder drei in meinem Namen versammelt sind, da bin ich mitten unter ihnen“, heißt es beim Evangelisten Matthäus (Kapitel 18, Vers 20). Somit kollidieren die neuesten staatlichen Vorgaben, sich außerhalb des eigenen Hausstandes nur noch zu zweit in der Öffentlichkeit zu versammeln, nicht mit dem biblischen Minimum der Religionsfreiheit.

          Christian Geyer-Hindemith

          Redakteur im Feuilleton.

          Wenn es um den Gottesdienst im sakramentalen Sinne geht, um die Feier der Eucharistie, kann das Minimum sogar auf eine Person, den Priester in Einzelzelebration, begrenzt werden. Das sei zwar nicht ideal, betont das Zweite Vatikanische Konzil, wenn es im Liturgie-Schreiben „Sacrosanctum Concilium“ (Artikel 27) erklärt, dass die Feier der Messe „in Gemeinschaft – im Rahmen des Möglichen – der von Einzelnen gleichsam privat vollzogenen vorzuziehen ist“. Vorzugswürdig je nach Möglichkeit – das meint im Umkehrschluss aber gerade kein Verbot der Einzelzelebration.

          Wie auch? Wäre sie unerlaubt oder auch nur in einem strengen Sinne inadäquat, widerspräche das der metaphysischen Konzeption der Messfeier, der zufolge „vom mystischen Leib Christi, das heißt dem Haupt und den Gliedern, der gesamte öffentliche Kult vollzogen“ wird (Artikel 7). So kann es die Privatmesse als theologischen Begriff gar nicht geben. Privat heißt hier immer nur „gleichsam privat“ (siehe oben Artikel 27), insofern bei jeder soziologisch gesehen „privat“ gefeierten Messe die Kirche in ihrer Gesamtheit agiert, das heißt ihrem theologischen, vom Zweiten Vatikanischen Konzil festgehaltenen Selbstverständnis folgend: die Kirche in ihrer irdischen wie himmlischen Dimension den Kult vollzieht.

          So gesehen, fährt der metaphysische Anspruch die physischen Kontakte herunter, nicht hoch, macht sie entbehrlich auch dort, wo sie wünschenswert bleiben, wie das gültige Kirchenrecht unterstreicht, wenn es die Messe als Erlösungsgeschehen beschreibt (Codex Iuris Canonici, Canon 904): „Immer dessen eingedenk, dass sich im Geheimnis des eucharistischen Opfers das Werk der Erlösung vollzieht, haben die Priester häufig zu zelebrieren; ja die tägliche Zelebration wird eindringlich empfohlen, die, auch wenn eine Teilnahme von Gläubigen nicht möglich ist, eine Handlung Christi und der Kirche ist, durch deren Vollzug die Priester ihre vornehmste Aufgabe erfüllen.“

          Metaphysischer und soziologischer Sinn

          Was passt, so sollte man meinen, also auch theologisch besser in unsere momentane Zeit, und sei es nur auf die nächsten zwei, drei Wochen, als ein Gottesdienstverständnis, das nicht zwingend auf Versammlung angewiesen ist? Das sehen drei Professoren der Liturgiewissenschaft anders. Unter der Überschrift „Privatmessen passen nicht zum heutigen Verständnis von Eucharistie“ fragen Albert Gerhards (Bonn), Benedikt Kranemann (Erfurt) und Stephan Winter (Münster) im Portal katholisch.de, ob die traditionell „missa sine populo“ (Messe ohne Volk) genannte Feier noch zeitgemäß sei, und antworten: „Eindeutig nein.“ Das erwähnte konziliare Schreiben „Sacrosanctum Concilium“ (Artikel 7) habe verdeutlicht, „dass Liturgie von allen Getauften gemeinsam und öffentlich vollzogen wird“. Ja, aber eben doch, wie gesehen, in einem metaphysischen, nicht soziologischen Sinn. Nach diesem Verständnis sind bei jeder Messfeier in der Tat alle Getauften anwesend, qua mystischer Leib Christi, ohne als physisch versammelte Gemeinde bezifferbar sein zu müssen.

          Auf der Linie dieser Unterscheidung stellt der evangelische Göttinger Staats- und Kirchenrechtler Hans Michael Heinig im „Verfassungsblog“ vom 17. März klar: „Verboten sind gerade nicht ,Gottesdienste‘, sondern ,Zusammenkünfte‘.“ Woraus kirchlicherseits kein Stillhalteabkommen mit einem Präventionsstaat abzuleiten ist. Ungern, so Heinig, „befände man sich in einigen Wochen in einem Gemeinwesen wieder, das sich von einem demokratischen Rechtsstaat in kürzester Frist in einen faschistoid-hysterischen Hygienestaat verwandelt hat“.

          Die stellvertretende Funktion des Priesters ist, sei es in Einzelzelebration oder im gut besetzten Gotteshaus, eine geistliche. Sie beansprucht keineswegs, die Gemeinde vor Ort obsolet zu machen, wie das die drei Liturgiewissenschaftler nahelegen, wenn sie erklären: „Die Stellvertretung von Gemeinschaft lässt sich jedenfalls nicht durch eine einzige Person glaubwürdig repräsentieren.“ Nach Möglichkeit nicht. Im Ausnahmefall aber schon. Oder, wie der Freiburger Dogmatiker Helmut Hoping in seiner Replik auf die Liturgiewissenschaftler im selben Portal schreibt: Die „missa sine populo“ sei „nicht die Grundform der Messfeier, sie ist für das Konzil aber eine legitime Form“. Privatmessen, wenn man denn so will, sind keine Frage von Glaubwürdigkeit, sondern von Glauben und Infektionsschutzgesetzen.

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