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Was ist nun besser: Alle Einkäufe selbst mit dem Rad zu machen, oder sich Obst und Gemüse aus der Nähe direkt nach Hause liefern zu lassen? Bild: Charlotte Wagner

Ab in die Botanik : Fürs grüne Gewissen

Regional ist das neue Zauberwort für Konsumenten, die jetzt Gemüsekisten bei Bauern in der Nähe bestellen und alte Getreidesorten ausprobieren.

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          Regional ist das neue Lockmittel beim Einkaufen im Supermarkt. Die drei Salatherzen – ja, ein paradoxer Luxus – stammen immerhin aus Hessen, und verpackt wurden diese knackig-jungen Römer in Büttelborn, wo auch immer das sein mag. Natürlich könnte ich nachschauen, die angegebene Postleitzahl genügt mir aber als Beleg für die Regionalität. Gleichzeitig überlege ich, ob es nicht an der Zeit wäre, auf eine gemischte „Kinzigkiste“ umzusteigen: mit zwölf Produkten, die zumeist saisonal in nächster Nähe reiften und regelmäßig geliefert würden. Direkt an die Tür. Vermutlich nicht per Rad, was mir wiederum für den Transport aller Einkäufe dient, somit mein grünes Gewissen beruhigt, für das ich nun die bequeme individuelle Belieferung gegen den eingesparten Verpackungsmüll sowie genaue Herkunftsnachweise abzuwägen habe.

          Ungeahnte Perlen im Gesäuse

          Sonja Kastilan
          Redakteurin im Ressort „Wissenschaft“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Dass man Regionalität wirklich sehr weit treiben kann, habe ich erst kürzlich im Gesäuse erlebt. Dieser lautmalerische Flecken – und Nationalpark – in der Steiermark ist vor allem für die steilen Felswände im Durchbruchstal der Enns berühmt, doch neben der beeindruckenden Klosterbibliothek im Stift Admont hält das Gesäuse noch andere Kulturperlen bereit. Was einst als „Kracherl“ getrunken wurde, kommt heute als „Gesäuse-Perle“ ins Glas: Limonade in fünf eigentümlichen heimischen Geschmacksrichtungen. Darunter selbstverständlich Apfel-Holler – vergleichsweise brav, anders sieht es mit der Preisel- und der oft missachteten Stachelbeere (Ribes uva-crispa) aus, wo kein Zuckerzusatz das Herbsäuerliche zähmt. Und dass ich Neugierige, die Stachelbeerschmand liebt und süßen (nicht gelben) Sprudel dem sauren manchmal vorzieht, in diesem Fall nicht widerstehen konnte, war ja klar. Aber wer hätte gedacht, dass es einem steirischen Gasthaus gelingt, daraus ein erfolgreiches Konzept abzuleiten?

          Die „Hoamat“ in der Gemeinde Landl führt Admonter Perlen anstelle der üblichen Weltmarktbrausen, und was zunächst von Nachteil schien, stärkt inzwischen die Marke; selbst unter Kindern, die plötzlich gern auf ihre Cola verzichten. Das Motto „Regional, echt und zufrieden“ bedeutet hier übrigens, dass Bäcker, Brauer, Imker, Landwirte, Metzger, Obstbauern, Winzer, Fisch- und Rosenzüchter zu Partnern erklärt werden und Bundesministerien als Fördergeber mitmischen, darunter das für „Nachhaltigkeit und Tourismus“. Offenbar kein Widerspruch in Österreich, was man sich dann am besten in Form von Blunzengröstl, faschierten Laibchen, Krautsalat, Schnitzel oder Käsesuppe auf der Zunge zergehen lässt. Oder man probiert ein spezielles Risotto, das keines ist, weil das dafür verwendete Waldstaudenkorn nicht zur Gattung Oryza gehört, sondern als urige Roggensorte der Secale untergeordnet ist. Mein Tischnachbar war angetan, vom üppig darüber geriebenen Käse verführt, mir machte schon allein das ungewöhnliche rotbraune Gemenge Freude. Als ziemlich genügsam und robust gelobt, wird das Waldstaudenkorn zudem als Äsungspflanze empfohlen, die Wild eine gute Deckung biete. Im Feld mit S. cereale var. Multicaule versteckt, im sogenannten Johannisroggen, findet ein Reh wohl Ruhe und Schutz vorm Jäger. Der Ertrag ist nicht sehr hoch, die Halme werden jedoch zwei Meter und länger; ihr Stroh eignet sich schön als Flechtmaterial.

          Ich wollte auch der Roggenverwandtschaft auf den Grund gehen, ließ mich dafür auf ein paar Studien zur Phylogenie und Struktur der Gattung Secale ein und hoffe nach der Lektüre, dass uns alte Landsorten und ihre genetische Vielfalt erhalten bleiben. Als bekömmliches Urgetreide liegt das Waldstaudenkorn im Trend, sein Mehl verleiht Brot ein Honigaroma. Dass es wie Roggen und Weizen gar nicht europäisch ist? Egal, es gedeiht ja jetzt regional.

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